Berlin – Budapest: Wer lieber in den Nachtzug als ins Flugzeug steigt

Mit dem Zug von Berlin nach Budapest – das dauert nicht nur viel länger als mit dem Flugzeug, sondern ist oft auch deutlich teurer. Wer macht es trotzdem?

Nachtzug

14 Stunden dauert die Fahrt von Berlin nach Budapest. Foto: Andras Kovacs / Unsplash | CC0

Vier unterschiedliche Stempel sind am Ende auf dem Ticket und genauso oft hat wechselndes Zugpersonal die Reisenden im Sitzwagen in der Nacht geweckt. Hinzu kam ein Bundespolizist kurz nach Frankfurt an der Oder mit einem „Personalausweis oder Reisepass, passports please!“ Jetzt ist es nur noch gut eine Stunde bis zur Endstation in Berlin. Insgesamt hat die Fahrt mit dem Nachtzug aus Budapest 14 Stunden gedauert.

Knapp 30 Euro kostet eine Fahrt im günstigsten Fall im Sitzwagen. Eine Liege kostet zehn Euro, ein Bett 50 Euro mehr. Ein zum richtigen Zeitpunkt gebuchter Flieger wäre nicht nur gut zwölf Stunden schneller, sondern auch deutlich günstiger. Gleich drei Airlines fliegen täglich auf der Strecke zwischen Berlin und Budapest: Ryanair, EasyJet und Wizz Air unterbieten sich bei den Ticketpreisen gegenseitig. Für 25 Euro hin und zurück? Kein Problem! Wer setzt sich da in den Zug?

Der Diplomat, der jetzt mal langsam reist

Auch noch im Urlaub fliegen? Lieber nicht, dachte sich Anno, der mit seiner Frau Colette aus Haarlem bei Amsterdam bis nach Budapest fährt. Im Nachtzug haben sie den Liegewagen gebucht. Der Niederländer in seinen 50ern arbeitet als Diplomat in der Botschaft in Uganda und sitzt deshalb viel im Flugzeug. Jetzt wolle er „die Entfernung spüren“ und zusehen, wie die Landschaft sich verändert. Im Flieger steige man ein und sei dann plötzlich da, das Bahnfahren hingegen entschleunige.

Gerade hat er sich ein Bier bestellt – es gibt österreichisches Stiegl aus der Dose. Auf der Fahrt habe er zum ersten Mal seit Monaten seine Zeitung von vorne bis hinten gelesen. Seine Frau Colette fügt hinzu, es gehe bei ihrer Reise auch ums Klima: „Wir sind uns des Problems bewusst.“ Um nach Budapest zu kommen, hätten sie sich deshalb zum ersten Mal gegen das Flugzeug entschieden. Zwar seien sie auch vorher schon mit dem Zug verreist, etwa nach Paris. Das habe aber nur vier Stunden gedauert, da kam das Flugzeug für sie gar nicht infrage. So weit und so lange wie heute sind sie noch nie gefahren.

Die Studentin, die nicht fliegen möchte

Klara hat auf dem Weg nach Berlin den Sitzwagen gebucht. Die Ungarin ist mit einem Wanderrucksack unterwegs. Sie studiert in Budapest Literatur, ihr Freund lebt in Berlin. Weshalb sie den Zug gewählt hat? „Wegen des Klimas“, sagt sie. Das letzte Mal geflogen sei sie vor zwei Jahren. Mehr als einen ganzen Tag wird sie auf dem Weg nach und von Berlin im Zug verbringen. Die Zeit musste sie sich nehmen, sagt sie. Viel im Zug zu sitzen, sei sie aber gewohnt. Wenn sie zum Beispiel zu ihren Eltern nach Cluj-Napoca in Rumänien fahre, dauere das auch lange. Auch ihre Eltern hat sie mittlerweile überzeugt, häufiger den Zug statt des Flugzeugs zu wählen, sagt sie. Bei ihren Freund*innen sei es schwieriger: Die schauen noch mehr aufs Geld und da hat der Flieger meistens die Nase vorn.

Die Schülerin, die sich Geld für eine Übernachtung spart

Nelly hat sich für den Zug entschieden, weil sie sich so eine Nacht im Hostel in Berlin spart. Als sie nach Tickets gesucht hat, kosteten Flug und Zug ungefähr gleich viel. Die 18-jährige Schülerin aus Finnland hat in Budapest eine Freundin besucht und ist jetzt unterwegs über Berlin nach Leipzig und Chemnitz, wo sie auch Freund*innen hat. Ob ihre Zugreise auch etwas mit dem Klima zu tun hat? Ein bisschen, antwortet sie zuerst und dann wiederum: „Das ist mir eigentlich egal“, sie lacht verunsichert. Dann sagt sie, ihr Vater arbeite für eine Airline und sie selbst fliege deshalb ziemlich viel. Er hätte es besser gefunden, wenn sie von Budapest nach Berlin im Flugzeug säße. Leise fügt sie hinzu: „Aber ich habe auch darüber nachgedacht, dass es besser ist für die Umwelt.“

Die Familie, die fürs Klima etwas Neues ausprobiert

Mit einem zweijährigen und einem fünfjährigen Kind in einem Backpacker*innen-Hostel in Berlin einzuchecken, das sei schon etwas merkwürdig, sagt Marie-Luise aus Dänemark. Genau das hat sie aber gemacht, am Tag bevor sie und ihr Mann Christian in den Nachtzug nach Budapest gestiegen sind. Sie haben sich entschlossen, einen Urlaub zu machen, ohne zu fliegen – wegen des Klimas. Um es für die Kinder möglichst angenehm zu machen, haben sie ihre Fahrt von Kopenhagen nach Budapest in drei Etappen eingeteilt und der Abschnitt von Berlin nach Budapest ist der längste.

Mit dem Nachtzug sind sie noch nie gefahren. Sie haben ein Liegeabteil gebucht. „Das ist es?“, habe er gedacht, als sie in das Abteil gekommen sind, sagt Christian. Er hatte auf mehr Komfort gehofft – mehr Platz und eine funktionierende Klimaanlage. Die hat der Zug der ungarischen Staatsbahn heute aber nicht zu bieten. Sohn Luis hingegen ist begeistert: Es sei doch so gemütlich! Marie-Luise sagt, es sei wichtig, so etwas einfach mal auszuprobieren. Sie kenne niemanden, der*die so eine Reise bereits gemacht habe. Ihre Freund*innen und ihre Familie seien aber sehr interessiert. Ob sie immer noch denkt, dass es eine gute Idee ist? „Ja, ich kann mir vorstellen, dass wir das wieder machen.“

Auf dem Weg von Berlin nach Budapest fährt der Nachtzug namens Metropol durch Tschechien sowie Polen, wo er unter anderem in Breslau hält. Nicht der ganze Zug, der in Berlin losfährt, kommt auch in Budapest an: In Tschechien wird der Zug getrennt. Ein Teil fährt nach Wien. Der Nachtzug nach Budapest wird von der Ungarischen Staatsbahn betrieben, vermarktet werden die Tickets allerdings durch die Österreichische Bundesbahn. Die hat einen Teil des Nachtzugnetzes der Deutschen Bahn übernommen, als die es 2016 einstellte. Angesichts der Klimakrise gibt es jedoch Stimmen, die mehr Nachtzüge in Europa fordern. Der schwedische Verkehrsminister etwa kündigte im März an, dass Schweden in internationale Nachtzüge investieren werde.