Bolsonaro: Warum junge Menschen in Brasilien den Trump Südamerikas wählen

Brasilien könnte mit dem Provokateur Jair Bolsonaro seine Demokratie abwählen. ze.tt hat sechs junge Brasilianer*innen befragt, warum sie ihn dennoch wählen – oder ablehnen.

Bolsonaro: Warum junge Menschen in Brasilien den Trump Südamerikas wählen

Eine Bolsonaro-Unterstützerin während einer Kundgebung in Rio de Janeiro vor wenigen Tagen. Foto: © CARL DE SOUZA/AFP/Getty Images

Brasilien, Heimat von fast 210 Millionen Menschen, steht vor einer schicksalhaften Wahl. Viele befürchten, dass die Demokratie begraben wird und einer radikalen Diktatur Tür und Tor geöffnet wird. Jair Bolsonaro, so heißt der Mann, der das Ende freiheitlicher Werte einläuten soll. Warum wählen dann am Sonntag nicht alle seinen Kontrahenten Fernando Haddad? ze.tt hat mit Brasilianer*innen gesprochen, um zu erfahren, was sie bewegt – und warum sie wem ihre Stimme geben.

Felipe Dias, 26, Student des Bauingenieurswesens, Goiânia

Weder will ich den einen, noch den anderen unterstützen, denn ich denke, Brasilien braucht eine bessere Führungsperson. Zwar gibt es sie noch, die guten Politiker, aber sie sind in der Minderheit. Zudem sind die Lager in Brasilien arg gespalten. Bei vielen kann ich mir kaum vorstellen, dass sie den Kandidaten aus einem anderen politischen Metier wählen – es sei denn, es gäbe eine große Revolution. Folglich hat die Stimme guter Politiker weniger Gewicht.

Dass Bolsonaro ein Sexist oder Rassist ist, denke ich nicht.“

Bolsonaro kann ich schwer einschätzen, jedoch weiß ich, dass sich unter Haddad aufgrund des Geklüngels seiner Partei PT nichts verändern würde. Darüber hinaus ist sie einfach schon zu lange an der Macht. Mit Bolsonaro hätten wir wenigstens eine Chance auf Verbesserung, deswegen wird er wohl meine Stimme erhalten.

Felipe Dias
Foto: © privat

Zudem sind die Antworten Bolsonaros, besonders in Bezug auf die wirtschaftliche Lage hier, nach meinem Geschmack besser. Denn um Brasilien steht es aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise insgesamt echt katastrophal. Bolsonaro verspricht da eine bessere Regulierung, die auch den Handel betrifft. Bei meinem Studienabschluss würde eine größere ökonomische Stabilität meinen Zukunftsaussichten wirklich guttun.

Dass Bolsonaro ein Sexist, Rassist oder anderes ist, denke ich nicht. Er ist bloß ein Typ, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er fordert eine Revolution in diesem Land. Ob das in einer Diktatur enden wird, vermag ich nicht zu sagen. Natürlich gibt es da die Möglichkeit, dass es schrecklich schiefläuft. Nach meiner jetzigen Einschätzung wird es aber nicht so kommen. 

Größte Volkswirtschaft Südamerikas

Das Land ist die größte Volkswirtschaft Südamerikas, doch leidet es seit Jahren unter einer heftigen Wirtschaftskrise. Zwölf Prozent der Menschen sind arbeitslos. Während die Preise für Nahrung und Konsumgüter auf westeuropäischem Niveau sind, sind die Löhne weit unter dem, was hierzulande gezahlt wird. Auch im öffentlichen Bereich fehlt Geld. 2016, zu den Olympischen Spielen, wurde im Bundesstaat Rio de Janeiro der Notstand ausgerufen.

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Der Grund: Die Kassen waren leer, der Fiskus faktisch pleite. Als Folge konnte der Bund Gelder umleiten und die Armee nach Rio schicken – auch um die olympischen Sportler*innen und Tourist*innen vor Kriminalität zu schützen.

Gleichzeitig blieben viele Schulen und Universitäten geschlossen oder wurden bestreikt – denn Lehrer*innen und Dozierende erhielten keinen Lohn mehr. Daran hat sich kaum etwas geändert und Mittel für Kultur sind rar. Ein Beispiel: Das abgebrannte brasilianische Nationalmuseum, größtes Institut dieser Art in ganz Südamerika, hat Wochen nach dem Brand nicht einmal ein provisorisches Dach. Es regnet auf das, was die Flammen übrig ließen.

Mariana de Freitas, 30, Kulturschaffende, Campos dos Goytacazes

Im ersten Wahlgang habe ich Haddad nicht unterstützt, denn an sich glaube ich an ein neues, linkes Projekt, das von Guilherme Boulos, Sonia Guajajara und der sozialistisch-freiheitlichen Partei (PSOL) getragen wird. Doch nun in der Stichwahl würde ich alles wählen, ganz gleich ob links oder rechts, solange es sich gegen Bolsonaro und all das stellt, für das er steht: Gewalt, Rückständigkeit und den Verlust von Freiheit. Dass es soweit gekommen ist, ist auch Folge der radikalisierten Meinung seit Juni 2013.

Sollte Bolsonaro gewinnen, dann gibt es keine Zukunft, dann wird alles um uns dunkel.“

Damals mobilisierten Millionen friedlich auf der Straße gegen eine Erhöhung der Tarife im öffentlichen Nahverkehr. Die Proteste weiteten sich gegen immer mehr existierende Missstände aus: Polizeiliche Unterdrückung, Verschwendung bei Olympia und der Fußball-WM 2014 und generell gegen Korruption.

Mariana das Freitas
Foto: © privat

Sollte Bolsonaro gewinnen, dann gibt es keine Zukunft, dann wird alles um uns dunkel. Ich, die in der Kulturszene engagiert ist, werde vermutlich arbeitslos – und ich sage das von meinem privilegierten Standpunkt als Weiße aus der Mittelschicht.

Daneben steht zu befürchten, dass Bolsonaro tatsächlich die Militärdiktatur zurückbringen wird. Er hat da schon mehrere Andeutungen gemacht und sagte, dass das generelle Problem der einstigen Militärherrschaft war, zu wenige Leute umgebracht zu haben. Gewinnt Haddad, wird es auch nicht einfach. Schon allein die Kandidatur Bolsonaros hat eine enorme Welle der Gewalt befördert. Im Falle, dass er verliert, wird die nicht abebben, sondern im Gegenteil noch brachialer werden und damit eine Herausforderung für die öffentliche Sicherheit.

Warum es wichtig ist, die religiösen Führer*innen auf seiner Seite zu haben

Das religiöse Spektrum Brasiliens ist groß: Katholik*innen, Pfingstbewegung, Hare Krishna, Spiritualist*innen der Chapada dos Veadeiros, aber auch Atheismus sind nur einige der vielfältigen Glaubensrichtungen. Vorherrschend sind jedoch die christlichen Konfessionen.

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Wer abends durch Brasiliens Straßen schlendert, sieht allerorten geflieste Hallen, die ein wenig an Garagen erinnern, voll gestellt mit weißen Plastikstühlen: Es sind Kirchen aller Fasson, spirituelles und geistiges Zentrum vieler Brasilianer*innen. Die*der Kandidat*in, der*die sich die Unterstützung der oftmals erzkonservativen und zudem politisch aktiven religiösen Führer*innen sichert, gewinnt enorm viele Stimmen.

Karen Evelyn Almeida Da Silva, 30, Studentin der Medizin, Recife

 

Die Ideen, die durch freie Meinungsäußerung, Geschlechterdebatten, Feminismus und dergleichen entsprungen sind, haben Brasilien in ein wahres Rotlichtmilieu verwandelt. Menschen, die gegen Bolsonaro auf die Straße gehen, behaupten, Jesus Christus sei Transvestit gewesen. Sie schreiben Bücher, in denen sie fünf- und sechsjährige Kinder über Sex belehren wollen. All das lässt Bolsonaros Popularität jedoch anwachsen.

Karen Evelyn Almeida Da Silva
Foto: © privat

Deswegen scheint es mir wahrscheinlich, dass er die Wahl gewinnt, denn viele glauben, dass mit ihm endlich der Leitspruch unserer Nationalflagge „Ordem e Progresso“ (Ordnung und Fortschritt) endlich Realität werden wird. Ihm wird zugetraut, dass er tatsächlich gegen die Gewalt in unserem Staat vorgehen wird. Schließlich war er Angehöriger der Armee und das gibt dem Volk ein Gefühl der Sicherheit.

An sich möchte ich ihn wählen, doch ich habe Angst, schließlich ist einer seiner polemischen Pläne, den Besitz von Waffen zu liberalisieren und die Bevölkerung zu bewaffnen. Und dann denke ich an Folgendes: Es ist Nacht, mein Bruder Kiko will nach Hause. Weil es kalt ist, zieht er sich eine Jacke über und macht sich auf den Weg. Dabei läuft er einem Pärchen über dem Weg, das sich bei seinem Anblick bedroht fühlt und im Affekt auf Kiko schießt. Mein Bruder stirbt durch die Kugel. Sein Verbrechen: seine schwarze Haut. Und deswegen sage ich „#elenão, #elenunca“, der nicht, dieser Bolsonaro, niemals!

Der Trump Südamerikas?

Bolsonaro wird oft als Trump Südamerikas bezeichnet, doch das greift zu kurz. Der US-Präsident, in seiner narzisstischen Natur, beschädigt demokratische Werte um seiner selbst Willen: Seine Motivation scheint egoistischer Geltungsdrang zu sein. Bolsonaro hingegen hat nie einen Hehl daraus gemacht, Fan der vor nicht allzu langer Zeit, nämlich 1985, gefallenen Militärdiktatur Brasiliens zu sein.

Bolsonaros designierter Vize ist General, die Zuständigkeit für die Infrastruktur soll bei seinem Wahlerfolg komplett dem Militär unterstellt werden und er bekennt sich zum Autoritarismus. Zudem pflegt er seinen Mythos als Militär, Waffennarr und harter Hund, ganz wie sein philippinisches Pendant Rodrigo Duterte. Mit diesem Pistolerokurs will er die grassierende Gewalt im Land eindämmen. Diese Law and Order-Strategie kommt an und das nicht ohne Grund.

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Laut UN gibt es mit mehr als 60.000 tödlichen Gewaltakten in keinem Land der Welt mehr Morde. Umgerechnet auf die Zahl der Tötungsdelikte pro 100.000 Einwohner*innen landet Brasilien damit auf Platz 13 der Länder mit den höchsten Tötungsraten. In Brasilien sterben pro 100.000 Einwohner*innen 30,8 Menschen durch Tötungsdelikte. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 1,2 Menschen pro 100.000 Einwohner*innen.

Viele werden Opfer organisierter Kriminalität. Allein in Rio de Janeiros Favelas,  den unkontrolliert, oft auf Hügeln und ohne genügende Sanitär- und Verkehrseinrichtungen errichteten Armensiedlungen, haben sich mit dem Comando Vermelho (Rotes Kommando), Amigos dos Amigos (Freundesfreunde) und Terceiro Comando (Das dritte Kommando) drei berüchtigt brutale Banden eingerichtet.

Patrick Barbosa, 30, Campos dos Goytacazes, Makler

Ich unterstütze Bolsonaro, da er sich gegen Schwangerschaftsabbrüche stellt und zudem das Alter für die Strafmündigkeit absenken will. Sein Regierungsplan gefällt mir im Allgemeinen recht gut. Zudem sehe ich in ihm die einzige Lösung im Kampf gegen die Korruption, die ich so satthabe und die unser Land Tag für Tag mehr zu Grunde richtet. Mit ihm könnte es wirklich klappen: Bolsonaro sitzt schon seit mehr als zwanzig Jahren im Parlament – und ist einer der wenigen, die sauber geblieben sind.

Profitieren würden von seiner Politik vor allem Unternehmer, besonders indem die Kosten für Angestellte sinken. Heutzutage kostet ein Angestellter die Firma aufgrund all der zu leistenden Abgaben das Doppelte des eigentlichen Gehaltes. Der Arbeiterklasse gingen so zwar einige Vorteile abhanden, aber das wird durch die Verringerung der Arbeitslosigkeit kompensiert.

Bolsonaro sitzt schon seit mehr als zwanzig Jahren im Parlament – und ist einer der wenigen, die sauber geblieben sind.“

Mit dem Sieg von Jair Bolsonaro wird das Land wieder mehr Investoren anziehen, unsere Wirtschaft wird wachsen, genauso wie die Qualität von Gesundheit und Bildung. Letztere ist sowieso die Lösung für ein besseres Land, besonders in Bezug auf die Sicherheitssituation. Aber das ist dann eher langfristig gedacht – diese Zeit haben wir gerade nicht. Deswegen benötigen wir momentan eine härtere Gangart.
Viele halten meinen Kandidaten überdies für einen Sexisten, Rassisten und ganz viele andere Sachen. Sie übersehen jedoch, dass er für die Deregulierung zum Erhalt des Waffenscheines eintritt. Er ist deswegen auch kein Diktator, denn diese entwaffnen ja die Bevölkerung, ganz im Gegensatz zu Bolsonaro.

Bolsonaro führt in den Umfragen

Die Stimmung im Land ist aufgeheizt, es gab zahllose politisch motivierte Attacken. Nicht nur Bolsonaros Anhänger*innen greifen dabei zur Waffe. Der Kandidat selbst wurde niedergestochen, überlebte knapp und verließ erst vor wenigen Wochen das Krankenhaus. Bolsonaro gilt selbst als Katalysator gewaltsamer Auseinandersetzungen. In radikalen Reden bekennt er sich mit harschen Worten zu Sexismus, Rassismus und Homophobie, die vermehrt Menschen als Aufruf zu Gewalt gegenüber Frauen und Minderheiten deuten.

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Die Folge: Die Gesellschaft ist polarisiert. Die größte Gegenbewegung ist #elenão. Tonus: Mir egal, wer Präsident wird, aber der nicht! Doch die Mehrheit ist davon nicht überzeugt. Bolsonaro führt in Umfragen mit etwa 58 Prozent zu 42 Prozent gegenüber seinem letzten verbliebenen Kontrahenten, Fernando Haddad.

Wirley Alves des Souza, 25, Student, Rio de Janeiro, Rocinha

Die schlechten ökonomischen Bedingungen sind die Wurzel vieler Missstände in Brasilien. Genau deswegen wird meine Wahl auf Bolsonaro fallen. Ihm schwebt eher eine wirtschaftliche als eine sozial starke Vision Brasiliens vor. Womöglich geht das auf Kosten von Subventionen und Sozialabgaben. Aber ehrlicherweise kann sich Brasilien solche Sachen in dieser extremen Krise und dem ökonomischen Niedergang auch gar nicht erlauben.

Um die wirtschaftliche Kraft Brasiliens zu forcieren, will Bolsonaro das Land näher an ökonomische Mächte wie die USA oder Japan heranführen, um so Abkommen zu erleichtern. Auf kurze Sicht wird das mein Leben kaum beeinflussen, aber langfristig ist das für meine persönlichen Pläne notwendig.

Auch Bolsonaro wird irgendwo korrupt sein. Aber da er Teil der Armee war, vermute ich wenigstens etwas Disziplin bei ihm. Auf der anderen Seite steht die Partei PT, aus der Haddad kommt: Sie ist dafür berüchtigt, eine der korruptesten Organisationen in der Historie Brasiliens zu sein.

Aber da Bolsonaro Teil der Armee war, vermute ich wenigstens etwas Disziplin bei ihm.“

Bolsonaros Charakter ist äußerst kontrovers, vor allem in Bezug auf seine extremen Aussagen. Zum Beispiel wie mit bewaffneten Gangstergruppen umzugehen sei – nämlich ziemlich rücksichtslos. Doch heutzutage vertritt die Mehrheit der Brasilianer eine ähnliche Ansicht wie er. Insgesamt hat sich sein Betragen sogar verbessert, nur verfolgt ihn die Vergangenheit seiner Aussagen bis heute – folglich wird er so negativ gesehen. Deswegen glaube ich auch nicht, dass Bolsonaro so schlecht und rassistisch ist, wie einige sagen.

Ein Beispiel: Er will die Zugangsquoten an brasilianischen Universitäten nach Hautfarbe aufheben, damit sich dort annähernd faire Chancen einstellen und der Rassismus an sich schrumpft. Diese Entscheidung sehen andere Leute jedoch gerade als Schritt zu Diskriminierungen von Schwarzen und Pardos, die die Mehrheit im Land stellen.

Bolsonaros Gegner

Auf Fernando Haddad, Professor der Philosophie und Humanwissenschaften, ruhen die Hoffnungen der Bolsonaro-Gegner*innen. Der Hintergrund seiner Partei der Arbeiter (PT) ist für ihn Fluch und Segen zugleich. So schlägt der PT und besonders dem ihr entstammenden Ex-Präsidenten Lula quasi-religiöse Verehrung entgegen. Viele Menschen der Unterschicht verbinden ihren sozialen Aufstieg mit ihr.

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Gleichzeitig ist die Parteihistorie – wie die fast aller anderen Parteien im Parlament – durchwuchert mit Korruptionsskandalen in Verbindung mit brasilianischen Megakonzernen wie dem halbstaatlichen Ölkonglomerat Petrobras oder dem Bauimperium Odebrecht. Auch Lula da Silva sitzt derzeit wegen Korruptionsvorwürfen in Haft. Im Corruption Perception Index von Transparency International rangiert Brasilien mit 37 von hundert Zählern auf dem 96. Platz. Zum Vergleich: Das sind 44 Punkte weniger als Deutschland, das mit 81 Punkten auf Platz 12 landet.

Fernando d’Ara, 23, Student der Umweltingenieurwissenschaften, Niterói

Unglücklicherweise hat diese Wahl den Boden täglicher, politischer Diskussion verlassen und ist zu einer grundsätzlichen Frage über Menschlichkeit an sich mutiert. Das lässt mich auch Haddad wählen, denn ich verspüre eine tiefe Abneigung gegenüber Bolsonaro und all dem, was er repräsentiert. Der Unterschied zwischen beiden Kandidaten ist himmelschreiend; man braucht dafür nur einen kurzen Blick in ihre Regierungsprogramme zu werfen.

Fernando d'Ara
Foto: © privat

Nachdem ich mich mittlerweile ausgiebig über die politische Karriere Haddads informiert habe – er war Bildungsminister und Präfekt der Riesenmetropole São Paulo – habe ich das Gefühl, dass er tatsächlich das Potenzial hätte, große Projekte in Gang zu bringen, die die Ungleichheit in meinem Land bekämpfen und den Umgang mit unserer Umwelt verbessern könnte.

Ich verspüre eine tiefe Abneigung gegenüber Bolsonaro und all dem, was er repräsentiert.“

Bolsonaro ist da ganz anders. Er hat sich schon als Unterstützer einer grausamen Wirtschaftsliberalität geoutet, indem er die Rechte von Arbeitern beschneiden und Universitäten schließen will. Doch ganz unabhängig davon, wer gewinnt: Die eigentliche Macht im Land konzentriert sich bei den Großbanken und Megaunternehmen. Diese bauen schon seit Jahren peu à peu eine Bewegung auf, die die Linke dämonisiert.

Unabhängig davon, wer gewinnt: die eigentliche Macht konzentriert sich bei Großbanken und Megaunternehmen.“

Leider sind in Brasilien große Teile der Bevölkerung unwissend gegenüber dem geschichtlichen Ursprung unserer Gegenwart. Viele hatten aufgrund unseres sabotierten Bildungswesen nicht einmal eine einzige Unterrichtsstunde über den Zweiten Weltkrieg. Wenn ich mir das in Erinnerung rufe, kann ich sogar Empathie dafür aufbringen, warum jemand einen Faschisten wie Bolsonaro wählt.
Viele haben zudem falsche Vorstellungen von den fundamentalen Menschenrechten untergejubelt bekommen. Heute wählen solche Leute dann blind jemanden, der schnelle und extreme Lösungen für extrem komplexe Probleme propagiert.

Mit Haddad lässt sich wenigstens etwas wie eine Zukunft am Horizont erahnen, mit Bolsonaro gibt es da nur Finsternis. Dennoch muss man da realistisch und auf dem Teppich bleiben. Letzten Endes ist Bolsonaros Partei zur zweitstärksten im Parlament aufgestiegen, was schon jetzt ein großer Rückschritt für das Land ist und Haddads Politik sicherlich nicht einfacher macht.