Brauchen wir Liebe als Schulfach?

So vieles kann zwischenmenschlich schief laufen. Und auch, wenn Gefühle zu komplex sind, um sie zu beherrschen – können wir lernen, wie wir uns lieben?

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Liebe als Schulfach – bringt das was für unser Beziehungsleben? Naassom Azevedo / Unsplash | CC0

Zwei Herzen, die im selben Takt schlugen. Zwei Hände, die einander hielten. Zwei Menschen, die zusammen durchs Leben gehen wollten. Und dann irgendwann ohnmächtig vor einem großen Loch stehen – da, wo mal ihre Liebe war. Was folgt, ist die Trennung.

Wie oft das passiert, weiß niemand so genau; für gebrochene Herzen gibt es keine Statistiken. Wohl aber für Hochzeiten und Scheidungen: 2017 wurden 153.500 Ehen in Deutschland geschieden. Zwar ist die Zahl der Scheidungen damit leicht zurückgegangen, die Zahl der Hochzeiten allerdings auch. Stattdessen gibt es Dating-Phänomene wie Ghosting, Benching, Mingling. Alles on and off, alles irgendwie nicht befriedigend und schon gar nicht gesund.

Wir werden mit der Liebe allein gelassen

Dabei sind glückliche, lange Beziehungen im Grunde kein Hexenwerk, wie der US-Psychologe und Beziehungsforscher John Gottman in seinen jahrzehntelangen Untersuchungen herausgefunden hat. Der Kern dauerhaften Beziehungsglücks ist ganz grundsätzlich Freundlichkeit, lautete sein Ergebnis. Ein Selbstgänger seien sie durchs Liebsein allerdings auch nicht.

Doch wir werden mit der Liebe weitgehend allein gelassen. Unsere Orientierungshilfe in Beziehungsdingen sind Eltern, Familien- und Freundeskreis, Literatur, Medien und Filme, vielleicht mal ein Ratgeberbuch. Und die Vorstellung, dass wenn wir nur den*die Richtige*n gefunden haben, sich alles automatisch fügt, weil wir ja zusammengehören. (Spoiler: tut es nicht.)

Dabei gibt es Dinge, die zum Gelingen einer Beziehung beitragen und sich durchaus erlernen oder zumindest besser begreifen lassen, würde man sich beizeiten mit ihnen beschäftigen. Dazu gehören zum Beispiel Konfliktfähigkeit, Empathie und Rücksichtnahme, Erwartungsmanagement, Selbstakzeptanz, die eigene Gefühlswelt wahrnehmen und kommunizieren können – um nur einige zu nennen. Wäre es also eventuell sinnvoll, Liebe als Schulfach einzuführen?

Glück gibt es schon als Schulfach

Die israelische Romanautorin Zeruya Shalev wünschte sich das schon 2017: „Kinder müssen lernen, wie man miteinander redet, sie müssen auf Enttäuschungen vorbereitet werden und dürfen keine Angst haben, auch mal verletzt zu werden. Das wäre ebenso wichtig wie Mathematik.“ Binomische Formeln nützen nun mal wenig gegen Beziehungsprobleme.

Glück, das gibt es seit 2007 schon als Schulfach. Die Schüler*innen lernen Lebenskompetenz, Lebensfreude und Persönlichkeitsentwicklung und setzen das im Schulalltag um. Glück wird in mehreren Schulen in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich und in Italien unterrichtet. Und zwar ziemlich erfolgreich. Glückliche Schüler*innen streiten demnach weniger, sind kreativer, lernen leichter.

Das bestätigt die Forschung: Der pädagogische Psychologe Alex Bertrams und seine Kollegin Anja Schiepe-Tiska haben 2015 die Wirksamkeit des Schulfachs Glück untersucht und dabei festgestellt, dass die Schüler*innen ein höheres Selbstwertgefühl hatten und emotional stabiler waren. Das wiederum sorgte dafür, dass sie mehr vom Unterricht hatten.

Glück als Schulfach ist also nachgewiesenermaßen sinnvoll und tut Schüler*innen gut. Doch lässt sich das auch auf Liebe übertragen?

Schule ist mehr als Faktenfeuerwerk

Genau das haben wir den Therapeuten, Buchautoren und ehemaligen Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert gefragt. Er hatte damals die Idee, Glück als Fach an seiner Schule einzuführen. Für ihn ist klar, dass Schule mehr sein muss als reine Wissensvermittlung: „Ein zentraler Irrtum unseres traditionellen Schulmodells besteht in der Annahme, dass Wissen Kompetenz bedeutet. Wir überhäufen unsere Kinder mit Fakten, die zu gut informierter Orientierungslosigkeit führen“, meint Fritz-Schubert.

Anders gesagt: Wer viel weiß, kann deshalb noch nichts und jede Menge Fachwissen wappnet nicht fürs Leben. Für Fritz-Schubert sind daher zwischenmenschliche Bedürfnisse genauso Teil von Bildung wie das Periodensystem: „Dazu gehört auch der Umgang mit dem Grundbedürfnis nach Liebe, Sicherheit und Geborgenheit.“

Allerdings wäre es seiner Einschätzung nach zu kurz gedacht, sich dabei nur auf ein Bedürfnis wie Liebe zu fokussieren, weil es mit anderen Aspekten in Einklang gebracht werden müsse – zum Beispiel dem Streben nach Selbstbestimmung und dem Bewältigen von Herausforderungen.

Lebenskompetenz lernen

Gerade im Zeitalter der Digitalisierung sei es laut Ernst Fritz-Schubert entscheidend, Kindern und Jugendlichen bei der Entwicklung starker Persönlichkeiten und eigener Identitäten zu helfen. „Deshalb brauchen wir kein Fach Liebe, sondern Möglichkeiten der Selbstbildung, die auf eine sinnvolle Lebensführung abzielt.“ Denn davon können die Schüler*innen Weiteres ableiten und auch später als Erwachsene noch profitieren.

Natürlich lässt sich Liebe nicht auf eine Formel reduzieren, dazu ist sie viel zu komplex, individuell und unvorhersehbar. Aber Fähigkeiten, die zu einer glücklichen, langen Beziehung beitragen, lassen sich sehr wohl verstehen, erlernen und üben – als Teil eines größeren Blocks, den manche mit Lebenskompetenz betiteln würden, andere eher mit Glück.

Ein umfassender Ansatz, der Schüler*innen die Werkzeuge mitgibt, um ein erfülltes Leben zu führen. Und davon ist Liebe ist nun mal ein ziemlich entscheidender Teil.

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