Broken-Heart-Syndrom: Kann man an gebrochenem Herzen sterben?

Dein Liebeskummer bringt dich um? Schon möglich – das Broken-Heart-Syndrom ist sehr selten, aber real. Warum sich einmauern trotzdem keine gute Idee ist.

Das Broken-Heart-Syndrom ist selten, aber real.

Das Broken-Heart-Syndrom ist selten, aber real. Foto: Motoki Tonn / Unsplash | CC0

Am schlimmsten ist das Aufwachen. Dieser schwebende Augenblick der Orientierungslosigkeit, in dem für ein, zwei Sekunden noch alles ist wie immer. Bis dich die Erkenntnis in den Magen boxt, dir den Brustkorb spaltet. Es ist vorbei und dein Herz eine einzige Wunde. 

Liebeskummer ist das grauenhafteste Gefühl der Welt. Anders gesagt: Tiefe Trauer nach einem massiven Verlust in Kombination wahlweise mit Verrat, Scham, Wut, Hoffnungslosigkeit und dem Eindruck eigener Erbärmlichkeit. Aber kann man wirklich daran sterben?

Die Eingeweide verknoten sich, dein Herz stülpt sich flatternd nach Innen, eine Steinplatte drückt auf den Brustkorb, du kannst nur nach Luft schnappen.

Tödliche Trauer

Was sich anfühlt wie ein Herzinfarkt, ist in gut zwei Prozent aller Herzinfarktfälle das 1991 entdeckte Takotsubo-Syndrom, auch Broken-Heart-Syndrom oder Stress-Kardiomyopathie genannt, eine lebensgefährliche Funktionsstörung des Herzens als Folge einer akuten heftigen emotionalen Belastung, wie zum Beispiel Liebeskummer. Es ist sehr selten, aber es existiert.

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Durch den plötzlichen Stress wird der Herzmuskel so geschwächt, dass er nicht mehr richtig schlagen kann. Besonders Frauen nach der Menopause seien gefährdet, sagen Forscher, dies könne am geringeren Östrogenspiegel liegen. Doch bisher weiß niemand ganz genau, wie das Syndrom im Detail entsteht.

Erbliche Anlagen

Kürzlich ist es Wissenschaftler*innen der Universitätsmedizin Göttingen jedoch gelungen, neue Signalwege des Herzens zu finden und so auch zu belegen, dass genetische Veranlagung beim Broken-Heart-Syndrom eine Rolle spielt.

Die Forscher*innen haben Stammzellen von Patient*innen untersucht, die nachweislich am Broken-Heart-Syndrom erkrankt waren. Die entsprechenden Herzzellen reagierten unter anderem bis zu sechsmal stärker auf Stresshormone. Und die werden nun mal massenhaft ausgeschüttet, wenn jemand einem das Herz bricht.

„Die Studie ist eine wichtige Grundlage und ein Durchbruch für ein wenig erforschtes Krankheitsbild“, sagt Professor Gerd Hasenfuß, Vorsitzender des Herzzentrums der Universitätsmedizin Göttingen und Mitautor der Studie, laut Pressemitteilung der Uni.

Liebeskummer geht vorbei. Oder?

Die Herzchirurgin Nikki Stamp hat sich ebenfalls intensiv mit dem Thema beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben. „Während der Recherche habe ich gelernt, wie sich Liebeskummer aufs Herz auswirkt und da wurde ich dann noch mal ganz von vorne sauer auf die Leute, die mir das Herz gebrochen haben“, so die Autorin laut The Guardian. Es sei laut Nikki Stamp zwar selten, dass Menschen direkt am Schock über den Verlust sterben, „aber es passiert.“

Und von wegen Herz versus Kopf, auch das Gehirn ist involviert und konspiriert mit dem Herzen. Eine Studie, die Stamp in ihrem Buch zitiert, belegt, wenn man Menschen Fotos ihrer Ex-Partner*innen zeigt, flackert im Hirn das Schmerzzentrum auf.

Die zusammengeballten Fäuste lösen sich einen Millimeter, das Schluchzen verebbt. Doch das Gesicht brennt noch immer so heiß wie die rohen Fetzen in deinem Brustkorb. Vielleicht hört es niemals ganz auf.

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Doch selbst, wenn die gefährlich akute Phase irgendwann überwunden ist, kann das Herz weiterleiden. So oder so.

Die Folgen des Broken-Heart-Syndroms können laut Harvard-Forscher*innen beispielsweise denen eines Herzinfarktes mitunter so ähnlich seien, dass der Herzmuskel danach dauerhaft beschädigt und das Herz für den Rest des Lebens geschwächt sein könnte.

Aber auch ohne amtliches Syndrom wirken sich Stress und Leid langfristig aus. Nikki Stamp: „Auch, wenn Liebeskummer uns nicht immer sofort umbringt, ist er auf jeden Fall nicht gut für die Gesundheit.“

Aufgeben gilt nicht

Du atmest willenlos weiter, der Puls wird ruhiger. Das wilde Tier in deinem Inneren ist müde und still. Vielleicht, okay, na gut. Noch ein bisschen, noch ein Weilchen weitermachen. Noch einmal von vorn. Aber wie oft noch? Wie oft?

Wir alle kennen diesen Schmerz nach dem Verlust eines geliebten Menschen und wir alle wissen, dass es besser wird. Auch, wenn es sich zunächst nicht so anfühlt. Aber jeder Herzschmerz kann, wenn man reflektiert damit umgeht, wie ein kleines Überlebenstraining sein und vor gravierenderen Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit schützen. „Die Widerstandsfähigkeit von Körper und Geist aufzubauen ist eine gute Versicherung“, meint Nikki Stamp.

Und eventuell ist es mit dem Herzen ja so, wie Ernest Hemingway einst schrieb: „Die Welt zerbricht jeden und nachher sind viele an den gebrochenen Stellen stark.“

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Also auch auf die Gefahr hin, dass Liebeskummer wieder und wieder passieren kann, runter mit den mühsam errichteten Mauern, die das gebrochene Herz beschützen sollen. Dahinter wird es auf Dauer so einsam, denn trotz allen Schmerzes: Gar nicht mehr lieben ist keine Lösung.

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Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass ein Viertel der Patient*innen in der akuten Phase sterben. Tatsächlich ist Mortalität sehr gering und liegt nach bisherigen Ergebnissen bei circa 5,9 Prozent.