„Black Panther“ ist womöglich der bedeutendste Superheld*innenfilm überhaupt

Black Panther ist roher, intensiver und gesellschaftskritischer, als man es von Marvel gewohnt ist. Der Film feiert Blackness und stellt Frauen ungewohnt kraftvoll dar. Unsere Filmkritik

T'Challa alias Black Panther kommt mit Nakia (links von ihm) und Okoye (rechts von ihm) in Wakanda an. Sie laufen auf die Kamera zu, im Hintergrund ist ein modernes Flugschiff zu sehen.

Nakia (Lupita Nyong'o), T'Challa/Black Panther (Chadwick Boseman) und Okoye (Danai Gurira). © Marvel Studios 2018

Seit Wochen fiebert vor allem die schwarze Community der USA auf den Kinostart von Black Panther hin, jeder Trailer, jedes Statement wird verfolgt. Sie verspricht sich viel vom Film des Regisseurs Ryan Coogler.

Bei der Premiere in Los Angeles vergangenen Montag folgten die Gäste dem Dresscode der african royalty und erschienen in modischen Interpretationen traditioneller afrikanischer Gewänder. Die Zahlen sprechen für sich, Black Panther bricht schon vor dem Kinostart Rekorde: Er erreichte die höchsten Vorverkaufszahlen aller Marvel-Filme bisher und ist kurz davor, die höchsten Vorverkaufszahlen für einen Superheld*innenfilm einzuspielen.

Nun ist Black Panther nicht der erste schwarze Superheld und auch nicht der erste, der es in die Kinos schafft. Blade, Steel Man, Blankman, Meteor Man und Spawn sind nur einige Beispiele. Doch Black Panther dreht nun das Narrativ einmal komplett um: Wir sehen den stereotypen weißen Bösewicht und den stereotypen netten weißen Freund, während alle anderen Charaktere schwarz und komplex gezeichnet sind. Zudem wird im Film ein Land in einer alternativen Realität gezeigt, in der die Weißen niemals ihre Schreckenstaten vollbringen konnten. Damit trifft der Film einen Nerv.

Im Gegensatz zu The First Avenger: Civil War, wo der namensgebende Superheld das erste Mal auftrat, verzichtet Black Panther auf langgezogene Verfolgungsjagden und unübersichtliche Kampfszenen. Die oscarnominierte Kamerafrau Rachel Morrison setzt auf Duelle aus der Halbnahen und Nahen, sodass man sich als Zuschauer*in mittendrin fühlen kann. Jeder Hieb, jeder Tritt ist gut mitzuverfolgen.

Ein Superheld, der gleichzeitig auch König sein muss

Inhaltlich knüpft Black Panther an den Avengers-Film an und stellt nun Wakanda, das Königreich des Black Panthers, vor. Dieses entwickelte sich unabhängig von Kriegen und Kolonialisierung und versteckt seine durch das Metall Vibranium so hoch entwickelte Technologie, sodass nun alle glauben, es sei ein Dritte-Welt-Land. Dieses Versteckspiel passt nicht allen und so wird der Frieden Wakandas von innen wie von außen, durch Ulysses Klaue (Andy Serkis) und Erik Stevens alias Killmonger (Michael B. Jordan), bedroht.

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T’Challa/Black Panther (Chadwick Boseman) steht vor der schwierigen Herausforderung, sein Land vor der Enthüllung zu schützen, seinen Thron zu verteidigen und schwelende Konflikte unter den Stämmen Wakandas zu schlichten.

Wakanda könnte Vorbild für die Realität sein

Dies ist etwas, das nicht allzu unbekannt für viele afrikanische Länder sein dürfte, wie Anyang‘ Nyong’o, kenianischer Politiker und Professor für Politische Theorie, in The Star bemerkte: „Manchmal glauben wir, dass wir in Afrika die Wahl zwischen zwei Optionen hätten. Option eins: Wir behalten unsere Traditionen und Kulturen und bleiben für immer rückständig. Option zwei: Wir modernisieren uns, indem wir verwestlicht werden und vergessen unsere kulturellen Traditionen, welche, wie wir denken, von Natur aus in der Vergangenheit feststecken. Die Erfahrung der Menschen Wakandas lehrt uns, dass es anders ist.”

Wie ein Leben ohne Versklavung oder ohne den Verlust des kulturellen und sozialen Ursprungs aussehen könnte, beschäftigte schon viele schwarze Kunstschaffende. So kreierte das Musikerduo Drexciya aus Detroit in den 90ern elektronische Musik, die von einer Fantasiestadt im atlantischen Ozean inspiriert war. Oder Julie Dashs Film Daughters of the Dust von 1991, der die Geschichte der Gullah, Nachkommen von versklavten Afrikaner*innen verschiedener Länder, die weitestgehend isoliert von Weißen auf einer Insel in Georgia eine eigene Sprache und Kultur aus denen ihrer afrikanischen Herkünfte entwickelten und beibehielten, thematisiert.

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In Black Panther wird noch weiter zurückgegangen und durchgespielt, wie eine Kultur aussehen könnte, die nie kolonialisiert worden wäre. Vor allem mit den Kostümen und der Architektur Wakandas wird experimentiert. So treffen traditionelle afrikanische Bekleidung, (Körper-)Schmuck und Häuser verschiedener Ethnien auf Afrofuturismus. Wir sehen Bauelemente aus Timbuktu, Rundhäuser, um die Schultern getragene Decken wie die der Hirten in Lesotho, die mit Lehm geformten Haare der OvaHimba in Namibia, Lippenteller der Suri in Äthiopien, die gezielte Vernarbung und das Einreiben mit Kalk von Körpern zusammen mit modernsten Flugschiffen, durch magnetische Levitation fahrenden Zügen und schallabsorbierenden Sneaker.

Charaktere, die es in sich haben

Während die Figur Black Panther zwar sympathisch, aber nicht besonders herausragend als Superheld an sich ist, glänzen die Nebencharaktere umso mehr. Mit Erik Killmonger hat Black Panther einen weitaus vielschichtigeren Antagonisten als beispielsweise Loki es sein könnte. Er ist nicht einfach nur eine Bedrohung für das Königreich und für die Weltordnung, die von purer Bosheit zeugt, er ist das Produkt eines traumatischen Erlebnisses in der Kindheit und jahrelang erlebten Rassismus.

Er ist der intelligente Rächer des erlebten Leids unter der Herrschaft der Weißen, der im echten Leben nur in der Fantasie existieren kann, wie David Marriot in On Black Men beschreibt: „(…) Seine (die des schwarzen Menschen) defensive Fantasie (der Rache), ist sein Weg, sich psychisch gegen den Tod durch Tausende Lynchmorde zu verteidigen (…). Dies kann nicht verwirklicht werden, anders als die rassistische Fantasie, welche die Realität für sowohl Weiße als auch Schwarze strukturiert.”

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Immer wieder weist Killmonger auf das erfahrene Leid seiner Mitmenschen außerhalb Wakandas hin. Zum Beispiel, als er gefragt wird, warum er nicht um den Tod seines Vaters weine und er antwortet: „Alle sterben. So ist eben das Leben hier.” Und damit auf die Polizeibrutalität gegenüber Schwarzen in den USA deutet. Oder bei seiner kurzen Konversation mit einer weißen Angestellten des British Museum, nachdem er sein Interesse an den Ausstellungsstücken, die er später stehlen wird, bekundet. „Die stehen nicht zum Verkauf!”, entgegnet die Frau halb amüsiert, halb entrüstet, worauf Killmonger fragt: „Was glauben Sie, wie Ihre Vorfahren die bekommen haben?”

Shuri, die Prinzessin von Wakanda © Marvel Studios 2018

Auch die weiblichen Charaktere sind phänomenal. T’Challas Schwester Shuri (Letitia Wright) leitet das Labor, in dem Wakanda seine neuesten Technologien entwickelt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eine junge schwarze Frau leitet ein technisches Labor. Diese Botschaft an sich ist schon großartig, doch ist Shuri, wie sonst so oft in Filmen dargestellt, keine unterkühlte Karrierefrau, sondern ist stattdessen nie um einen frechen Spruch verlegen, mit dem sie ihren Bruder aus der Reserve zu locken weiß. Shuri ist also nicht nur eine junge, kluge Frau, die Leiterin in einer in der realen Welt männlich geprägten Branche ist, sie ist dabei auch noch unglaublich sympathisch – was eine Seltenheit in den großen Blockbustern ist.

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Die Anführerin der Dora Milaje, der komplett weiblichen königlichen Armee Wakandas, Okoye ist in einer atemraubenden Szene zu sehen, wie sie im wehenden roten Abendkleid auf dem Dach eines fahrenden Autos Ulysses verfolgt. Kurz zuvor beschwert sie sich über die Perücke, die sie undercover über ihrer Glatze tragen muss, und feuert sie schließlich wie eine Waffe im Kampf von sich. An dieser Stelle dürften viele schwarze Frauen, die ihr natürliches Haar täglich unter eine Perücke quetschen, zumindest innerlich jubelnd aufspringen.

Der Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass mehr Diversität in Hollywood längst überfällig ist. Black Panther wird zu Recht schon jetzt von der schwarzen Community gefeiert und es lohnt sich, sich von der Euphorie anstecken zu lassen. Zum Beispiel von diesen Schüler*innen der Ron Clark Academy in Atlanta, nachdem sie erfuhren, dass sie alle ein Ticket für Black Panther erhalten würden:

Black Panther:
USA, 2018, 134 Minuten, Originalsprache: Englisch

Regie: Ryan Coogler
Drehbuch: Ryan Coogler, Joe Robert Cole
Kamera: Rachel Morrison
Schnitt: Michael P. Shawver, Claudia Castello
Produktion: Kevin Feige/Marvel Studios
Darsteller: Chadwick Boseman, Letitia Wright, Lupita Nyong’o, Danai Gurira, Forest Whitaker, Daniel Kaluuya, Winston Duke, Michael B. Jordan, Angela Bassett, John Kani, Sterling K. Brown, Andy Serkis, Martin Freeman
Kinostart Deutschland:  15. Februar 2018