Black Lives Matter: Schwarzer Aktivist rettet mutmaßlich rechten Gegendemonstranten

Das Foto von Patrick Hutchinson wird von vielen als Zeichen der Menschlichkeit gelesen. Schwarze Aktivist*innen hinterfragen derweil, warum gerade weiße Menschen das Bild so feiern.

Bei der Black-Lives-Matter-Demo am Samstag in London kam es zu Ausschreitungen zwischen Aktivist*innen und rechten Hooligans. Patrick Hutchinson trug einen mutmaßlichen Hooligan aus einer unübersichtlichen Situation. Foto: © Luke Dray / Getty Images

Am Samstag fanden in mehreren Städten in Großbritannien Black-Lives-Matter-Demonstrationen (BLM) statt – in London kam es dabei zu Zusammenstößen zwischen Aktivist*innen, Polizist*innen und extrem rechten Hooligans. Laut Angaben des Guardian nahm die Polizei 113 Menschen fest. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, waren überwiegend weiße Männer aus der rassistischen Football Lads Alliance sowie der extrem rechten Bewegung Britain First in das Londoner Stadtzentrum gekommen, um Statuen umstrittener Persönlichkeiten zu schützen.

Laut der Nachrichtenagentur Reuters kam es unter anderem am Bahnhof London-Waterloo zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen jungen BLM-Aktivist*innen und den Hooligans. Videos zeigen eine chaotische, nicht zu überblickende Situation. Dabei entstand das Foto eines Schwarzen Aktivisten, der einen offenbar benommenen, mutmaßlichen Hooligan aus der Gefahrenzone trägt. Bei dem Aktivisten handelt es sich um den Schwarzen Personal Trainer Patrick Hutchinson – die Identität des Geretteten ist bislang nicht bekannt.

„Ich hab nicht ihn beschützt. Ich habe unsere Kinder beschützt.“

Laut Hutchinson sei der Mann bei den Zusammenstößen von seiner Gruppe getrennt worden. „Sein Leben war in Gefahr“, sagte Hutchinson im Interview mit Channel 4 News. „Also hab ich ihn aufgehoben, ihn mir über die Schulter gelegt und bin in Richtung Polizei marschiert.“ In dem Interview kommen auch Freunde von Hutchinson zu Wort, die mit ihm versucht hätten, auf der Demo für Sicherheit zu sorgen – darunter Jamaine Facey. „Ich hab nicht ihn beschützt“, sagt dieser in Bezug auf den Geretteten. „Ich habe unsere Kinder beschützt. Ich habe ihre Zukunft beschützt.“ Wäre der mutmaßliche Hooligan bei den Zusammenstößen gestorben, hätte kein*e Richter*in berücksichtigt, was sich davor abspielte, vermutet Facey.

Hutchinson bezieht sich in dem Interview auch auf den Tod des Afroamerikaners George Floyd durch US-Polizisten, der die weltweiten Massenproteste auslöste. „Hätten die drei Polizisten, die drum herum standen, als George Floyd ermordet wurde, wie wir eingegriffen und ihren Kollegen daran gehindert, dann wäre George Floyd heute noch am Leben.“

Das Foto der Rettungsaktion ging indessen um die Welt. Von vielen wird es als Symbol für Menschlichkeit gefeiert. So twitterte beispielsweise die britische Labour-Politikerin Claudia Webbe: „Ein Nationalheld – so sieht Menschlichkeit aus.“ Der Politiker David Lammy schrieb: „Es ist leicht, sich auf die schlechtesten Instinkte des menschlichen Verhaltens zu fokussieren. Aber es ist wichtig, dass wir die besten feiern.“

Warum feiern besonders weiße Menschen das Foto so?

Von einigen BLM-Aktivist*innen wird hingegen hinterfragt, warum gerade weiße Menschen das Foto von Hutchinson so feiern. „Es ist ein alter bildlicher Ausdruck unserer endlosen Barmherzigkeit angesichts unterdrückender Gewalt“, twitterte der Musiker und Autor Jonny Virgo. „Es zeigt außerdem die Angst davor, dass der Horror des Rassismus mit Gewalt vergolten wird.“

Auch der Moderator Yewande Stan meldete sich auf Twitter zu Wort. Er warnte davor, in einen Diskurs über Respectability Politics zu verfallen. Der Begriff entstand Ende des 19. Jahrhunderts, Anhänger*innen warben für soziale und politische Veränderungen innerhalb der Schwarzen Community. Schwarze Stereotype sollten überwunden und Schwarze Menschen in weiße, bürgerliche Kreise integriert werden. Die BLM-Bewegung richtet sich gegen die Praxis der Respectability Politics, hinterfragt das Konzept des sogenannten respektablen Verhaltens und fordert die Anerkennung von Rechten, auch wenn man sich vermeintlich nicht respektabel verhält.

„Wir müssen nicht beweisen, dass wie keine herzlosen Wilden sind“, twitterte Yewande Stan. Er betonte, dass er damit nicht Patrick Hutchinson oder die Rettungsaktion kritisieren wolle. „Ich beziehe mich auf Menschen, die so tun, als wäre es unüblich, Menschen Humanität entgegenzubringen, die diese nicht zeigen. Wir sollten keine Beispiele brauchen, die unsere Barmherzigkeit darstellen. Die Geschichte zeigt, dass wir mehr als verständnisvoll waren.“ th

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