Camilla zeigt, wie gut Tanzen und eine Körperbehinderung zusammenpassen

Camilla Pölzer lebt mit einer Körperbehinderung und macht eine Ausbildung zur Tänzerin. Zu Beginn wollte sie ihre Beeinträchtigung noch verstecken, heute versucht sie sie als Stärke zu sehen.

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Camilla Pölzer im Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Foto: © Konrad Wolf

„Allein schon, dass wir hier die Ausbildung angefangen haben, ist ein Statement“, sagt Camilla Pölzer. Ich treffe sie im Tanzhaus NRW in Düsseldorf. In dem ehemaligen Straßenbahndepot sind zwei Bühnen und acht Tanz- und Probenstudios untergebracht. Auch das Mixed-Abled Dance Education Programm (kurz M.A.D.E. Programm), an dem Camilla teilnimmt, hat hier sein Zuhause. Das M.A.D.E. Programm ist eine Weiterbildung im mixed-abled Tanz, angeboten von der Kölner DIN A 13 Tanzcompany. Mixed-abled bedeutet: gemischte Fähigkeiten. „Ich finde mixed-abled auch schon so einen schönen Begriff, weil es geht halt um Fähigkeiten und nicht um Behinderung“, sagt Camilla. Das Weiterbildungsprogramm richtet sich an Tänzer*innen mit und ohne Körperbehinderung. Das gesamte M.A.D.E. Programm, das über drei Jahre geht, kostet 3.000 Euro. Stipendien sind nach Absprache möglich.

Sehgewohnheiten hinterfragen

Camilla ist 24 Jahre alt und lebt mit einer halbseitigen Spastik – einer sogenannten Hemiparese. Ihr linkes Bein und ihr linker Arm sind leicht gelähmt. Bevor sie die Weiterbildung zur Tänzerin bei DIN A 13 angefangen hat, hat sie Schauspiel studiert. Ihre schriftliche Abschlussarbeit handelt von der Normierung von Schauspieler*innenkörpern und der Frage, warum das heutige Theater Schauspieler*innen mit Behinderung braucht.

„Die Zeit, in der fast ausschließlich normierte Körper auf den Bühnen waren, ist vorbei“, schreibt sie. Wobei Camilla im Gespräch hinzufügt: „Es dauert aber noch ein paar Jahre, bis sich die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung auf der Bühne wirklich normalisiert hat.“ Projekte wie das M.A.D.E. Programm sind ein Anfang. Der Kompanie geht es um die Erforschung und Sichtbarmachung ganz unterschiedlicher Körperlichkeiten und darum, „Sehgewohnheiten und Normideale des zeitgenössischen Tanzes“ zu hinterfragen, heißt es auf der Homepage von DIN A 13.

Zu Beginn ihres Schauspielstudiums wollte Camilla ihre Beeinträchtigung, wann immer sie auf der Bühne stand, verstecken: „Ich wollte normal sein und habe mich angestrengt, normale Bewegungen zu machen.“ Camillas Umgang mit ihrer Behinderung auf der Bühne hat sich stark gewandelt. Sie versucht nicht mehr, ihre Behinderung zu verstecken und stellt sich zunehmend die Frage: „Was ist denn auch das Besondere daran und wie kann ich daraus eine Stärke ziehen?“ Auch wenn sie sagt: „Ich glaube, dass ich da noch viel, viel mutiger werden kann.“

Körperliche Besonderheit statt Behinderung

Bei diesem Prozess hilft ihr das M.A.D.E. Programm. Gerda König, künstlerische Leiterin von DIN A 13, spricht lieber von körperlichen Besonderheiten als Behinderungen: „Ich finde das Wort Körperbehinderung zu stigmatisiert.“ Für König sind Körperbehinderungen im Tanz kein Nachteil, eben keine Behinderung, sondern im Gegenteil eine Bereicherung: „Ich finde die Arbeit mit Tänzer*innen mit einer körperlichen Besonderheit besonders spannend, weil das ein ganz anderes Bewegungsvokabular ist, was professionelle Tänzer*innen ohne sogenannte Behinderung nicht liefern.“ Dies verändere die normierten Vorstellungen von Perfektion und Tanzästhetik. „Die Sichtbarmachung von anderen Bewegungsqualitäten ist einfach eine unglaubliche Bereicherung für den zeitgenössischen Tanz“, sagt König.

Im Schauspielstudium war Camilla mit ihrer Behinderung ein Einzelfall und hatte immer wieder das Gefühl, sich ihren Kommiliton*innen anpassen zu müssen. Dagegen macht sie im M.A.D.E. Programm die Erfahrung, dass die Basis der Weiterbildung ihre individuellen körperlichen Voraussetzungen sind. Die Gruppe sei in ihren Körperlichkeiten so divers, dass es keine Norm mehr gebe. In der Tat berichtet Leiterin Gerda König, dass im M.A.D.E. Programm grundsätzlich Menschen mit allen Arten von Körperbehinderungen ausbildbar seien. Einzige Einschränkung: Die Teilnehmer*innen müssten begabt sein.

„Ein Verständnis und ein Bewusstsein für die eigene Bewegung, für Rhythmus, für kreatives Denken und Gestalten muss einfach vorhanden sein“,  sagt König. Diese körperliche Diversität der Gruppe schätzt Camilla sehr: „Das empfinde ich als super entlastend und super schön.“ Sie findet es aber entscheidend, dass auch Tänzer*innen ohne Behinderung teilnehmen: „Für mich ist es wahnsinnig wichtig, dass es eben mixed-abled ist.“

Das Ziel: den mixed-abled Tanz an die staatlichen Hochschulen für Tanz zu bringen

Das M.A.D.E. Programm richtet sich ausdrücklich auch an Tanzstudierende und Tänzer*innen ohne Körperbehinderung. Der Wunsch und das Ziel der DIN A 13 Tanzcompany ist es, den mixed-abled Tanz an die staatlichen Hochschulen für Tanz zu bringen. „Wir haben das M.A.D.E. Programm mit der Zielsetzung entwickelt, dass der mixed-abled Tanz in den späteren Jahren im Curriculum der Hochschulen für Tanz seinen Platz hat“, sagt Gerda König. „Im Moment bekommen wir durch die Netzwerkbildung, die wir haben, an vielen Tanzorganisationen in Deutschland erst einmal ein sehr positives Feedback. Da ist eine Offenheit da“, sagt König.

Wie nachhaltig diese Offenheit ist, kann sie zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen. Der dritte Unterrichtsblock des M.A.D.E. Programms im kommenden Frühjahr wird in den Räumen der Folkwang Universität in Essen und unter Einbeziehung der Tanzstudierenden dort stattfinden. „Unser Ziel ist es, den mixed-abled Tanz selbstverständlich zu machen“, sagt König.

Es mangelt an Vorbildern

Auch Camilla wünscht sich, dass es in Zukunft selbstverständlicher wird, Schauspieler*innen und Tänzer*innen mit Behinderung zu sehen: „Damit es nicht mehr als Sensation behandelt wird, wenn ein Mensch mit Behinderung auf der Bühne steht.“ Zudem fehle es auf der Bühne an Vorbildern für Menschen mit Behinderungen, damit niemand mehr das Gefühl zu haben brauche – weder auf der Bühne noch im echten Leben –, seine*ihre Behinderung verstecken zu müssen.