Berliner Escort wird vom Finanzamt diskriminiert und wehrt sich

Aya Velázquez ist Unternehmerin und Sexarbeiterin. Als sie Post vom Finanzamt bekam und dort anrief, wurde sie ausgelacht. Für sie ein Fall von Diskriminierung, den sie mit der Behördenleiterin besprach.

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Arbeitet mit Pausen seit Anfang 20 als Sexarbeiterin: Aya Velázquez. Foto: © privat

Seit 2013 betreibt die in Berlin lebende Aya Velázquez ein Start-up, über das sie nicht mehr verraten möchte, und arbeitet zugleich als Escort. Dieser Beruf ist mitunter stigmatisiert und mit vielen Vorurteilen behaftet. Auch Aya machte diese Erfahrung, wie sie kürzlich auf Twitter berichtete. In einem Thread erzählt sie von einem Anruf beim Finanzamt. Ihr dortiger Sachbearbeiter lachte sie wegen ihres Berufs aus. ze.tt hat mir ihr über den Anruf gesprochen.

ze.tt: Aya, wie kam es zu deinem Anruf?

Aya Velázquez: Ich habe Post vom Finanzamt bekommen. In dem Brief stand: „Nach den mir vorliegenden Informationen gehen Sie einer Tätigkeit im Rahmen eines Prostitutionsgewerbes nach.“ Ich wurde gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Es war ein Standardformular für die Erstanmeldung eines Gewerbes. Das kam mir schon seltsam vor, weil ich ja seit 2013 als Sexarbeiterin gemeldet bin und auch Steuern zahle. Ich habe das Formular ausgefüllt und wollte noch etwas nachfragen. Also habe ich die Durchwahl angerufen, die auf dem Schreiben genannt war.

Was ist dann passiert?

Ein Mann hat abgehoben und noch während ich mein Aktenzeichen durchgegeben habe, hat er angefangen zu lachen. Ich habe dann gefragt, warum er lacht. Erst hat er rumgedruckst und weiter gekichert. Dann sagte er: „Na, ich erinnere mich noch an den Fall.“

Wie hast du reagiert?

Ich habe gefragt, was er mit Fall meint, und es stellte sich heraus, dass er wohl dachte, dass mein Start-up so eine Art Tarnung für meine Arbeit als Sexarbeiterin sei. Ich denke, er vermutete auch, dass die Angestellte in meinem Start-up für mich entweder als Sexarbeiterin oder Bürodame für meine Escort-Dates arbeitet, also irgendetwas mit der Sexarbeit zu tun haben muss. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich sowohl ein Start-up mit einer Mitarbeiterin im Inland und zwei Mitarbeitern im Ausland führe, als auch Sexarbeiterin bin, und dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Er wurde schließlich immer kleinlauter und hat mich schließlich sachlich und fachlich korrekt beraten. Ich glaube, es hat sein Weltbild erschüttert, dass jemand sowohl der Sexarbeit nachgehen, als auch Arbeitgeberin in einer anderen Branche sein kann. Er dachte wohl: „Wer Nutte ist, kann nur Nutte sein.“ Er hat mich am Ende ernst genommen, weil ich Arbeitgeberin bin. Er hätte mich eigentlich aber auch dann ernst nehmen und sachlich behandeln müssen, wenn ich Sexarbeiterin gewesen wäre.

Nach dem Gespräch hast du dich entschieden, mit seiner*m Vorgesetzten zu sprechen. Warum?

Was er getan hatte, war grundfalsch. Es kann nicht sein, dass ich für meine Arbeit als Sexarbeiterin stigmatisiert werde. Er kann in der Kantine gerne über alles lachen, aber nicht mir gegenüber am Telefon.

Hast du jemanden ans Telefon bekommen?

Ja, ich habe in der Zentrale angerufen und gesagt, dass ich mit der*dem Vorgesetzten des Sachbearbeiters sprechen möchte, um einen Fall von Diskriminierung zu melden. Ich wurde mehrfach durchgestellt und hatte nach etwa fünf Minuten seinen Vorgesetzten in der Leitung. Ich hatte einen kurzen Schreckmoment, ob er mich nicht auch auslachen würde, aber er hat die Sache sehr ernst genommen. Er war verständnisvoll und hat mich gefragt, wie er sich verhalten solle, und ob ich eine Entschuldigung des Mitarbeiters wünsche. Ich meinte „Nein“, sondern bat darum, dass dem Mitarbeiter noch einmal genau erklärt wird, dass er sensible Berufe und stigmatisierte Minderheiten gleich behandeln müsse. Dass es ein Antidiskriminierungsgesetz gibt und ich als Sexarbeiterin einen sachlichen Umgang verdient habe. Der Vorgesetzte gab mir recht und stellte in Aussicht, dass ich am kommenden Tag nochmal einen Anruf bekommen würde.

Warst du damit zufrieden?

Es war schon eine Genugtuung, dass die Chefin des Finanzamts mich am nächsten Tag angerufen hat, um mich im Namen des Mitarbeiters um Entschuldigung zu bitten. Es war ein schönes Gefühl, ernst genommen zu werden. Ich hatte das Gefühl, Gerechtigkeit zu erfahren. Sie sagte auch, Prostitution sei etwas Normales und sie hätten ganz andere Jobs in den Akten.

Denkst du, dass dein Anruf etwas gebracht hat, um Diskriminierung beim Finanzamt zu verringern?

Ich bin mir nicht sicher, ob es in anderen Fällen so läuft, dass die Chefin anruft und um Entschuldigung bittet. Es hat mir wahrscheinlich schon einen Vorteil gebracht, dass ich mich klar artikulieren kann. Ich habe mit ihr auch darüber gesprochen, dass sich strukturell im Umgang zwischen Finanzamt und Bürger*innen etwas ändern müsste. Dass viele ein mulmiges, ungutes Gefühl hätten, wenn sie Post vom Finanzamt bekommen, selbst wenn sie regelmäßig ihre Steuern zahlen. Der Ton ist einfach meist sehr unfreundlich und einschüchternd. Sie hat mir zugestimmt und gesagt, der Ton des Finanzamts sei dezidiert sachlich und wirke dadurch oft rau und abschreckend, habe sich in jüngster Zeit aber schon verbessert.

Was hast du aus dieser Erfahrung gelernt?

Ich habe gemerkt, dass das Bild von Sexarbeit in der Gesellschaft immer noch schambehaftet ist, aber nur für Menschen, die selbst nicht darin tätig sind. Und dass wir das Recht auf Gleichbehandlung einfordern können. Es steht uns zu. Immer. Überall.

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