Clubkultur während Corona: “Ohne queere Orte sind wir wie Wale in Aquarien – eingesperrt”

Seit Corona sind Partys tabu. Dabei sind gerade queere Clubs und Bars viel mehr als reine Partylocations. Vier junge Menschen erzählen, warum.

moe_queer
Queere Clubs uns Bars sind viel mehr als Feierlocations – sie sind Schutzräume. Foto: Mala Marlene

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie wird sich an dem Thema Party und junge Menschen abgearbeitet. Das Bedürfnis junger Menschen, zu feiern, wird als First World Problem abgetan, junge Erwachsene, die davon erzählen, wie sehr sie Clubs vermissen, als rücksichtslos abgestempelt oder verspottet, Besucher*innen einer sexpositiven Party in Berlin als „Perverse“ gelabelt. Dabei ist es für viele Menschen wichtig, sich in der Clubszene aufhalten zu können – und zwar weit über das Bedürfnis zu feiern hinaus. Insbesondere für queere Menschen sind Clubs auch Schutzräume und Zufluchtsorte.

„Queere Räume wie Bars und Clubs dienen seit dem 20. Jahrhundert der Identitätsbildung“, sagt Ben Miller, Vorstandsmitglied des Schwulen Museums in Berlin. Sie seien in der Vergangenheit Orte gewesen, in denen man Kontakt haben, tanzen, Sex haben kann – und nicht dafür verhaftet wurde. In Westdeutschland wurden schwule Männer bis in die späten 1960er-Jahre verhaftet. Westberliner Bars setzten aus diesem Grund zu dieser Zeit Türen mit ausgeklügeltem System ein, um sich vor Razzien zu schützen. „Wir haben also die Idee, diese Räume außerhalb der Sicht von Vorschriften und Polizei zu schützen, sehr tief in unserem kollektiven Gedächtnis verankert“, sagt Miller. „Aufgrund dieser Geschichte möchten wir Queers uns in schwierigen Zeiten oft an diese Räume wenden.“

Und heute? Wir haben vier junge Menschen gefragt, warum ihnen das queere Nachtleben mehr bedeutet als sich nur Tanz und Exzess hinzugeben – und warum sie es während Corona schmerzlich vermissen.

Moemen, 21, lebt in Berlin

moe_queer
Moemen. Foto: © Mala Marlene

Ich muss so drei Jahre alt gewesen sein, als ich das erste Mal im Zimmer meiner Mutter mit ihren Schminksachen spielte. Meine Eltern fanden mich und sagten mir, ich dürfe das nicht, ich sei schließlich ein Junge. Ich bin in Jemen aufgewachsen, mein Zuhause war kulturell muslimisch geprägt.

Als ich 16 war, sind wir nach Deutschland, nach Münster gezogen. Da wusste ich schon, dass ich gay bin. Schon in Jemen habe ich mich heimlich mit einem engen Freund geschminkt und sexuell experimentiert. Meiner Familie zuliebe habe ich mich lange selbst limitiert. Ich habe kein Make-up und meine Fingernägel kurz getragen, habe traditionell männliche Klamotten angezogen und keine Musik gehört, die „nur Frauen hören“. Ich wollte sie nicht verletzen oder traurig machen, weil ich nicht der bin, der sie wollen, dass ich bin.

Ohne die Freiheit dieser Orte sind wir wie Wale in Aquarien. Da werden die nur fünf oder sechs Meter lang. Freie Wale werden hingegen bis zu zwanzig Meter lang.

Moemen

Mit 18 bin ich mit Freund*innen nach Berlin gefahren. Ich war das erste Mal in meinem Leben in einem queeren Club: dem KitKat. Ich war total begeistert, wie frei da alle sind. Wie divers queere Männlichkeit sein kann: von sehr feminin bis ultra maskulin. Diese Orte haben mir gezeigt, dass ich alles sein kann, was ich sein will. Sie sind Safe Spaces, wo ich mich ausdrücken kann, ohne Angst davor zu haben, jemanden zu enttäuschen, zu schockieren oder als „Schwuchtel“ beleidigt zu werden. Durch sie habe ich auch gelernt, dass es okay ist, das binäre Konzept von Mann oder Frau aufzubrechen. Mit 18 habe ich meine erste eigene Make-up-Palette geschenkt bekommen. Heute shoppe ich meine Klamotten gerne in der Frauenabteilung.

Während Corona fällt es mir am schwersten, auf die queere Community verzichten zu müssen, um gemeinsam unsere Queerness zu feiern. Ohne die Freiheit, die uns diese Orte ermöglichen, können wir nicht zu den Menschen wachsen, die wir sind. Dann sind wir wie Wale in Aquarien. Da werden die nur fünf oder sechs Meter lang. Freie Wale werden hingegen bis zu zwanzig Meter lang.

Felicia, 26, freiberufliche Workshop-Trainerin und Queeraktivistin

IMG-20190829-WA0001
Felicia. Foto: © privat

Für mich war die erste queere Cluberfahrung etwa ein Jahr vor meinem Outing als trans Person. Ein schwuler Freund hatte mich damals noch als scheinbar cis Heteromann zu einer Feier mitgenommen, um mir seinen queeren Stammclub in Berlin zu zeigen. Ich bin davor nicht gern in Clubs gegangen, weil mich die heteronormativen Bilder dort nervös gemacht haben. Zum Beispiel die ungehemmte Art, wie Männer Frauen antanzen, um sie aufzureißen. Das hat große Unsicherheiten in mir ausgelöst. Weil mir vor Augen geführt wurde, dass ich diesem Normbild nicht entsprach.

Ich bin in Ochsenhausen aufgewachsen, ein katholisches 9.000-Seelen-Dorf in Baden-Württemberg. Dort war kein Platz für mich, um mir selbst meine Gefühle einzugestehen. Gefühlt existierte da nur Heterosexualität. Alles andere kannte man nur aus dem Fernsehen. Die Erfahrung in den queeren Clubs in Berlin haben meinem Selbstbewusstsein Kraft gegeben. Anderthalb Jahre nach meinem ersten Besuch hatte ich dann mein Coming-out.

Als trans Person habe ich oft das Gefühl, in der Gesellschaft nicht so ganz dazuzugehören: Die großen rechtlichen Hürden bei der Namensänderung und die Gesundheitsversorgung, die größtenteils auf cis Menschen ausgerichtet ist, sind das beste Beispiel dafür.

Ich vermisse meine Familie.

Felicia

Ich fühlte mich lange nicht begehrenswert. In queeren Clubs mit so vielen verschiedenen Ausdrucksweisen von Geschlechtern und Lebensrealitäten fühlte ich mich besser aufgehoben, akzeptiert. Die queere Peergroup wurde mehr und mehr zu meiner Familie. Denn mit allen Menschen, die du da triffst, hast du etwas Grundlegendes gemeinsam. Die Erfahrung, in einer Welt zu leben, die nicht für uns vorgesehen ist und sich zum Teil gegen uns stellt. Wie oft musste ich mir schon blöde Witze oder Kommentare anhören. Menschen rufen sie aus den Autos oder auf der Straße. Als ich einmal mit meinem Lebensmensch unterwegs war, haben uns sogar über die Straße hinweg zwei Polizisten zugerufen: „Schau dir die zwei Lesben an!“

Mir fehlt meine Community. Sie ist eine Form von Familie für mich. Ich weiß nicht, ob das cis Heteros nachvollziehen können. Sie machen nicht die Lebenserfahrung, dass ihre Familien sie ablehnen oder verstoßen, wegen etwas, das sie nicht ändern können. Deswegen ist eine Wahlfamilie für LGBTQIA-Menschen so wichtig. Auch für mich. Ich habe mit der Hälfte meiner Familie wegen meiner Identität keinen Kontakt mehr, darunter ist auch meine Mutter. So sehr ich verstehe, warum die Clubs zu sind, so sehr bricht es mir auch das Herz. Ich vermisse meine Familie.

Lucas, 28, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag

IMG_7997
Lucas. Foto: Privat

In meiner Heimatstadt Wismar war ich in meiner Jugend in der lokalen Disco, wo ich mich mit einer geballten Ladung Heteronormativität herumschlagen musste. Da hatte ich immer das Gefühl, jemand sein zu müssen, der ich nicht bin. Auf der Tanzfläche standen Jungs und Mädchen, die miteinander geknutscht haben. Ich hab mich dazu gedrängt gefühlt, mit Mädchen zu knutschen, um allen zu beweisen, dass ich auf keinen Fall schwul bin. Ich hatte Angst, ausgegrenzt zu werden, meine Freund*innen und Familie zu verlieren, öffentlich bloßgestellt zu werden. Die Scham vor der eigenen sexuellen Orientierung war einfach viel zu stark. LGBTQIA-Bars oder Clubs, in denen ich andere queere Menschen hätte kennenlernen können, gab es nicht.

Mit 17 bin ich mit Freundinnen das erste Mal nach Hamburg gefahren, um in eine Gay-Bar zu gehen. Damals war ich noch total schüchtern und habe mich kaum getraut, jemanden anzuschauen. Meine Freundinnen haben immer wieder gesagt: „Guck mal, der schaut zu dir rüber.“ Und ich meinte nur: „Quatsch, der könnte auch wo ganz anders hinschauen.“ Das Gefühl, öffentlich von Männern begehrt zu werden, war völlig neu für mich. Flirten und andere Männer anquatschen, das lernt man als schwuler Mann in einem Heteroumfeld ja gar nicht. Ich musste mich erst daran gewöhnen, all das offen machen zu können.

Für junge, queere Menschen gibt es momentan kaum Anlaufpunkte.

Lucas

Das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das ich in den queeren Orten spürte, hat mir dabei geholfen, meine eigene Homosexualität besser zu akzeptieren. Nur so habe ich mich letztlich getraut, offen zu sagen „Ich bin schwul“ und mich bei meiner Familie zu outen.

Mittlerweile wohne ich in Berlin. Während Corona fehlt mir am meisten das Gefühl von Freisein, das ich beim Tanzen in queeren Clubs spüre. Da traue ich mich beispielsweise zu voguen, was ich sonst nie machen würde, aus Angst vor dummen Sprüchen. Die queere Partyszene in Großstädten hat mein Selbstbewusstsein total gestärkt. Vor Corona war ich zu Besuch in Wismar und mit Freundinnen tanzen. Da hab ich aus Spaß andere Männer angetanzt – ohne zu wissen, ob sie schwul sind. Das war ein total großer Schritt für mich. Früher hätte ich das niemals gemacht, aus Schiss davor, eins in die Fresse zu bekommen. Die anderen Männer fanden das aber gar nicht schlimm und haben nur gelacht.

Ich muss in letzter Zeit oft an junge, queere Menschen in Kleinstädten denken, denen es vielleicht so geht wie mir früher. Für sie gibt es momentan kaum Anlaufpunkte. Das ist total schade. Diese Orte haben mir den Mut gegeben, ich selbst zu sein.

Ella, 21, studiert in Dortmund Raumplanung

ella_queer
Ella. Foto: Privat

Ich dachte lange, dass ich mich in Clubs nicht wohlfühle, weil die Musik nicht passt. Das Schlimmste war, wenn mich Jungs angetanzt haben. Ich wusste gar nicht, wie ich mich da verhalten soll. Meistens habe ich den Freundinnen, mit denen ich da war, einen hilfesuchenden Blick zugeworfen. Die haben mich dann sozusagen befreit, indem sie mich weggezogen haben oder wir auf die Toilette gegangen sind.

Ich komme ursprünglich aus Solingen, da gibt es keine queeren Bars oder Clubs. Mit 17 bin ich mit einem schwulen Freund nach Köln gefahren, in die Schaafenstraße, wo ganz viele queere Orte sind. Als mich in einer Gay-Bar ein Mädchen angetanzt hat, sie sich für mich interessiert hat, hat sich das viel, viel besser angefühlt. Wenig später habe ich mich geoutet.

Kurz vor der ersten Corona-Welle im Frühjahr habe ich mich von meiner damaligen Freundin getrennt. Danach dachte ich: „Geil, endlich wieder feiern gehen.“ Daraus wurde dann leider nichts, weil kurz darauf die Clubs schlossen. Gay-Partys waren für mich immer primär ein Ort, um mich beim Feiern so zu verhalten, wie ich das möchte und mich dabei wohl zu fühlen – aber auch zum Flirten und Partnerinnen finden. Onlinedating finde ich eher langweilig, da fehlt die Ungewissheit, die man beim Dating im realen Leben hat.

Das queere Nachtleben hat mir auch gezeigt, wie divers die LGBTQIA-Szene eigentlich ist.

Ella

Klar, ich könnte auch auf der Straße Frauen kennenlernen. Mittlerweile bin ich so selbstbewusst, dass ich da Frauen auch anspreche und keine Angst davor habe, dass die Antwort lautet: „Sorry, ich stehe nicht auf Frauen.“ Noch vor zwei Jahren hätte ich mich das niemals getraut. Das queere Nachtleben hat mir auf jeden Fall einen Normalitäts-Push gegeben. Es hat mir das Selbstbewusstsein gegeben, mich nicht verstecken zu müssen, auch nicht an nicht-queeren Orten.

Es hat mir auch gezeigt, wie divers die LGBTQIA-Szene eigentlich ist. Das war mir vorher gar nicht so klar. Ich glaube, junge, lesbischen Frauen, die ihre Sexualität stärker über das Internet entdecken, kriegen da ein total einseitiges Bild vermittelt. Auf TikTok sehe ich momentan vor allem einen Typ von Lesben: 16-, 17-jährige lesbische Mädchen, die sich immer top gestylt zeigen. Ich kann mir vorstellen, dass junge Frauen denken könnten, sie müssten auch so aussehen wie die. Müssen sie aber nicht. Sie können aussehen wie sie wollen. Darin bestärken einen queere Party mit ihrer Vielfalt.