Chemnitz: Diese 19-Jährige fordert jetzt drei Dinge von ihrer Heimatstadt

Mile liebt Chemnitz und will die Stadt nicht den Rechtsextremen überlassen.

Mile vor dem Karl-Marx-Monument, der Platz an dem sich mindestens 6.000 Rechte versammelten. Sie möchte ihnen diesen Raum nicht lassen. Foto: © ze.tt

Im März 2017 liegt Mile mit ihrem Freund und ihren Eltern bei ihr zu Hause im Chemnitzer Stadtteil Kaßberg auf dem Sofa. Sie schauen fern, als ihr Smartphone vibriert. Sie öffnet die Nachricht, die ihr eine Bekannte über Facebook schickt. Jemand habe überall in der Stadt Plakate aufgehängt. Das Foto, das sie dazu geschickt bekommt, zeigt einen Din-A4-Ausdruck. Jemand stellte eine Collage aus Fotos junger Frauen und Mädchen aus Chemnitz zusammen, darüber steht „Hey Refugees: We love you. When you see us, touch us“, darunter „We blow your dicks for free“.

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Mile ist geschockt. Auch zwei Fotos von ihr sind auf der Collage. Und sie kennt mindestens zehn weitere Frauen und Mädchen, deren Gesichter darauf zu sehen sind. Es handelt sich großteils um Profilbilder aus Social-Media-Kanälen. Zusammen mit ihrem Freund durchforstet sie die Stadt, findet sieben Plakate, am Bahnhof, am Supermarkt, reißt sie ab. An anderen Orten findet sie nur noch Schnipsel. Andere haben sie bereits abgerissen. Chemnitzer Antifa-Gruppen sind in Alarmstellung, über Whatsapp und Facebook werden alle gewarnt, die identifiziert werden können.

Alle der Frauen und Mädchen auf der Collage stehen irgendwie in Verbindung zur linksalternativen Szene in Chemnitz. Deshalb vermuten sie Rechtsextreme hinter der Aktion. Mile spricht mit ihrem Schulleiter, kontaktiert eine Opferberatung, geht eine Woche später zur Polizei, erstattet Anzeige gegen unbekannt. Zu dieser Zeit beginnt ihr Vertrauen in die Polizei zu bröckeln.

Bis heute hat die 19-Jährige nichts mehr zu dem Fall gehört. Sie fühlt sich ungeschützt.

Mile fühlt sich von der Polizei im Stich gelassen

Die Geschichte sprudelt aus ihr heraus, während ihr Blick über den Platz vor dem Nischel, so nennen Chemnitzer*innen das Karl-Marx-Monument, schweift. Sie ging damals nicht an die Öffentlichkeit, war zu eingeschüchtert durch das Plakat. Sie sagt, dass sie jetzt aber erkannt hat, wie wichtig es ist, ihre Stimme zu nutzen und öffentlich zu zeigen, dass die Jugend in Chemnitz nicht aufgibt.

Als sich hier vor einigen Tagen Tausende Rechte versammelten, dachte sie wieder an das Plakat. Zu diesem Zeitpunkt, am Montagabend, stand sie auf der anderen Straßenseite, bei den Gegendemonstrant*innen. Sie wussten: Wenn sich die alle da drüben in Bewegung setzen und auf uns zukommen, sehen wir alt aus. Die Polizei war mit der Situation überfordert, konnte wenig ausrichten, mindestens 20 Menschen wurden verletzt. Die Presse schreibt von den schlimmsten rechtsextremen Ausschreitungen seit 30 Jahren. Mile hat sich nicht von der Polizei geschützt gefühlt, schon wieder nicht.

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Mile zeigt auf die vielen Mannschaftswagen, als wir uns treffen. Sie stehen rund um das Zentrum verteilt. „Ja, jetzt seid ihr da“, sagt sie resigniert in deren Richtung, „ich frage mich: Wo wart ihr alle, als es gezählt hat? Wo war unser Schutz? Wieso habt ihr keine Verstärkung gefordert? Wie kann man nur so blind sein?“ Der sächsische Verfassungsschutz hatte die Polizei vorher gewarnt, dass es zu Ausschreitungen kommen könnte. Trotzdem waren nur 591 Beamt*innen am Montagabend im Einsatz.

Ohne Pfefferspray geht sie nachts nicht mehr raus

„Ich vermisse diese Stadt, wenn ich nicht hier bin. Ich liebe diese Stadt. Ich will mich nicht für sie schämen müssen“, sagt sie. Gerade ist Mile während der Semesterferien hier, sie studiert in Berlin. Sie sagt, sie würde in Chemnitz in der Dunkelheit nicht mehr alleine auf die Straße gehen, zumindest nicht ohne Pfefferspray, das sie immer bei sich trägt.

Ich liebe diese Stadt. Ich will mich nicht für sie schämen müssen.“ – Mile

Sie will keine Angst mehr haben müssen. Mile möchte, dass auch ihr Nachbar, der Anwalt, auf die Straße geht. Sie möchte, dass alle, die zwar sagen, sie wollen keine Rechtsextremen in ihrer Stadt, das endlich auch laut in der Öffentlichkeit zeigen.

Mile hat drei Forderungen an Chemnitz und seine Menschen

In Chemnitz seien politische Konflikte schon immer sehr offen ausgetragen worden, erzählt Mile. Deshalb habe sie sich schon früh politisiert. Als 2015 viele Geflüchtete ins Land kamen und gleichzeitig die rechte Szene lauter wurde, wurde es zum Pflichtprogramm in ihrem Freund*innenkreis, sich auf Demos zu treffen.

Als wir an der Stelle stehen, an der ein 35-Jähriger Samstagnacht getötet wurde, sagt Mile, sie verspüre auch Trauer. Aber sie vermutet, dass die, die die Blumen an diesen Ort legten, den Tod des Mannes für ihre Sache instrumentalisieren. Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass sich vor allem rechtsgesinnte Leute hier versammeln.

Die Stelle, an der am Sonntag ein 35-Jähriger verstarb Foto: © ze.tt

Ein Mann diskutiert lautstark mit einer Journalistin, sagt ihr, die Medien würden es sich ja ohnehin so zusammenbauen, wie es ihnen passe. Eine ältere Frau hebt die Stimme: „Da kann man ja nur noch AfD wählen bei so was.“ Eine andere umarmt einen Mann, sagt zitternd vor Wut, sie wolle nicht als Nazi gelten, nur weil sie ihre Meinung sage. Es sind Sätze, die man seit 2015 immer wieder hört. Und die Journalist*innen vor Ort scheinen genau diese Aussagen zu suchen.

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Mile ist all das suspekt. Chemnitz habe doch viel mehr zu bieten als wütende Rechte. Die Bewerbung als Kulturhauptstadt sei durchaus ernst gemeint: Die Theater- und Kunstszene arbeitet auf hohem Niveau hier, die Clubszene wächst, die Lebenshaltungskosten sind günstig wie fast nirgends in Deutschland. Man bemühe sich wirklich darum, Chemnitz modern zu machen, sagt Mile. „Früher wollte ich immer weg, heute ist das anders.“

Sie hat das Gefühl, dass jetzt die Zeit ist, für die Stadt und das Land aufzustehen. Auf die Frage, was sich tun müsste, damit solche Vorfälle künftig nicht vorkommen, nennt sie drei Forderungen an ihre Stadt:

  1. „Ich will, dass unsere Oberbürgermeisterin das Problem endlich beim Namen nennt. Sie hat nicht einmal das Wort ,rechts‘ in ihrer Presseansprache genannt. Sie muss sich endlich hinstellen und offen zugeben: Chemnitz hat ein Rassismus- und Neonazi-Problem.“
  2. „Ich wünsche mir, dass die Polizei in sich geht. Ich will eine klare Äußerung dazu haben, warum das am Montag schief lief. Ich will eine Erklärung: Warum konnte man uns nicht schützen?“
  3. „Und ich wünsche mir, dass die Menschen hier, die gegen solche Krawalle sind, endlich den Arsch hochbekommen. Ich möchte, dass sie alle neben mir auf den Demos gegen Rechts stehen. Dann könnten wir es schaffen, ein Zeichen für Chemnitz zu setzen.“

Mile denkt, dass es hilft, jetzt laut seine Meinung zu sagen. Denn die Rechten seien ja vor allem das: laut.


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