#ChallengeAccepted auf Instagram: Die bittere Geschichte hinter den Schwarz-Weiß-Selfies

Als Zeichen für Female Empowerment zeigen Frauen unter dem Hashtag #ChallengeAccepted Selfies von sich in Schwarz-Weiß. Ursprünglich sollte der Hashtag aber offenbar auf Femizide in der Türkei aufmerksam machen.

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Die tragische Geschichte hinter #ChallengeAccepted. Screenshot: © beelzeboobz / Instagram

Bei #ChallengeAccepted nominieren Frauen sich gegenseitig dazu, Fotos von sich in Schwarz-Weiß auf Instagram hochzuladen. In den vergangenen Tagen sind zahlreiche Nutzerinnen diesem Aufruf gefolgt, darunter auch Prominente wie Eva Longoria, Kerry Washington und Jennifer Garner. Inzwischen finden sich unter dem Hashtag über fünf Millionen Beiträge.

Die Idee hinter dieser Interpretation der Challenge ist, dass Frauen sich mit den Nominierungen gegenseitig bestärken und unterstützen. Oft werden die Bilder mit weiteren Hashtags versehen wie #WomenSupportingWomen, um der Kampagne noch weiter Nachdruck zu verleihen. #ChallengeAccepted ist aber offenbar zunächst aus einem anderen Grund gestartet worden.

Der eigentliche Sinn von #ChallengeAccepted geht verloren

Auf seinem Kanal erklärt der Instagram-Nutzer @beelzeboobz in einem vielbeachteten Post, dass die Challenge ursprünglich in der Türkei entstanden sei. Durch sie sollte das Bewusstsein für die hohe Anzahl an Femiziden geschärft werden. Auch die New York Times berichtet, dass die #ChallengeAccepted-Interpretation in der Türkei früher gestartet sei als die Variante für Female Empowerment. 

Laut der Organisation We Will Stop Femicide sind 2019 in der Türkei 430 Frauen ermordet worden. Im Jahr 2020 sollen es bis dato 27 gewesen sein. Weitere 23 Fälle hat die Organisation als Verdachtsfälle aufgenommen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen.

@beelzeboobz schreibt, dass Türk*innen jeden Tag erwachten und die Schwarz-Weiß-Fotos von ermordeten Frauen in ihren Instagram-Feeds, Zeitungen und auf ihren Fernsehbildschirmen sehen würden. Die Schwarz-Weiß-Foto-Challenge sei eine Möglichkeit für Frauen gewesen, ihre Stimme zu erheben und sich solidarisch mit den Frauen zu zeigen, die sie verloren hätten. Um zu zeigen, dass es eines Tages ihr Schwarz-Weiß-Bild sein könnte, das in den Nachrichten zu sehen ist.

Der Mord an Pinar Gültekin

Vor zwei Wochen hatte der Mord an der Studentin Pinar Gültekin im Juli zu Empörung und Protesten im Land geführt. Pinar Gültekin, die aus der südwestlichen türkischen Provinz Muğla kam, war von ihrem Exfreund geschlagen und zu Tode gewürgt worden. Der Täter hatte anschließend versucht, ihre Leiche zu verbrennen. Als ihm das nicht gelang, entsorgte er ihren Körper in einem Mülleimer, den er mit Beton auffüllte und in einem Waldstück vergrub.

Ein paar Tage nach dem Mord wurde er an einer Tankstelle festgenommen. Bei der Polizei gab er an, aus Eifersucht gehandelt zu haben. Pinar Gültekins Bruder erklärte der türkischen Presse, dass seine Schwester die Beziehung zu ihrem Mörder beendet habe, weil sich herausgestellt hatte, dass dieser verheiratet war. Der Täter habe die Trennung nicht akzeptieren wollen.

In verschiedenen Städten kam es nach dem Verbrechen zu Protesten. Frauenrechtsaktivist*innen forderten die Regierung auf, endlich etwas gegen das weitverbreitete Problem der Femizide und der Gewalt gegen Frauen im Land zu unternehmen.

Im Gespräch mit der Deutschen Welle erklärt Melek Önder von We Will Stop Femicide, die türkische Polizei und die Regierung müssten viel mehr tun, um gefährdete Frauen zu schützen. Sie sagt, es habe Fälle gegeben, in denen Frauen, die gewaltsam missbraucht wurden, um Hilfe gebeten hätten, aber nichts passiert sei. Man habe sie allein gelassen.

Die fehlende Durchsetzung der Istanbul-Konvention

Die türkische Regierung steht für die nicht ausreichende Umsetzung der Istanbul-Konvention in der Kritik. Die Initiative des Europarats soll Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt verhindern. Der Kritik pflichtet auch der User @belzeboobz bei. Er prangert an, die Regierung würde versuchen, bestimmte Aspekte aus dem Abkommen zu streichen. Anstatt sich aktiv für Frauen und ihre Rechte einzusetzen, würde versucht, das Nichteinschreiten der Regierung zu legalisieren.

@belzeboobz ruft seine Follower*innen dazu auf, seinen Post über den ursprünglichen Sinn der Challenge zu teilen, wenn sie die Bewegung weiter unterstützen wollen. So könne sichergestellt werden, dass die Botschaft sich nicht in Übersetzungen verliere und die Challenge nicht ihre ursprüngliche Bedeutung verliere.

Die Analyse von @belzeboobz stieß jedoch auch auf Kritik. Andere Instagram-Nutzer*innen warfen ihm vor, lediglich von Türk*innen und türkischen Frauen zu sprechen, die Gewalt erführen. Damit homogenisiere er die Bevölkerung der Türkei und schließe die spezifischen Erfahrungen kurdischer Frauen aus, die massiver rassistischer Gewalt ausgesetzt seien.

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