Warum ich nicht mehr joggen gehen kann

Beim Laufen konnte unsere Autorin stets abschalten. Seitdem sie ein Mann beim Joggen verfolgte, kann sie ihrem Hobby nicht mehr nachgehen.

Belästigung Warum ich nicht mehr joggen gehen kann

Ein fremder Mann verfolgte unsere Autorin beim Joggen. Quelle: Unsplash | CC0

„Und warum willst du bei uns trainieren?“

Die Fitnesstrainerin lächelt mich an. Ich weiß, was sie hören will. Bauch, Beine, Po: Welche Problemzone will ich bekämpfen?

Ich will wieder laufen gehen, denke ich.

Bis zum vergangenen Herbst bin ich mehrmals die Woche joggen gegangen. Nicht, weil ich meinen Körper verändern wollte. Ich habe es einfach nur geliebt, dass meine rasenden Gedanken mit jedem Schritt langsamer wurden. Bis zum vergangenen Jahr hat das gut funktioniert.

Beim Joggen konnte ich abschalten

Es war ein Samstagmorgen Anfang September. Noch vor acht. Wie immer war ich gerade aus dem Bett gekrochen und direkt in meine Laufklamotten geschlüpft. Allein und mit Kopfhörern im Ohr lief ich los. Ein paar Ecken von meiner Wohnung entfernt, fand ich mich hinter einer anderen Läuferin wieder. Unbewusst folgte ich ihr. Als sie in einen Park abbog, dachte ich mir: Warum eigentlich nicht mal eine andere Strecke ausprobieren? Ich kann jederzeit umdrehen.

Also lief ich ihr nach und landete auf einem schmalen, langen Grünstreifen. Vor mir sah ich kleine Grüppchen von Läufer*innen und einzelne Menschen ihre Runden drehen. Büsche und vereinzelte Bäume ließen den Park wie eine kleine, grüne Oase mitten in der Stadt wirken.

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Ich trabte los. Obwohl ich regelmäßig lief, war ich nie schnell. Ich lief immer so lange ich konnte, um dann eine Zeit lang zu Fuß zu gehen. Das wiederholte ich normalerweise etwa eine Stunde lang. Obwohl dieser Park eine ungewohnte Umgebung war, merkte ich, dass ich nach ein paar Minuten meinen Alltag losließ. Alle Gedanken, die sonst in meinem Kopf herumwirbelten, beruhigten sich, sobald meine Füße Meter um Meter zurücklegten.

Nach etwa der Hälfte meines Trainings lief mir ein Mann entgegen. Unsere Blicke begegneten sich kurz. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er mir noch lange Zeit folgen würde.

Ich lief weiter. Nach einiger Zeit merkte ich, dass jemand hinter mir war. Ich dachte, ich würde überholt werden. Doch die Person blieb mit gleichbleibender Geschwindigkeit hinter mir. Ich drehte mich um. Es war der Typ, der mir kurz vorher entgegengelaufen kam.

Plötzlich folgte mir ein Mann

„Hey, bleib mal kurz stehen!“, rief er, als er sah, dass ich mich umgedreht hatte. Ich hörte ihn, obwohl Taylor Swift gerade in mein Ohr sang.

Reflexhaft bremste ich ab. Vielleicht hatte ich etwas verloren und er wollte es mir geben.

Doch dann sagte er: „Du siehst so schön aus!” Er lächelte und ging auf mich zu. „Wie geht es dir?”

Mir wurde klar, dass der Mann mir nichts zurückgeben wollte. Er machte mich an. Jetzt, wo ich vor ihm stand, sah ich, dass er keine Laufkleidung anhatte. Statt leichter Sportkleidung trug er eine fleckige Stoffhose und eine viel zu dicke Jacke. Er war hier nicht zum Sportmachen. Er war nicht zufällig hinter mir gejoggt. Er war mir bewusst gefolgt.

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Auf diese Erkenntnis folgte eine weitere: Ich war allein mit ihm. Ohne es zu bemerken, war ich in einer Ecke des Parks gelandet. Die Büsche und Bäume, die anfangs so malerisch gewirkt hatten, waren nun ein Sichtschutz, durch den ich keine anderen Läufer*innen mehr sehen konnte. Der Typ kam auf mich zu. Er war größer als ich. Er war muskulöser als ich.

Ich dachte: Wenn er sich entscheiden würde, mich festzuhalten, gäbe es für mich keine Möglichkeit zu entkommen.

Ich fühlte mich in die Enge gedrängt. Ich geriet in Panik. Taylor plärrte immer noch aus meinen Kopfhörern. Ich riss sie mir aus den Ohren und lief los. So schnell ich konnte, rannte ich aus der Ecke auf den Parkausgang etwa hundert Meter weiter zu. Mein einzigen Gedanken waren: Ich muss raus aus dieser Situation. Wenn ich auf der Straße bin, sind da Autos. Wenn es sein muss, schmeiße ich mich vor ein Fahrzeug. Aber ich will nicht mehr in dieser unangenehmen Situation sein.

Obwohl ich weglief, verfolgte er mich weiter

Ich rannte schnell. Zu schnell. Als ich die Straße erreichte, war ich außer Atem.

Der Typ war immer noch hinter mir. Er rief wieder „Hallo!” und „Willst du etwas machen?”

Panik stieg weiter in mir auf. Warum war er noch da? Ich war doch weggelaufen. Warum folgte er mir immer noch? Ich war aus der Puste. Die Panik und die Tatsache, dass der Typ mir immer noch folgte, ließen mich nicht richtig Luft holen. Ich konnte nicht mehr schnell laufen. Ich konnte nur gehen. Und sogar dabei war mir schwindelig. Ich versuchte, ruhiger zu atmen. Ich dachte, wenn ich nur wieder richtig zu Atem kommen könnte, könnte ich weglaufen.

Auf der sonst vielbefahrenen Straße fuhren nur hin und wieder Autos. Samstagfrüh in Berlin. Alle schlafen ihren verfluchten Rausch aus.

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Ich dachte kurz daran, ein Auto anzuhalten. Aber was sollte ich sagen? „Da läuft mir ein Typ nach“? Mehr war nicht passiert. Oder war nur noch nicht mehr passiert? Ich sah mich um. Etwa zwanzig Meter hinter mir ging der Mann. Er sagte nichts mehr. Er folgte mir aber immer noch.

Ich packte mein Handy aus.  

„Hi Mama, ja klar bin ich schon wach! Ja, ich gehe gerade nach Hause!“, plapperte ich los. Ich redete zusammenhangslos, tat so, als würde ich telefonieren. Wollte ihm klar machen, dass ich nicht alleine war. Während ich meiner imaginären, deutschsprachigen Mutter von meinen imaginären Wochenendplänen erzählte, überlegte ich, wen ich wirklich erreichen könnte.

Ein panischer Teil von mir schrie in meinem Kopf: „Da geht dir ein fremder Typ nach! Obwohl du weggelaufen bist! Er kann dich jeden Moment in eine dunkle Ecke ziehen!”

Ich fragte mich: Übertreibe ich?

Ich rief einen Freund an. Gefühlt läutete sein Telefon unendlich lange.

„Mir folgt ein Mann. Er ruft mir Dinge nach. Ich bin hier alleine. Ich wollte dich nur anrufen und dir Bescheid sagen“, erklärte ich ihm, sobald ich sein verschlafenes Hallo hörte.

In den zwei Sekunden, die zwischen meinem Redeschwall und seiner Antwort vergingen, fragte ich mich: Übertreibe ich?

„Willst du die Polizei rufen?“, fragte mein Freund. Er klang besorgt. Das reichte mir als Bestätigung, dass ich hier nichts falsch verstanden hatte.

„Bleib dran. Zumindest noch ein wenig“, antwortete ich. „Wenn er näher kommt, sag ich es dir.“

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Das war aber nicht nötig. Denn dann retteten mich, ohne dass sie es wussten, zwei Pärchen aus Brandenburg. Ich war so konzentriert auf die Situation und die Straße vor mir gewesen, dass ich fast in die Gruppe reinlief, als sie aus einer Ausfahrt kamen.

„Junge Frau, können Sie uns vielleicht sagen, wo hier das Museum ist? Wir haben uns wohl verlaufen und finden es nicht. Wir sind nicht von hier“, erklärte eine der beiden Frauen.

„Es ist alles gut. Ich melde mich gleich“, sagte ich noch ins Telefon und legte auf.

Ich drehte mich noch einmal um. Der Typ war weg. Ob er in ein Haus gegangen oder sich irgendwo versteckt hatte, weiß ich nicht.

Gemeinsam mit den beiden Pärchen ging ich zur nächsten großen Kreuzung. Dort war das Museum, das die Brandenburger*innen besuchen wollten. Dort waren mehr Menschen. Der Typ war immer noch nicht zu sehen. Ich war aber nicht mehr allein und konnte nach Hause gehen.

Dieses Erlebnis beeinflusst mich noch heute

Es ist nichts passiert. Darauf komme ich immer wieder zurück, wenn ich diese Geschichte erzähle. Ich bin in keine dunkle Ecke gezerrt worden. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, was der Typ vorhatte. War das seine merkwürdige Art zu flirten und er hat mich dabei erschreckt? Oder wollte er mich wirklich angreifen und die Brandenburger*innen haben es unwissentlich verhindert? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß: Es ist etwas mit mir passiert. Ich kann seitdem nicht joggen gehen. Nicht mehr so, wie ich es bisher getan habe. Ich habe seit diesem Vorfall versucht, alleine eine Laufrunde zu drehen. Aber sobald ich auch nur ein Knacken neben mir hörte, schreckte ich auf und riss mir wieder die Kopfhörer aus den Ohren. Statt gedanklich abzuschalten, war ich die ganze Zeit über angespannt. Ich sah mich um und beobachtete meine Umgebung genau. Statt zu entspannen, kam ich komplett verschreckt nach Hause.

Deshalb sitze ich jetzt vor dieser Fitnesstrainerin, die mich anlacht und nur hören will, an welchen Stellen ich abnehmen will.

„Ich will schneller werden“, sage ich ihr stattdessen, „Und nicht so schnell aus der Puste kommen.“