Britney Spears in Berlin: Einfach mal verwirrt auf der Bühne rumstehen

Unser Autor war gestern bei Britney Spears und ihrer „Piece Of Me“-Tour 2018 in Berlin und fand es schrecklich gut. Unsere Konzertkritik

Unser Autor war gestern bei Britney Spears und ihrer "Piece Of Me"-Tour 2018 in Berlin und fand es schrecklich gut. Ein Kommentar

Britney Spears bei einem Auftritt 2018. Gestern gab sie ein Konzert in Berlin. Foto: Mike Windle / Getty Images

Viel zu spät und vom schnellen Radfahren durchgeschwitzt, komme ich an der Mercedes Benz Arena in Berlin an, stürme vorbei an den Merchandise-Ständen, die schwarz-pinke Britney-Shirts verkaufen, hoch zu meinem Platz. Den Voract Pitbull, also den Mann, der ab und an zusammenhangslos „Mr. Worldwide“ in Mikrofone grummelt, habe ich mir absichtlich gespart, denn ich bin heute nur für eine Frau hier: Britney-„Mrs. Lifestyles of the Rich and Famous“-Spears, die mit ihrer Britney: Piece Of Me-Tour in Berlin Halt macht. Das zweite Deutschlandkonzert gibt sie übrigens in der Metropole Mönchengladbach. Just saying.

[Außerdem auf ze.tt: Britney Spears kann ihre eigenen Songs nicht singen]

Obwohl ich eh schon spät dran bin, lässt Britney weiter auf sich warten. Die Halle ist ausverkauft, überall schwitzen Menschen in Fanshirts, auf denen etwa „Work, Bitch!“ steht, einige tragen Schulmädchenoutfits und haben ihre Haare zu seitlichen Pferdeschwänzen gebunden. Die Bühne ist mit einem großen, schwarzen Vorhang verhüllt, die beiden riesigen Leinwände an der Seite bewerben ihr neues Parfum, das – passend zu einem Charthit aus vergangenen Zeiten – den Namen „Prerogative“ trägt. Ich hoffe inständig, dass dieses Parfum angenehmer riecht, als die Schweißwolke, die auf Grund der Menschenmassen und der Hitze durch die ausverkaufte Halle wabert.

„It’s Britney, Bitch!“

Dann plötzlich gehen die Lichter in der Halle, die Platz für knapp 17.000 Menschen bietet, aus. Der Vorhang öffnet sich und eine Horde Tänzer*innen betritt die Bühne, stampfen durch den Nebel, Scheinwerfer zucken durch die Luft – und dann steht sie da, auf einer Art Balkon, rechts an der Bühne: It’s Britney, Bitch! Und wie sich bereits nach wenigen Sekunden rausstellt: It’s Also Playback, Bitch!

Außerdem auf ze.tt: Wir haben Hardcore-Fans gefragt, was sie auf ein Konzert der Kelly Family treibt

Das Bühnenbild kommt relativ simpel daher: Zwei Balkone links und rechts, eine riesige Leinwand im Hintergrund – und das war es dann auch schon. Britney trägt ein knappes Outfit, einen grünen Zylinder und macht gleich zu Beginn mit ihrem Songtext klar: Wer fancy leben möchte, in einem großen Haus leben will und auf Party in Paris steht: muss halt auch arbeiten – You Better Work, Bitch!

Hit an Hit an Hit ein Hit

Während sich ihre Tänzer*innen auf der Bühnen abrackern, steht Britney selbst noch immer auf dem balkonartigen Aufbau, hält sich am Geländer fest, geht ab und an in die Knie, bevor sie sich langsam die Treppe herunter begibt und ein bisschen mittanzt – die Betonung liegt hier auf „ein bisschen“, denn den Löwenanteil der Show bestreitet zweifelsohne Britneys Tänzer*innen-Ensemble. Sie huschen immer wieder in neuen Kostüme über die Bühne, tragen Britney von A nach B (wie Britney), werden zu menschlichen Hockern, mimen Zirkusartist*innen, wedeln mit schwarzen Flügeln auf der Bühne herum, schwingen Neonröhren durch die Luft oder robben zusammen mit Britney lasziv zu ihrem Song „Slumber Party“ über den Bühnenboden.

[Außerdem auf ze.tt: Was wir von Britney Spears lernen können]

Das soll jetzt nicht heißen, dass Britney nichts tut: Diese Frau kennt jeden Schritt, jede Bewegung und weiß ganz genau, was als nächstes kommt, wo sie stehen muss, in welche Kamera sie blicken muss – hochgradig professionell. Kein Wunder: Die Britney: Piece Of Me-Tour hat sie schon fast 250 Mal im Planet Hollywood Resort & Casino in Las Vegas zum Besten gegeben – und das merkt man auch. Obwohl jedes noch so kleine Detail stimmt, jeder Gang exakt getaktet ist, wirkt Britney mechanisch – wie ein Roboter, der ein Programm abspult. Dauerlächeln wird selbstverständlich auch nicht vergessen – und das Publikum, ach ja, das muss man ja auch wenigstens mal kurz ansprechen.

„It’s Playback, Bitch!“

Immerhin haben die Fans mindestens zwischen 64 und 100 Euro für die Tickets bezahlt, da kann man die ja auch mal begrüßen. Und so quietscht Britney-„Oops, she did it again“-Spears ein „Hello, Germany!“ ins Mikro, das für diese Gelegenheit offenbar extra kurz eingeschaltet wurde – zumindest klingt der Ton relativ hochgepegelt.

Danach geht es auch schon munter mit Playback weiter. Das knapp anderthalbstündige Konzert ist ein Potpourri aus Britneys Greatest Hits aus allen ihren Lebensphasen: Schulmädchen-Britney „… Baby One More Time“, „Gimme More“, mit dem sie 2007 unbeholfen über die Bühne der Video Music Awards hopste. Will.i.am absolvierte in Form einer riesigen Projektion einen kurzen Gastauftritt in „Scream & Shout“. Bei „Circus“ wurde die Bühne zur Manege. Und selbstverständlich durfte Flugbegleiterin-Britney und der Song „Toxic“ auch nicht fehlen, den sie zunächst ungewohnt langsam anstimmte, bevor der typische Britney-Bums die Halle wieder in Bass tauchte.

[Außerdem auf ze.tt: 1985 bis 2005: Das waren die beliebtesten Songs in deinem Geburtsjahr]

Dass Britney ein Fan des Playbacks ist, war nie ein Geheimnis: Ambitioniert bewegte sie auch dieses Mal ihre Lippen zu den eigenen Hits. Ihre Stimme musste wohl irgendein armer Tonmensch irgendwo im Nirgendwo verschwinden lassen. Ich finde aber, dass irgendjemand Britney mal sagen sollte – und das übernehme ich an dieser Selle gerne – dass es echt nicht notwendig ist, den Hall oder ganz offensichtlich computerverzerrte Voice-Parts mitzusingen. Außer es soll ihr Alleinstellungsmerkmal sein und Britney will als einzige Sängerin, die ihr eigenes Echo mitsingt, offen zum Playback stehen.

Ihr werdet euch jetzt fragen, was ich mir auch anderes erwartet habe? Wahrscheinlich setzt Britney nicht ohne Grund auf Playback – ist ja auch ganz schön anstrengend, den Tänzer*innen die ganze Zeit beim Tanzen zu zugucken. Darum singt sie vermutlich auch: „There’s only two types of people in the world: The ones that entertain and the ones that observe“ – ich werde das Gefühl nicht ganz los, dass Britney selbst vielleicht lieber beobachtet.

Hat jemand vielleicht ein Haargummi für Frau Spears?

Den Gedanken kann ich gar nicht zuenden bringen, denn schon stürmt Britney mit dem Ensemble wieder nach vorne, zum Bühnenrand, vor, zurück, seitwärts – und jetzt die Hände in die Luft, zurück, und fallen lassen, Hinternwackeln, vor, zurück, Kopf hoch, drehen, vor, zurück, Kopf runter. Irgendwas schien das gesamte Konzert mit Britneys Frisur nicht zu stimmen. Zumindest würde das erklären, warum sich die 36-jährige Sängerin alle paar Minuten an den Kopf griff, um ihre Haare wieder zu richten. Das wäre ihr mit der weltberühmten Glatze im Jahr 2007 sicherlich nicht passiert. Aber das ist jetzt schon lange her, die Britney, die da heute auf der Bühne steht, ist erwachsener, vielleicht auch professioneller – und hätte ich lange Haare, würde ich bereitwillig mein Haargummi mit ihr teilen.

via GIPHY

Denn auch wenn es vielleicht einen anderen Eindruck macht: Das, was Britney Spears da gestern auf der Bühne der Mercedes Benz Arena abgeliefert hat, war wirklich schrecklich – und trotzdem großartig. Die Queen Of Pop hat eine solide Show abgeliefert. Wer sich auch nur kurz mit ihren bisherigen Live Shows auseinandergesetzt hat, weiß auch, dass einen dort weder hochemotionale Gesangseinlagen in Opernsänger*innen-Manier, noch atemberaubende, artistische Einlagen und Verrenkungen – zumindest nicht von Britney – erwarten, sondern Hits und Rumgehopse.

Britney ist nunmal keine begnadete Tänzerin (mehr) und auch gesanglich kein Ausnahmetalent. Britney ist Britney – und genau dafür lieben ihre Fans sie, für ihre Art, für ihre Ecken und Kanten. Und zwar so sehr, dass sie Britney samt Ensemble nach Ausklingen des eigentlich letzten Songs nochmal auf die Bühne jubeln. Sie schließt das Konzert mit viel Konfetti und dem Song „Till The World Ends“ ab. Wie passend. Oder war das eine Drohung?