Berliner Balkone: Vom kaputten Kühlschrank bis zur zurechtgestutzten Geranie

Vielen, die nicht in den Urlaub fahren können, bleibt ihr Balkon. Wir zeigen anhand von Fotos, wie unterschiedlich der in der Hauptstadt genutzt wird und eine Expertin erklärt, was es mit der Faszination des eigenen Grüns auf sich hat.

Sacht wippt die blasslilane Geranie in ihrem ausladenden Tontopf hin und her, hinter ihr klettert dunkelgrüner Efeu die Altbauwand empor. Der räkelt sich bis zum Betonvorsprung der Nachbarswohnung; es scheint, als würde er hier gebraucht. Denn während der eine Balkon unweit des Tempelhofer Feldes mitten in Berlin den Sommer auch im Blumenbeet stattfinden lässt, steht auf dem anderen Sperrmüll. Ein alter Kühlschrank, dessen Kabel müde durch den Schlitz zwischen Gitter und Boden hängt, ein paar vom Regen schon fast aufgeweichte Pappkartons und splitternde Holzstühle. Geschmäcker sind offensichtlich so verschieden wie die Möglichkeiten, die paar Quadratmeter Frischluft vor seiner Wohnung oder seinem Haus zu nutzen.

Mehr als 58 Millionen Menschen haben in Deutschland in ihrem Wohnbereich Zugang zu einem Balkon oder einer Terrasse. Dabei fehle den meisten oft „die zündende Idee, wie sie ihre drei, sechs oder zwanzig Quadratmeter nutzen könnten“, sagt Balkon- und Gartenexpertin Christina Setzer. Der durchschnittliche deutsche Balkon ist tatsächlich nicht sehr groß: Den Meisten fällt es schwer, auf 1 bis 1,2 Metern Tiefe und 2 bis 2,5 Metern Länge grüne Oasen zu bauen. Es sei dennoch unglaublich, „wie viele Leute wunderschöne Wohnungen haben und dann einen pinken Flamingo und Gerümpel auf dem Balkon“, so die 43 Jahre alte Expertin, die ihren Job als Unternehmensberaterin aufgab, um sich vor elf Jahren ganz dem grünen Business zu widmen.

Vom Fensterbrett bis zur Dachterrasse

Es scheint sehr verschiedene Balkoncharaktere unter uns zu geben: Die variieren von denen, die mal eben nur die Joggingsocken zum Entstinken über die Brüstung hängen, bis hin zu denen, die ihre Außenwohnfläche zum botanischen Garten erklären. Wer wie wo was pflanzt oder mit dem Feierabendkaffeetässchen im Mini-Loungesessel mit witterungsstabilem Outdoorkissen versackt, hängt auch davon ab, mit was für einer Außenfläche er oder sie es zu tun hat.

Da gibt es etwa die Französischen Balkone, die nur minimal aus der Fassade hervortretenden Fenster, die wenig Raum zum Sitzen, aber viel Fantasie für kleine Kräutertöpfe und romantische Pärchenabende mit Sonnenuntergangsgedudel bieten. Gerade in Berlin finden sich aber auch einige riesige Dachterrassen, die mit prahlendem Ausblick protzige Grillabende präsentieren oder kleine Erker, die sich als überdachter Vorbau über mehrere Geschosse einer Altbaufassade ziehen.

Balkonsaison ist von April bis September

Selbst für die, die nur mit Fensterbrettern ausgestattet sind, gibt es Gestaltungsspielraum: „Es gibt Balkonkästen für Fensterbretter, die du in die Wand einklemmst und so auch Blumen ohne Balkon pflanzen kannst“, erklärt Christina Setzer. Sie empfiehlt jedem*r, der*die es sich im eigenen Bisschen Grün gemütlich machen will, schon früh im Jahr mit der Planung anzufangen. „Teilweise haben wir in Deutschland schon im März so warmes Wetter, dass man durchaus die Mittagspause etwa in der Sonne genießen kann.“ Von daher sei es ratsam, sich schon im Januar oder Februar zu überlegen, wann man was einsäen oder pflanzen wolle.

Nordbalkonier müssen sich nicht grämen, dass sie entgegen ihrer lichtreicheren Nachbarbalkons zu wenig Sonne abbekämen und somit weniger Chance auf sattes Grün hätten: „Es gibt Pflanzen, die sich auf einem Nordbalkon halten“, sagt die Expertin. „Efeu ist winterhart und rankt sich wunderbar die Wände entlang, Farne passen gut dazu oder die Heuchera, eine Blattpflanze. Kräuter wie Petersilie gehen auch immer.“

Entspannung und Löcher im Topf

Um die im Rohzustand meist kahle, kalte Fläche in eine gemütliche Grünzeit zu verwandeln, braucht es eher Kreativität als großes Budget. Rostige Gitter, verwitterte Böden, das seien meist die ersten Faktoren, bei denen man schnell und günstig Abhilfe schaffen könne, sagt Christina Setzer. Allerdings: „Die Leute davon wegzukriegen, dass man auf dem Balkon nicht auf einem Klappstuhl sitzen muss, ist gar nicht so einfach.“ Offensichtlich seien Deutsche noch sehr daran gewöhnt, dass Balkonmobiliar eher spartanisch sei. Das, sagt sie, ändere sich allerdings gerade.

Die Leute davon wegzukriegen, dass man auf dem Balkon nicht auf einem Klappstuhl sitzen muss, ist gar nicht so einfach.

Balkonexpertin Christina Setzer

„In Krisenzeiten haben Menschen immer das Bedürfnis, es sich zu Hause schön zu machen“, daher hätten viele vor allem während der Coronoavirus-Hochphase zwischen März und Mai etliche Balkonutensilien gekauft. Der Trend gehe klar zur Gemütlichkeit: „Kleine Polstermöbelchen und Füße hoch.“

Wer darüber hinaus das Hobbygärtnern für sich entdecke, solle aber auf alle Fälle direkt von Beginn an auf die richtigen Kästen und Töpfe achten: „Das A und O sind gute Balkongefäße: Das Gefährlichste ist Staunässe. Die Gefäße füllen sich zum Beispiel nach einem starken Schauer mit Wasser und das steht dann über Stunden und Tage, sodass die Wurzeln faulen.“ Dafür bräuchte es keine edlen Supertöpfe aus dem Gartencenter: „Du kannst jeden Plastikbalkonkasten aus dem Baumarkt einfach ein bisschen anbohren, um da Luft ranzulassen und Staunässe zu verhindern“, sagt die Gartenexpertin.

In Berlin ist die Balkonnutzung offensichtlich so abwechslungsreich wie die Menschen, die mit ihnen wohnen. Es gibt alles; Neuköllner*innen, die ihre gesamten Polstermöbel auf dem Balkon stapeln, Pankower*innen, die aus den paar Metern eine Gartenzwergoase bauen, oder Schöneberger*innen, die einfach nur eine Regenbogenflagge aus den weiten Fenstern hängen.