„Blackfacing“ zu Weihnachten: Hört auf, Diskriminierung mit Tradition zu rechtfertigen!

Krippenspiel, Sternsingen oder der Zwarte Piet: Was diese Traditionen mit Blackfacing zu tun haben und warum das nicht in Ordnung ist, erklärt unsere Autorin. Ein Kommentar

Krippenspiel und Sternsingen gehören für viele zur Vorweihnachtszeit dazu. Aber was hat das mit Blackfacing zu tun? Ein Kommentar

Unsere Autorin findet: Es liegt an uns, Stereotype nicht zu reproduzieren, sondern sie endgültig zu überwinden. Illustration: Elif Kücük / ze.tt

Erinnert ihr euch noch an das Krippenspiel in der Grundschulzeit? Oder wohnt ihr vielleicht sogar in deutschen Gefilden, in denen um den 6. Januar herum die Sternsinger*innen munter von Haus zu Haus ziehen und für wohltätige Zwecke als Caspar, Melchior und Balthasar fromme Balladen zum Besten geben? Die Drei aus dem sogenannten Morgenland, nichts Böses haben sie gewollt. Und doch greifen Jahr für Jahr wieder Eltern und Ministrant*innen beherzt in die Schuhcreme: Caspar erscheint zum Spendensammeln mit seinen zwei Gefährten nicht nur im prunkvollen Gewand, sondern im Blackface noch dazu. Eine karikierte Schwarze Person aus dem sogenannten Morgenland, dargestellt von einem weißen Menschen mit dunkel geschminktem Gesicht. Die Symbolhaftigkeit des vielleicht berühmtesten Trios des Christentums hinterfragen und eventuell ohne Blackface beim Krippenspiel und an der Nachbarstür erscheinen? Eine Diskussion, die den meisten wieder schwerer fällt als gedacht. Nur leider war ein Blackface, zu Deutsch die Gesichtschwärze, schon immer ein Problem

Bekannt geworden sind Bezeichnung und Praktik des Blackfacings durch US-amerikanische Minstrel Shows aus dem 19. Jahrhundert. Weiße* Menschen verkleideten sich hier als Schwarze**, inszenierten die ihnen bekannten Stereotype auf Theater- und Showbühnen für ein mittelständisches Arbeiter*innenpublikum und stellten die angeblich einfältigen Schwarzen humoristisch zur Schau. Minstrel Shows zeigten in stilisierter Form den Weißen, die oft keine Schwarzen aus ihrem Alltag kannten, zahlreiche Stereotype von Menschen, die sie nur als Untergebene verstanden. Sie wurden als ständig fröhliche, singende und naive Versklavte oder Hausangestellte dargestellt, die ihre Besitzer*innen trotz harter Arbeit lieben. Dabei wurde eine romantisierte Vorstellung vom Alltag der Versklavten auf den Plantagen inszeniert. Viele Stereotype gingen auch in andere nationale Erzählungen und das Liedgut ein. In modernen Medienformaten wird das Vorkommen von Blackfacing heute kontrovers diskutiert, laufen einem hin und wieder in Theater- oder Fernsehproduktionen über den Weg, die noch keinen Bogen um diese rassistische Praxis machen wollen. Hier geht es – anders als an Weihnachten – darum, Schwarzen und Indigenen People of Color Raum auf Bühnen zu geben, sie in Spielpläne zu integrieren und ihnen so mehr Engagements zu verschaffen, statt weiße Menschen mal eben in eine Rolle schlüpfen zu lassen.

Schon wieder will sich niemand nehmen lassen, was schon immer da war.

Fabienne Sand

Auch der Zwarte Piet, zu Deutsch Schwarzer Peter, ist ein Beispiel für die rassistische Praxis des Blackfacings zur Weihnachtszeit. Er treibt als Helfer von Sinterklaas in den Niederlanden sein Unwesen. In Pumphosen und, na klar, Blackface. Und die Traditionalist*innen sind empört: Schon wieder will sich niemand nehmen lassen, was schon immer da war. Und was ist mit denen, die sich auf Bühnen, Weihnachtsumzügen und im Fernsehen dargestellt sehen? Mit denen, die beobachten, wie ihre Hautfarbe als ein Spaß, ein Witz, eine Verkleidung instrumentalisiert wird? Sogar von Wertschätzung gegenüber Afrikaner*innen und der Demonstration von Internationalität war in den Medien bereits die Rede. Schade nur, dass jemand, der so argumentiert, nicht verstanden hat, dass dunkle Haut weder Garant für Internationalität, noch für eine afrikanische Abstammung ist.

Solche Aussagen tun nichts anderes als den Rassismus-Kreis zu schließen: Nicht weißen Menschen wird unterstellt fremdländisch zu sein, sondern eine nicht weiße, deutsche Identität wird quasi geleugnet und Weißsein so mit Deutschsein gleichgesetzt. Dabei war die Nationalität eines Menschen noch nie durch sein Aussehen festgeschrieben – und wird es auch niemals sein. Das Bild einer*s Deutschen, einer*s Schwed*in, einer*s Kameruner*in: Es liegt an uns, Stereotype nicht zu reproduzieren, sondern sie endgültig zu überwinden.

Wenn Hautfarbe wichtig wird

Auch wenn sich zumindest bei den Sternsinger*innen alles um Wertschätzung und Nächstenliebe dreht, bleibt eine Frage: Welche Rolle spielt Caspars tatsächliche Hautfarbe im Kontext der christlichen Verkleidung? Wahrscheinlich würde man Caspar auch ohne die Gesichtsschwärze erkennen. Auch Michael Jordan im entsprechenden Kostüm wäre für bewanderte Basketball-Fans Dank Trikot oder Spieler*innennummer ein klarer Fall. Oder Jim Knopf an der Seite seines besten Freundes Lukas: Klar zu erkennen. Muss also der weiße Mensch, der sich dafür entscheidet zu partizipieren oder sich zu verkleiden, tatsächlich mit dunklen Gesicht daherkommen, damit er klar in seiner Rolle funktionieren kann?

Über Hautfarbe sprechen ist ein ohnehin ein Drahtseilakt. Wenn man mal in sich geht, wird schnell klar, dass die Hautfarbe tatsächlich im Kontext von Personenbeschreibung oder der Verkleidung nie relevant ist: Nicht wenn jemand das Jesuskind beschenkt. Nicht wenn jemand mit Lukas und Lok um die Welt tuckert. Nicht wenn jemand dem Sinterklaas zur Seite steht.

Nur wenn es darum geht, was Diskriminierung heißt, was Privilegien bedeuten und was Alltagsrassismus mit sich bringt, dann sollten wir über Hautfarben reden. Im Endeffekt geht es doch heute wie damals darum, dass Caspar Myrrhe zum Jesuskind bringt, nicht dass er der Inbegriff eines Schwarzen Königs ist.


*Weiß: Der Begriff beschreibt die tatsächliche Einstufung der Hautfarbe, die kein gesellschaftlich-soziales Konstrukt bedient.

**Schwarz: Der Begriff beschreibt in diesem Fall nicht die Hautfarbe als Farbe, sondern ist als gesellschaftlich-soziales Konstrukt zu verstehen, in welchem Schwarze und Indigene People of Color Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt sind.