Braucht eine Beziehung bedingungslose Liebe?

Wahre Liebe ist bedingungslose Liebe, so will es uns die Romantik weismachen. Doch diese Annahme ist nicht ganz richtig – und unter Umständen sogar schädlich.

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Viele wünschen sich die bedingungslose Liebe. Aber ist die wirklich notwendig? Foto: nanihta / Photocase

„Wenn du mich wirklich bedingungslos liebst, dann …“ Mehr höre ich nicht, leise schließe ich die Schlafzimmertür. Meine Freund*innen haben eine Pärchendiskussion; sie geht mich nichts an. Während sie im Wohnzimmer reden, denke ich über diesen Satzfetzen nach. Irgendwie klingt dieser Satz selbst nach einer Bedingung. Und ironischerweise war der letzte Trash-Song, den wir auf unserer kleinen Party als Rausschmeißer spaßeshalber gehört haben, I Would Do Anything For Love von Meat Loaf. Aber braucht es in einer Beziehung echt bedingungslose Liebe? Hm, ich weiß ja nicht.

Was bedeutet bedingungslose Liebe?

Bedingungslose Liebe heißt auf der sprachlichen Ebene erst mal nur, keine Bedingungen an die Liebe zu knüpfen. Und das klingt eigentlich ganz gut. Denn jemanden im Umkehrschluss nur dann zu lieben, wenn er*sie dauerhaft bestimmte Voraussetzungen erfüllt, mutet ein bisschen berechnend, beinahe abgebrüht, an.

Jemanden so anzunehmen, wie er*sie ist, mit allen Facetten und Eigenheiten, ist grundsätzlich eine gute Sache. Es geht in einer gleichberechtigten Beziehung schließlich nicht darum, jemanden umzuerziehen, sondern auch um gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung.

Und eine Person einfach um ihrer selbst zu lieben, ohne dafür entsprechende Gegenleistungen zu erwarten oder die Liebesbekundungen penibel gegeneinander aufzurechnen, zeugt von Großzügigkeit, Selbstsicherheit, innerer Reife und Stärke.

Auch für die Menschheit an sich ist die Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe nicht unwichtig: Der kanadische Neurowissenschaftler Professor Mario Beauregard hat für die University of Montreal untersucht, wie sich bedingungslose Liebe im Gehirn zeigt. Sieben Areale werden dabei aktiv; ein Teil davon hat mit romantischer Liebe zu tun, ein anderer mit elterlicher Liebe. Auch das Belohnungszentrum wird aktiv. „Die belohnende Natur bedingungsloser Liebe ermöglicht die Bildung starker emotionaler Verbindungen. Solche robusten Bindungen können entscheidend zum Überleben der menschlichen Spezies beitragen“, so Professor Beauregard.

Tja, aber ganz so simpel und schön ist es dann eben doch nicht. Denn oft genug wird bedingungslose Liebe leider so aufgefasst, dass wir uneingeschränkt zum*zur Partner*in halten – egal, was für einen Mist er*sie macht; egal, wie sehr er*sie uns verletzt. Und genau da kann es unter Umständen anfangen, unschön und sogar toxisch zu werden.

Was sind die Probleme mit bedingungsloser Liebe?

Wenn beispielsweise eine*r in der Beziehung permanent Verständnis einfordert, das immer wieder gewisse Grenzüberschreitungen zur Folge hat, dann ist das ein Problem.

Zum einen, weil dieser Wunsch nach bedingungsloser Liebe die Beziehungsdynamik beeinträchtigt. Oft steckt hinter diesem Wunsch nämlich ein nie ganz erfülltes Bedürfnis, nicht selten aus der Kindheit. Bedingungslose Liebe ist nämlich etwas, das vor allem Eltern-Kind-Beziehungen kennzeichnet und ausschlaggebend für spätere Bindungen ist. Wer von den Eltern nicht bedingungslos angenommen wurde, sucht vergleichbare Akzeptanz später oft in Partnerschaften. Das beeinflusst die Dynamik: Statt sich auf Augenhöhe zu begegnen, bewegen sich beide immer mal wieder auf der Eltern-Kind-Ebene.

Zum anderen ist bedingungslose Liebe einzufordern aber auch unfair, weil der*diejenige es sich damit sehr einfach macht. Statt an den eigenen Problemen und Schwächen zu arbeiten, schlicht zu sagen „Ich bin halt so, und wenn du mich liebst, dann lebst du damit“ – das ist eine verdammt bequeme Lösung und egoistische Sichtweise.

Was lässt sich dagegen tun?

Balance und Augenhöhe sind in einer Beziehung essenziell; beide müssen Grenzen ziehen dürfen, die auch eingehalten werden – ohne Angst davor, den*die andere*n zu verlieren oder vor den Kopf zu stoßen. Wenn eine*r der beiden permanent darauf pocht, bedingungslos geliebt werden zu wollen, geht das nicht selten mit großem Verzicht und Verbiegen der*des anderen einher.

Deshalb ist es im ersten Schritt hilfreich, sich dessen überhaupt bewusst zu werden. Fordere ich bedingungslose Liebe und verletze ich damit den Menschen, den ich liebe? Verlangt mein*e Partner*in zu viel Verständnis und geht das auf Kosten meiner emotionalen Integrität?

Dann folgt natürlich die Suche nach der Ursache – woher kommt dieses Bedürfnis? Und wie immer ist miteinander sprechen und zuhören entscheidend, genau wie das Gleichgewicht in der Beziehung wieder herzustellen. Im Zweifel auch mit professioneller Unterstützung durch Beratung oder Therapie.

Denn Liebe kennt durchaus Grenzen – sie verlaufen da, wo das Seelenheil angegriffen und Zuneigung ausgenutzt wird. Kurz: da, wo eine*r anfängt, dauerhaft zu leiden. Selbstverständlich sind beiderseitige Kompromisse in einer Partnerschaft wichtig und richtig. Aber verletzendes Verhalten darf und sollte Folgen haben.

Bedingungslose Liebe umfasst Akzeptanz und Großzügigkeit – aber eben keine komplette Selbstaufgabe. Es ist okay zu sagen: Ich liebe dich und werde das auch weiterhin tun, aber es geht genau bis hier und kein Stück weiter. Oder wie Meat Loaf singt: „I would do anything for love … But I won’t do that.“