„Bella Ciao“: Wie eine Hymne der Arbeiterbewegung zum Sommerhit 2018 wurde

Im diesjährigen Sommerhit wird der Tod als Widerstandskämpfer*in besungen. Unsere Autorin bezweifelt, ob das allen, die im Club mitgrölen, klar ist.

„Bella Ciao“: Wie eine Hymne der Arbeiterbewegung zum Sommerhit 2018 wurde

In einer Schlüsselszene der spanischen Netflixserie Haus des Geldes singen der Professor und Berlin erstmals das Lied. Foto: Netflix

Vielleicht beginnt die Revolution ja mit einem Vodka-Red-Bull in der Hand. Zumindest wäre das eine Erklärung dafür, warum der neue Sommerhit so populär ist. Vielleicht ist es aber auch Ignoranz oder ein grenzgenialer Witz.

Fangen wir von vorne an: Bella Ciao von El Profesor im Hugel Remix ist der offizielle Sommerhit 2018. Das Unternehmen GfK Entertainment, das diesen im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie jährlich ermittelt, begründet die Entscheidung unter anderem so: „Er hat eine eingängige Melodie, verbreitet Urlaubsstimmung, feiert große Erfolge in den (…) offiziellen deutschen Charts, wird in Clubs rauf und runter gespielt und stammt von einem Künstler, der hierzulande noch relativ unbekannt ist.“

Statt Sex am Strand nun Revolution?

Männerstimmen erklingen, werden immer lauter. Sie singen inbrünstig und auf italienisch: „O bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!“ Der Beat setzt ein. Er knallt und droht am Höhepunkt zu explodieren. Der Sound erinnert an grelles Licht, aufgeknöpfte Hemden, hochhackige Schuhe und kurze Kleider. Wie es sich für einen Sommerhit gehört, geht er sofort ins Ohr, macht Laune auf Strand und Urlaub in den Partyhochburgen dieser Welt.

Ein Sommerhit muss kommerziell sein, muss am Ballermann, auf Abi-Reise und im Club auch nach fünf Bier noch gleichermaßen funktionieren. Bella Ciao im elektronischen Remix erfüllt all diese Kriterien. Darum ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass der Song den Dauerbrenner Despacito nun als Sommerhit ablöst. Während Luis Fonsi aber im vergangenen Sommerhit noch von Sex am Strand fantasierte, ist Bella Ciao ein zutiefst politischer Song mit einer über hundert Jahre alten Geschichte.

Der Sommerhit ist eine Hymne der Widerstandsbewegung

Die Melodie des Liedes Bella Ciao sangen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Reispflückerinnen in der Nähe der Stadt Bologna. Sie beklagten darin die harten Arbeitsbedingungen und die stechende Sonne. Bekanntheit erlangte das Lied schließlich in seiner Adaption durch die italienische Widerstandsbewegung gegen den Faschismus während des Zweiten Weltkrieges. Darin wird der Freiheitskampf der Partisan*innen pathetisch besungen und ihre Toten als Helden betrachtet. Mit der Zeit übersetzten Menschen auf der ganzen Welt den Song. Er gilt bis heute als Hymne linker Arbeiterbewegungen. Auch auf Demos gegen Rechtsextremismus und für Antifaschismus sind die Zeilen zu hören. Übersetzt lautet der Text des Liedes:

„Eines Morgens erwachte ich
und fand den Eindringling vor.
O Partisan, bring mich fort
O Schöne, tschau, Schöne, tschau, Schöne, tschau, tschau, tschau!
O Partisan, bring mich fort
Denn ich fühle, dass ich bald sterben werde.“*

Popularität stammt aus einer Netflixserie

In einer Schlüsselszene der spanischen Netflixserie Haus des Geldes (Originaltitel: La casa de papel), singen zwei Protagonisten erstmals Bella Ciao, um sich auf einen Überfall auf die spanische Banknotendruckerei einzustimmen und sorgen für einen Gänsehaut-Moment. Die Kriminellen stilisieren sich selbst in der Serie als Freiheitskämpfer*innen und wollen zu Kapitalismuskritik anregen.

Seither hört man den Song überall, er verbreitete sich rasant im Netz. Der bisher eher unbekannte französische DJ und Remixer Florent Hugel erkannte den Trend, schnappte sich Bella Ciao und legte einen Beat darüber. Im Video dazu inszeniert er sich selbst als El Profesor, der in der Serie der geniale Kopf der Bande ist. Dazwischen tanzen im Musikvideo halbnackte Frauen im Polizeikostüm. Spätestens mit diesem Remix war die Partisan*innen-Hymne im Mainstream angekommen.

„Und falls ich als Partisan sterbe (…)
Dann musst du mich begraben
Begrabe mich dort oben auf dem Berge
Und die Leute, die daran vorbeigehen,
Werden mir sagen: ,Welch schöne Blume!‘
Dies ist die Blume des Partisanen
Der für die Freiheit starb.“

Auch der deutsche Justin Bieber will Revolution, aber in Markenklamotten

Abseits des Remix versuchen mittlerweile so einige Musiker*innen, auf der Welle des Erfolges mitzuschwimmen. So auch der deutsche Justin Bieber, Mike Singer. Er will auch Revolution, oder tut zumindest so. Mit dem politischen Ausgangsmaterial versucht sich der 18-Jährige an einem Musikvideo und scheitert. Seine Vision ist Hyperkapitalismus inklusive Markenklamotten und -Sneaker, Poolparty und fetter Karre.

Der ehemalige französische Boxer und Talentshowsänger Naestro interpretiert den Song gleich ganz neu und macht ihn zu einer Liebesgeschichte. Die deutschen Rapper Juri, Scenzah und Sun Diego probieren es mit Trap und Pseudo-Gangster-Rap. Steve Aoki konnte es ebenfalls nicht lassen und hat nun seinen Beat draufgedroschen.

Als offizieller Sommerhit ist der Song nun überall zu hören und seine Botschaft im Radio, im Club und im Supermarkt angekommen. Auch wenn es so manche vielleicht noch nicht mitbekommen haben und denken, dass Bella Ciao vom Schlussmachen handelt; der Mainstream tanzt längst zur Hymne der linken Arbeiter*innen und huldigt damit dem Antifaschismus. Da kann man ruhig mal von einer heimlichen Revolution auf der Tanzfläche sprechen. Mit oder ohne Vodka-Red-Bull in der Hand.

*Alle Zitate sind Übersetzungen aus dem italienischen Song „Bella Ciao“.


Anmerkung: In einer vorherigen Version des Textes haben wir geschrieben: „Sogar eine Kölner Mundart-Band veröffentlicht ihre Interpretation der ehemaligen Hymne der Widerstandskämpfer*innen.“ Die Mundart-Band hat den Song aber bereits vor Erscheinen der Folge veröffentlicht.