Bodyshaming: Hört auf, meinen dünnen Körper zu kommentieren

„Iss doch mal mehr!“ Solche Sprüche muss sich unsere Autorin immer wieder anhören. Sie trägt Kleidergröße 32/34 – und will sich dafür nicht mehr rechtfertigen.

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"Ich weiß, dass ich dünn bin. Danke." Foto: Larm Rmah / Unsplash | CC0

„Iss mehr! Du bist viel zu dünn und brauchst mehr Kraft im Leben.” Ein Kommentar von einer Person, die kein Recht dazu hat, meinen Körper zu kommentieren. In einer Situation, in der es unangebrachter nicht hätte sein können. In einer E-Mail. Als Antwort auf eine Nachricht, in der ich zuvor erklärt hatte, dass ich meinen Job wechsle und mich für die Zusammenarbeit bedanke. Es ging also um die Arbeit. Von meinem Gewicht sollte hier keine Rede sein.

Ich bin dünn, das kann ich nicht abstreiten. Zumindest nicht, wenn man von der angeblichen Norm ausgeht, dass ein Frauenkörper Kleidergröße 38 trägt und vermeintlich typisch weibliche Kurven hat. Denn ich, mit einer Körpergröße von 1,68 Metern, trage Kleidergröße 32/34, und wo andere Frauen Kurven haben, habe ich Rippen. Wie die Models auf den Laufstegen in Paris, mag jetzt die*der eine oder andere denken. „Irgendwie schon“, muss ich dann antworten. „Und das nervt“, muss ich hinzufügen. Denn genauso, wie dünne Modelkörper in der Kritik stehen, ist auch mein Körper Zielscheibe für Kommentare. Und zwar seitdem ich denken kann.

Egal ob als junges Mädchen, als Jugendliche oder als Frau: Ich hatte schon immer einen zierlichen Körper, hatte schon immer dünne Beine und mehr sichtbare Knochen als Brüste und Taille. Nicht, weil ich viel Sport betrieben oder streng auf meine Ernährung geachtet hätte, sondern weil ich sehr schmal gebaut bin. Dafür muss ich mich rechtfertigen, auf Familienfesten, bei Treffen mit Freund*innen, auf Dates oder bei der Arbeit. Irgendjemand findet immer irgendeinen Grund, meinen Körper und mein Gewicht zu kommentieren.

Bis vor Kurzem noch dachte ich, ich sei abgehärtet. Dann bekam ich diese E-Mail und wurde eines Besseren belehrt. Denn sie hat mich verletzt, verunsichert und gleichzeitig wütend gemacht. Sie hat mich zum Nachdenken gebracht: darüber, wie mein Körper jahrelang Thema anderer gewesen ist und darüber, was das mit mir, meinem Körpergefühl und Selbstbewusstsein gemacht hat.

„Das ist doch ungesund und nicht mehr schön“

Während mir als Kind noch zugestanden wurde, dass ich mich ja in der Wachstumsphase befinde und es normal sei, dass ich so zierlich bin, wurde mein Körper in der Pubertät verstärkt thematisiert. Dieser fiese Lebensabschnitt, in dem sich ohnehin schon alles um den eigenen Körper dreht, während Werbung und Filme vermeintliche Schönheitsideale präsentieren, die in Wahrheit kaum zu erreichen sind. Zu einer Zeit also, in der ich besonders empfänglich war für vorgegaukelte Ideale von Schönheit und Weiblichkeit, bemerkte ich, dass sich die Körper meiner Freund*innen und Klassenkamerad*innen langsam veränderten – und wie mein dünner Körper zur Angriffsfläche für Außenstehende wurde. Es reichte von simplen Feststellungen wie „Du bist aber ganz schön dünn“, über verletzende Bemerkungen wie „Bei Dir sieht man ja immer noch keine weiblichen Kurven“, bis hin zu abwertenden Kommentaren wie „Ich wäre auch gerne dünn. Aber nicht so wie du. Das ist doch ungesund und nicht mehr schön.“

Ich war 16 und musste lernen, meinen eigenen Körper zu akzeptieren und mich den Bemerkungen zu stellen: „Ich weiß, ich bin dünn. Aber ich versuche auch zuzunehmen.“ Dass es völliger Quatsch ist, sich für den eigenen Körper zu rechtfertigen, das merkte ich erst viel später, als Erwachsene. Als Teenager fühlte ich mich dazu verpflichtet, auf die Diskussionen rund um meinen Körper einzugehen. Dazu verpflichtet, mich für meinen Körper zu schämen, wenn andere negativ über dünne Frauen sprechen. Dazu verpflichtet, strengstens darauf zu achten, endlich ein paar Kilo zuzunehmen. Doch für wen eigentlich? „Für mich selber“, redete ich mir ein. „Damit ich mich wohl fühlen kann.“ Bald musste ich feststellen: Es passierte nichts. Ich blieb dünn.

Dünn sein und weiblich sein – geht das?

Mit Anfang 20 lebte ich in einer Stadt am Meer, ging im Sommer aber nicht an den Strand. Ich fühlte mich unwohl. Immer noch. Oder mehr denn je? Mein dünner Körper als ewiges Thema und der permanente Vergleich mit Anderen hatten mein Selbstbewusstsein nachhaltig negativ geprägt. Hinzu kamen ungefragte Ratschläge, wie einen Push-up-BH zu tragen, oder Witze wie: „Du bist so flach, hinter der Laterne stehend, sieht man dich gar nicht.“ Und eine Sporttrainerin, die mir Übungen empfahl, die helfen sollten, mehr Muskelmasse im Brust- und Po-Bereich aufzubauen: „Auf diese Weise kannst Du weibliche Kurven vortäuschen, die du von Natur aus leider nicht hast.“ Wenn Brüste und Hüften Sinnbild von Weiblichkeit waren, dann hatte ich nicht nur ein Problem damit, dass ich angeblich zu dünn war, sondern bekam auch das Gefühl, nicht feminin sein zu können.

Heute bin ich 28. Erst in der Zeit zwischen Mitte 20 und jetzt habe ich gelernt, dass ich mich in meinem Körper wohl und auch weiblich fühlen kann. Glaube ich. Denn gelegentlich merke ich noch, dass ich aus der Bahn geworfen werden kann. Zum Beispiel wenn ich so eine unerwartete E-Mail bekomme. Trotzdem entscheide ich mich dafür, meinen Körper zu mögen. Akzeptanz ist manchmal einfacher als der Versuch, gegen etwas anzukämpfen und zu verzweifeln. Ich versuche also, nicht hinzuhören, wenn mir gesagt wird, mein Körper wäre in Frankreich verboten, weil dort ein Gesetz gegen Magermodels gilt. Ich lache nicht mit, wenn Witze darüber gemacht werden, dass ich mit meinen schmalen Hüften gar keine Kinder gebären könnte. Ich ignoriere es.

Body Positivity: Schließt den dünnen Körper bitte nicht aus

Wenn ich mich darüber beschwere, dass ich mich als dünne Frau permanenten Blicken und Bemerkungen ausgesetzt fühle, dann weiß ich, dass es nicht nur mir so geht, sondern auch vielen anderen Menschen mit vermeintlich anderen Körpern. Und obwohl ich oft mit verletzenden Kommentaren konfrontiert werde, weiß ich gleichzeitig, dass der schlanke Frauenkörper in unserer Gesellschaft häufig auch positiv konnotiert ist: Sport, Fitness, gesunde Ernährung und Disziplin sind häufige Assoziationen. Ein dicker Frauenkörper auf Werbeplakaten ist währenddessen noch heute eine Seltenheit und Schaufensterpuppen in Größe 44/46 erregen auch im Jahr 2019 großes Aufsehen.

Das ändert nichts daran, dass es übergriffig, unangebracht und beleidigend ist, wenn Außenstehende sich die Freiheit herausnehmen, mich auf meinen dünnen Körper anzusprechen und ihn zu kommentieren. Mit solchen Kommentaren werden Grenzen überschritten. Sie sind beleidigend, verunsichern und machen traurig. Sie sind Bodyshaming. Und Bodyshaming ist diskriminierend – bei dicken Körpern, bei dünnen Körpern, bei allen Körpern. Deshalb: Hört auf damit, das Aussehen anderer zu kommentieren.

Denn den eigenen Körper kann sich niemand aussuchen. Mit Sport und Ernährung kann man ihn in die eine oder andere Richtung bewegen, stößt aber irgendwann an Grenzen. Und sowieso sollte sich kein Mensch zu irgendetwas gezwungen fühlen, nur um vermeintlichen Schönheitsidealen zu entsprechen. Self Love und Body Positivity sind Begriffe, die in unserer Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dabei stoße ich als dünne Frau jedoch gelegentlich wieder an Grenzen: #loveyourcurves, „Kurven sind sexy“ und Zeichnungen und Bilder dicker Frauenkörper unter Überschriften wie „Alle Körper sind schön“ geben mir auf andere Weise erneut das Gefühl, mit meinem Körper nicht zu genügen und dazuzugehören. Wird mir neben „Love your Curves“ auch ein „Love your Bones“ zugestanden?