Bücher, die du ignoranten Menschen zu Weihnachten schenken solltest

Achtung, die Lektüre kann stark zum Nachdenken anregen!

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Na, brauchst du noch ein Geschenk für Opa? Illustration: © Elif Kücük / ze.tt

Weihnachten, das Fest der Nächstenliebe und der Besinnlichkeit, bringt uns immer wieder mit Menschen zusammen, zu denen wir den Rest des Jahres den Kontakt so gering wie möglich halten. Denn nur weil man das Erbgut teilt, heißt das noch lange nicht, dass man auch ähnliche Weltanschauungen hat. Nun stehen wieder die Feiertage bevor und all die nahen und entfernten Verwandten kommen zusammen. Es scheint fast so, als würden manche nur vorbeischauen, um endlich mal wieder ungefragt unsere Körper, Beziehungen und den Karriereweg kommentieren zu können.

Besonders schwierig werden die Feiertage, wenn unterschiedliche politische Positionen aufeinanderprallen. Klar kann Weihnachten auch eine Möglichkeit sein, um sich mal wieder in Toleranz zu üben und zu schauen, ob man aus dem Yogakurs irgendetwas mitgenommen hat, außer Muskelkater in den Armen. Aber wenn Rassismus, Sexismus und Ignoranz mit an der Festtafel sitzen, hilft auch Pranayama nicht weiter. Wie begegnet man Menschen, die man schon sein Leben lang kennt, wenn sie menschenfeindliche Positionen vertreten?

Geschenke für …

Persönliche Gespräche haben leicht das Potenzial zu eskalieren, besonders wenn zwischen den Familienmitgliedern durch das Alter ein Machtgefälle oder eine Abhängigkeit besteht. Für alle, die ihre Worte mit den Argumenten kluger Menschen untermauern möchten, haben wir eine Auswahl an Büchern zusammengestellt, die euch dabei helfen.

Für den Opa, der immer noch fröhlich das N-Wort benutzt

Deutschland Schwarz Weiss: der alltägliche Rassismus von Noah Sow

Wie ist es, als Schwarzer Mensch in Deutschland aufzuwachsen? In Deutschland Schwarz Weiß geht Noah Sow rassistischen Strukturen auf den Grund und benennt übergriffige und gewaltvolle Verhaltensweisen von weißen Menschen. Wer noch nicht verstanden hat, warum es unangebracht ist, People of Color nach ihrer Herkunft zu fragen, ohne Erlaubnis in krauses Haar zu fassen oder gar das N-Wort zu benutzen, wird mit Deutschland Schwarz Weiß hoffentlich den einen oder anderen Aha-Moment erleben.

Für die Cousine, die Feminismus überflüssig findet

Untenrum frei von Margarete Stokowski

In dem neuen Standardwerk des intersektionalen Feminismus geht es um Rollenbilder, Pornos und die Zusammenhänge zwischen dem Privaten und gesellschaftlichen Machtstrukturen. Stokowskis These: Wir können nur dann in unserem Denken frei sein, wenn wir auch sexuell befreit sind. Einfach verständlich erklärt sie am Beispiel ihrer eigenen Geschichte, warum Feminismus wichtig ist und wie unsere Gesellschaft verändert werden müsste, damit wir in einer gleichberechtigten Welt leben. Untenrum frei ist ein Wegweiser im weiten Feld des Feminismus, vermittelt unglaublich viele Informationen und dazu macht das Lesen des Buches auch noch großen Spaß.

Für den Onkel, der der Meinung ist, man könne diese Nazi-Geschichte endlich mal hinter sich lassen

Desintegriert euch! von Max Czollek

In Desintegriert euch! betrachtet Publizist Max Czollek das deutsche Verhältnis zu Integration und zur jüdischen Bevölkerung. Er analysiert die Rollen, die Deutsche Migrant*innen und Jüd*innen zuweisen und die Konstruktion des Selbstbilds der deutschen Bevölkerung, das sich daraus ergibt. Desintegriert euch! ist eine Handlungsanweisung für jüdische Personen und Migrant*innen, sich dem deutschen Verständnis von Integration aktiv zu widersetzen. Und es ist ein Buch für diejenigen, die in der Schule davon gelangweilt waren, dass man so häufig über den Nationalsozialismus sprach. Für diejenigen, die fest daran glauben, dass ihre Groß- und Urgroßeltern im Widerstand waren. Und generell für alle Deutschen.

Für die Tante, die findet, dass gegenderte Texte in den Augen wehtun

Gender – Was soll das Theater? von Lann Hornscheidt

Was sollen eigentlich diese Sternchen im Text? Machen sie den Artikel, das Buch, die Weihnachtskarte nicht völlig unlesbar? Wer bisher wenig Kontakt mit gegenderter Sprache hatte, findet diese auf den ersten Blick oft umständlich und unnötig. Warum das nicht der Fall ist, das erklärt Lann Hornscheidt in Gender – Was soll das Theater? Das kleine Buch überfordert nicht, gibt aber genug Einblicke in die Thematik, um auch Gender-Gegner*innen zum Nachdenken anzuregen. Hornscheidt bringt als nicht-binäre Person, die sich weder als weiblich noch als männlich identifiziert, einen besonderen Blickwinkel auf die Thematik mit und beschreibt mithilfe von Metaphern und Vergleichen, warum es nicht egal ist, wie wir sprechen.

Für die Mutter, die mit glasigen Augen fragt, wann sie endlich Oma wird

Stillleben von Antonia Baum

Bis Antonia Baum schwanger wurde, fühlte sie sich gut: in ihrer Partnerschaft gleichberechtigt, heimisch in ihrem Kiez, beruflich auf dem Weg nach oben. Aber plötzlich wächst ein Baby in ihrem Bauch und Baums Position in der Gesellschaft gerät ins Wanken. In ihrem Buch Stillleben schreibt sie von dem Druck, der auf Mütter ausgeübt wird, von gesellschaftlichen Strukturen, die sich der Gleichberechtigung in den Weg stellen, von Wut, Zweifeln und Ängsten. Sie schildert übergriffige Kommentare, Ratlosigkeit und Verunsicherung während der Schwangerschaft und wirft die Frage auf, wie man den Umgang mit der Mutterrolle verändern könnte. Stillleben ist ein Buch, das zeigt, wie politisch die Entscheidung für oder gegen ein Kind ist und wie groß die Diskrepanz zwischen dem auf Mami-Blogs propagierten Mutterbild und dem Alltag mit Kind ist.

Für den neoliberalen Mitbewohner, der meint, weniger Arbeit würde die Menschen faul machen

Utopien für Realisten von Rutger Bregman

Wovon träumen wir? Von zu wenig, findet Rutger Bregman. In seinem Buch Utopien für Realisten erzählt der niederländische Historiker und Journalist von seinen Träumen: einem bedingungslosen Grundeinkommen, einer 15-stündigen Arbeitswoche und offenen Grenzen. Er bezieht sich dabei auf fast vergessene Experimente – wer hätte gewusst, dass Richard Nixon 1969 mit dem Gedanken spielte, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen? – und führt die Ansätze von Vordenker*innen weiter aus. Er hofft dadurch mehr Menschen für gemeinsame Ziele motivieren zu können. Dabei macht er es sich in seiner Argumentation zwar ab und an etwas zu leicht, trotzdem liefert Utopien für Realisten einen leicht zugänglichen Einstieg in die Thematik Grundeinkommen und zeigt, dass eine fairere Welt möglich ist – wenn wir uns gemeinsam dafür einsetzen.

Für die weiße Kommilitonin, die Dreads und ein Bindi trägt

Ich war auf der Fusion und alles was ich bekam war ein blutiges Herz von Hengameh Yaghoobifarah

Erst ein paar Wochen ist es her, dass kulturelle Aneignung in Bezug auf Halloweenkostüme umfassend diskutiert wurde. Die Meinung von People of Color ist dabei klar formuliert: Eine Kultur ist kein Kostüm! Doch die Problematik, dass weiße Menschen sich Kulturen über Mode und Frisuren aneignen, besteht nicht nur zu einer bestimmten Jahreszeit. Polemisch und provokativ beschreibt Hengameh Yaghoobifarah in Ich war auf der Fusion und alles was ich bekam war ein blutiges Herz von Erlebnissen auf einem der größten Festivals Deutschlands, das gerne als Oase des linken Denkens inszeniert wird. Yaghoobifarah beschreibt, wie they als Person of Color das Festival erlebte und berichtet von vielen Situationen, in denen they kulturelle Aneignung begegnete.

Die Erfahrungen verarbeitete Yaghoobifarah ursprünglich in einem Artikel des Missy Magazins. In Ich war auf der Fusion und alles was ich bekam war ein blutiges Herz ist diesem Text ein Nachwort angefügt, in dem die Reaktionen auf den Artikel, die Haltung zur Fusion und Rassismus reflektiert werden. Ich war auf der Fusion und alles was ich bekam war ein blutiges Herz mag manche Menschen in seiner Polemik im ersten Moment vor den Kopf stoßen. Doch nach kurzem Nachdenken öffnet der Text den Raum für die wichtige Diskussion darüber, wie kulturelle Aneignung Betroffene verletzen kann und welche problematischen Verhaltensmuster man selbst verinnerlicht hat – und ablegen sollte.