#BesondereHelden: So reagieren junge Menschen auf das Corona-Video der Bundesregierung

Drei Videos der Bundesregierung fordern junge Menschen unter dem Hashtag #BesondereHelden dazu auf, zu Hause zu bleiben. Vier junge Menschen erzählen, wie sie das finden.

Einfach nur witzig oder höhnisch gegenüber Nöten von jungen Menschen während der Corona-Pandemie? Ein Video der Bundesregierung sorgt für Streit. Foto: Bundesregierung

Am Samstag veröffentlichte die Bundesregierung das erste von mittlerweile drei Videos unter dem Hashtag #BesondereHelden. Gezeigt wird ein Senior, der von der schweren Zeit während der Corona-Pandemie im Winter 2020 erzählt. Damals war er selbst Student, das ganze Land hätte auf seine Generation geschaut. „Wir taten das, was von uns erwartet wurde“, sagt er und die epische Hintergrundmusik stoppt – „Nichts.“

Das Video richtet sich an junge Menschen: Sie sollen zu Hause bleiben, ist die Message. Dass das Video aussieht, wie aus einer Satiresendung entsprungen, überrascht nicht – produziert wurde die Werbereihe von Florida Entertainment, der Produktionsfirma von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Im Internet lösten die Videos eine kontroverse Debatte aus: Die einen feierten die Bundesregierung dafür, auf so lustige Art und Weise ein wichtiges Thema anzusprechen. Die anderen kritisierten die Bundesregierung dafür, dass Bedürfnisse und Nöte von jungen Menschen nicht gesehen werden würden.

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Wir haben junge Menschen gefragt, wie sie das Video wahrgenommen haben – und welche Videos sie vielleicht lieber von der Bundesregierung gesehen hätten.

Thilo, 20, Student

Ich hab das Video am Wochenende auf Twitter entdeckt. Zuerst fand ich es ganz witzig, aber je öfter ich es angesehen habe, desto mehr ist mir das Lachen im Hals stecken geblieben – als mir klar wurde, dass es sich hier nicht um ein Joko-und-Klaas-Video, sondern einen Werbeclip der Bundesregierung handelt. Ich hab mich durch das Video verspottet gefühlt. Ich weiß natürlich, dass ich als Student privilegiert bin. Aber ich finde es krass, wie die Bundesregierung mir mit dem Video zeigt, dass das alles doch gar nicht so schlimm und die Zeit zu Hause doch eigentlich ein Traum ist. Das ist sie für viele nicht.

Ich hab mich im ersten Lockdown weitgehend selbst isoliert und war – wie das Video empfiehlt – zu Hause. Aber ich lag nicht Chips essend vorm Fernseher. Von mir wurden dieselben Uni-Leistungen erwartet wie davor. Es gab Deadlines, die ich einhalten musste, Prüfungen, Hausarbeiten – trotz all der Umstände. Mir ging und geht es oft richtig dreckig. Ich wohne allein in einem 15-Quadratmeter-Zimmer – inklusive Küche, Bett, Schreibtisch. Während andere ihr zu Hause in Arbeit, Wohnen, Schlafen unterteilen können, ist mein Bewegungsraum auf wenige Meter beschränkt. Dadurch hab ich zeitweise total die Struktur verloren, war nächtelang wach. Dazu noch das reduzierte Sozialleben: keine Freund*innen und Kommiliton*innen mehr zu sehen hat mich in ein totales Motivationsloch gestürzt, ich hatte gar keinen Bock mehr, überhaupt etwas zu tun. Ich war einsam.

Von einem Satirevideo von Joko und Klaas wäre das okay – aber nicht von einem der Bundesregierung.

Thilo

Das Video sieht überhaupt nicht unsere Nöte. Von einem Satirevideo von Joko und Klaas wäre das okay, aber nicht von einem der Bundesregierung – deren Aufgabe es ist, unsere Nöte und Sorgen als Bürger*innen wahrzunehmen. Hier aber macht sie Witze auf Kosten einer bestimmten Gruppe, in diesem Fall junge Menschen. Was wäre, wenn das Video sich an Eltern wenden und sagen würde: „Seid Held*innen und rettet die Welt, indem ihr einfach eure Kinder alle vor YouTube setzt und Autoplay anmacht, ist doch alles halb so wild“ – hätte das denselben Applaus auf Twitter ausgelöst?

Natürlich haben alle Menschen gerade verschiedene Probleme und Herausforderungen. Gerade darum ist es wichtig, mit gegenseitigem Respekt und Aufmerksamkeit zu kommunizieren. Dieser Respekt hat hier gefehlt. Ich verstehe, dass die Bundesregierung junge Menschen ansprechen möchte. Aber ich hätte mir ein Video gewünscht, dessen Grundton ist: „Hi, danke, dass ihr zu Hause bleibt. Wir wissen, dass es für euch jungen Leute – wie für alle anderen gerade auch – scheiße ist. Aber bitte, bleibt weiter daheim – und dann schaffen wir das.“

Rebecca, 35 Jugend- und Heimerzieherin

Ich hab das Video nach einer 25-Stunden-Schicht im Jugendheim gesehen. Mir ist einfach alles aus dem Gesicht gefallen. Ich hab mich total verhöhnt gefühlt: Ein Student, der den ganzen Tag aufm Sofa liegt, wird hier als Held gefeiert. Klar, ich versteh schon, dass das witzig gemeint ist. Aber für mich war das trotzdem wie ein Schlag ins Gesicht, vor allem weil bei uns keine Unterstützung ankommt. Zum Beispiel von dem Corona-Geld, das Eltern bekommen. Ich muss seit Monaten neben meinem Job als Erzieherin auch Psychologin, emotionale Stütze, Lehrerin und teilweise sogar Gefängniswärterin sein, denn natürlich mussten wir die Maßnahmen streng umsetzen.

Wir haben neun Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren bei uns. Als die Schulen im Frühjahr zu hatten, mussten wir das Homeschooling übernehmen – sechs Mädchen standen kurz vor dem Abschluss, mit denen haben wir Prüfungsvorbereitung gemacht, so gut es eben ging. Nebenbei mussten wir auffangen, dass die Kinder aufgrund der Maßnahmen wochenlang ihre Eltern nicht sehen durften. Die haben während dieser Zeit eigentlich nur uns Erzieher*innen gesehen, ab und zu durfte jemand zu Besuch in den Hof kommen. Aber nach Hause zu den Eltern gehen und von Mama oder Papa gedrückt werden, das ging nicht.

Mir sagt dafür aber nie irgendwer von der Bundesregierung Danke. Ich fühle mich nicht gesehen.

Rebecca

Irgendwann war es ein reines Aushalten: Die Kinder mussten uns Erzieher*innen und sich gegenseitig aushalten, es gab keine Ausweichmöglichkeiten. Ein Mädchen meinte zu mir, die Situation fühle sich für sie wie die Vorstufe zum Knast an. Das war eine krasse Überlastung für mich. Mir sagt dafür aber nie irgendwer von der Bundesregierung Danke. Ich fühle mich nicht gesehen.

Am Ende des Videos sieht man eine Frau, die mit einem Pizzakarton an die Tür klopft. Ich weiß nicht genau, ob das die Freundin sein soll, ich dachte zuerst, es wäre eine Pizzabotin. Für mich steht sie für die arbeitende Bevölkerung, vielleicht jemand, der gerade von einem systemrelevanten Job kommt und Pizza mit nach Hause bringt. Statt dem Typen und seiner vermeintlich furchtbar schlimmen Zeit eine volle Minute und ihr nur wenige Sekunden zu widmen, hätte ich mir von der Bundesregierung ein Video gewünscht, das ihre Perspektive zeigt. Das zeigt, wie sich Menschen aufgrund der Corona-Krise den Arsch abrödeln, wie belastend diese Zeit für viele ist. Ich hätte ein Video toll gefunden, in dem sie nach Hause kommt – und ihr Freund, der den ganzen Tag zu Hause bleiben konnte, hat schon das Abendessen vorbereitet. Und nicht sie, die den ganzen Tag gearbeitet hat, muss auch noch das Essen mitbringen.

Lisa, 29, Polizistin

Ich empfinde den Spot nicht als unfair, weil es einfach wichtig und essenziell ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung jetzt zu Hause bleibt. Ich verstehe aber, dass sich diese Held*innendarstellung für Menschen in systemrelevanten Berufen unfair anfühlt: Sie würden auch gerne zu Hause bleiben und ihre Kinder, Eltern und Großeltern keinem zusätzlichen Ansteckungsrisiko aussetzen. Es sollte auf jeden Fall auch Spots geben, die die Menschen zeigen, die gerade nicht zu Hause bleiben können: Damit meine ich nicht nur mich und andere Polizist*innen, sondern Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Supermarktkassier*innen.

Bei Einsätzen habe ich besonders oft mit Jungen zu tun, die die Corona-Pandemie einfach als nicht so drastisch sehen.

Lisa

Ich kann gleichzeitig die Entscheidung nachvollziehen, Videos zu machen, die sich speziell an junge Menschen richten. Bei Einsätzen habe ich besonders oft mit Jungen zu tun, die die Corona-Pandemie einfach als nicht so drastisch sehen und sich ihrer Verantwortung in der aktuellen Situation nicht bewusst sind. Wir bekommen zum Beispiel öfter Anrufe wegen Ruhestörung, fahren dann zu den Wohnungen und treffen zwischen fünf und fünfzehn junge Menschen vor, die offensichtlich eine Hausparty feiern. Die glauben nicht, dass es so sehr auf sie ankommt.

Ich selbst fühle mich auch ein bisschen von dem Video angesprochen – vor allem in der Zeit, in der ich frei oder Urlaub habe. Ich mache zum Beispiel sehr gerne Couchsurfing, sowohl selbst auf Reisen als auch, dass ich Leute bei mir aufnehme. Das geht gerade natürlich beides nicht. Der Clip sagt auch mir, dass ich diese Zeit zu Hause verbringen sollte – wobei ich dafür ehrlich gesagt kein Video brauche, meine Arbeit erinnert mich tagtäglich daran, wie wichtig das ist.

Sebastian, 24, Student

Ich finde es übertrieben, dass die Videos in den sozialen Medien gerade so stark diskutiert werden. Am Ende sind es Werbeclips, auch wenn sie von der Bundesregierung kommen, und andere Clips werden auch nicht so dezidiert auseinandergenommen. Wenn die Message der Spots sein soll, dass wir Student*innen Held*innen werden, wenn wir zu Hause bleiben, finde ich das okay. Wahrscheinlich könnte ich in 40 Jahren so oder so ähnlich von dieser Zeit berichten. Aber nicht mit diesem Pathos und ich würde mich auch nicht als Held darstellen. Mir bleibt ja eigentlich nichts anderes übrig.

Das Opfer zu bringen, zu Hause zu bleiben, ist für viele leicht gemacht.

Sebastian

Worauf die Spots am Ende hinaus wollen: Das Opfer zu bringen, Zuhause zu bleiben, ist für viele leicht gemacht, augenscheinlich zumindest. Man muss keine physische oder aktive Leistung erbringen. Es ist gut, sich das vor Augen zu führen. Das studentische Leben aufs Nichtstun zu reduzieren, lässt allerdings viele Probleme außen vor, mit denen auch wir gerade zu kämpfen haben: Isolation und Einsamkeit, die Freude im Leben kann fehlen. Auch das Online-Studium ist anstrengend. Man braucht ein privilegiertes Umfeld, damit diese Zeit erträglich ist.

Meine Freundin und ich halten uns sehr strikt an die Vorgaben, mein kleiner 20-jähriger Bruder wiederum ist gerade nach Berlin gezogen und hat dort eine Ausbildung begonnen. Der ist natürlich mit seinen neuen Freund*innen an den Spätis unterwegs. Ich verurteile ihn nicht dafür, ich würde es in seinem Alter vielleicht nicht anders machen. Wenn solche Spots ihn erreichen und zum Nachdenken anregen, wäre das sicher nicht verkehrt. Das Junge-Leute-Bashing finde ich aber problematisch. Ich habe Verständnis dafür, dass ihnen das Leben mit Beschränkungen nicht leicht fällt.