Beziehung hautnah: So vielfältig sieht Liebe aus

Die Fotografin Julia Liebisch-Peschl zeigt mit ihrem Fotoprojekt Come Closer, wie individuell und vielfältig Liebe und Liebesbeziehungen aussehen können.

Crazy little thing called love“, sang schon Queen-Frontmann Freddy Mercury 1980 und brachte es damit auf den Punkt: Liebe ist irgendwie etwas Verrücktes, Schönes, Nichtgreifbares und doch so Existenzielles. Wir empfinden Liebe für unsere Partner*innen, für unsere Freund*innen, für Familienmitglieder, für (Haus-)Tiere, für uns selbst – und doch ist es schwierig auf den Punkt zu bringen, was dieses starke Gefühl, die Liebe, eigentlich so ganz genau ist.

Daran haben sich schon die großen Dichter*innen und Denker*innen, Philosoph*innen, Analytiker*innen, Poet*innen und Co. die Zähne ausgebissen, ihre ganz eigenen Ideen und Konzepte entwickelt und wieder verworfen. Ist die Liebe also vielleicht etwas ganz Individuelles, das jeder Mensch für sich definiert und anders erlebt? In jedem Fall ist Liebe etwas Faszinierendes, das die Menschen in seinen Bann zieht.

Liebe in all ihren Facetten

So geht es auch der in Berlin lebenden Fotografin Julia Liebisch-Peschl. In ihrem fortlaufenden Fotoprojekt Come Closer, also Komm näher, ergründet die Fotografin Liebe und Liebesbeziehungen auf möglichst natürliche Weise, ganz unaufgeregt, nah dran und intim: Sie porträtiert Berliner Paare und ihre Beziehungsmodelle und lässt sich ihre Geschichten erzählen. Auf der Projektwebseite präsentiert Julia die Ergebnisse und schreibt dort: „Das Projekt entstand in einer Zeit, in der ich von der Negativität und Dunkelheit der Nachrichten, die wir täglich hören, überwältigt wurde. Ich wollte schon seit einiger Zeit eine Fotoserie über Liebe machen – und dann nahm die Idee Gestalt an, mit der Absicht, etwas für das Herz zu schaffen.“

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Auf den Fotos sind Menschen in Zweier- und Dreierbeziehungen zu sehen, unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Geschlechts: Julia legt in der Auswahl ihrer Protagonist*innen großen Wert auf Vielfalt. Ihr Anliegen: „Liebe in ihrer Diversität darzustellen, um zu zeigen, dass Beziehungen in vielen Formen existieren können und dass es keinen Standard gibt, dem wir alle folgen müssen. Auch wenn diese Beziehungen sehr unterschiedlich aussehen, scheinen wir alle mit ähnlichen Problemen und Gesprächen zu tun zu haben. Meistens geht es um Angst, Vernachlässigung, Akzeptanz, Familie, Sehnsucht, Werte und den Wunsch, gesehen und geliebt zu werden“, erklärt die Fotografin gegenüber ze.tt.

Natürlich, echt und intim

Bei ihrer Arbeit inspiriert sie vor allem Zwischenmenschlichkeit: Sie wolle ergründen, wie wir uns zueinander verhalten, wen wir lieben und wie wir lieben, beschreibt Julia. Deshalb möchte sie echte, nicht-perfekte Geschichten erzählen: „Die Welt, die zwischen Menschen existiert, festzuhalten und die Geschichten verschiedener Liebesbeziehungen zu erzählen – entfernt von den inszenierten Bildern und unrealen, perfekten Szenen, die wir tagtäglich in den Medien sehen“, beschreibt sie ihr Anliegen.

Deshalb trifft Julia die Menschen, die sie für Come Closer ablichtet, auch in deren Wohnungen, in einer ihnen bekannten Atmosphäre, in der sie sie selbst sein können. Dabei verzichtet sie auf künstliches Licht, damit die Fotos möglichst real und intim werden können. Mit diesen ungestellten Bildern möchte Julia auch zum Nachdenken, zum Gespräch anregen: Sie ist überzeugt, dass wenn wir ein offenes Gespräch über verschiedene Beziehungsmodelle führen, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, die wir zuvor nicht gesehen haben, entdecken werden. Außerdem merkt sie an: „Es ist ein laufendes Projekt, also meldet euch gerne, wenn ihr Interesse habt, ein Teil davon zu werden.“

Oscar, Daniel und Pascal

Foto: Julia Liebisch-Peschl

„Es gab einmal einen Jungen, der ein Mädchen liebte und dachte, er würde sie schließlich heiraten. Aber der Junge verliebte sich in ihren Bruder und heiratete schließlich diesen. […] Die beiden Jungen kommen aus Mexiko, einer ist Künstler und der andere Wissenschaftler. Sie zogen nach Berlin. Der Wissenschaftler traf einen deutschen Jungen an der Universität, an der er arbeitete, und fing an, ihn zu mögen. Sein Mann mochte ihn auch. Die drei verbrachten also viel Zeit miteinander, und bevor man es merkte, waren sie alle in einer Beziehung“, erzählt Julia die Geschichte der drei Männer.

Yamil und Stefan

Foto: Julia Liebisch-Peschl

„Yamil aus Mexiko und Stefan aus Deutschland kommen aus zwei verschiedenen Welten. Bevor Yamil die Welt bereiste, arbeitete er in einem Waisenhaus in Guatemala und bereiste das Land mit einer Kinder-Theatergruppe. […] Nachdem er schon einige Zeit in Deutschland verbracht hatte und auch einige Freunde in Berlin hatte, entschied er sich für den Umzug, ohne zu wissen, was ihn erwarten würde. Dort lernte er Stefan kennen, einen Architekten und Designer […]. Stefan outete sich sehr spät und war lange in einer Beziehung mit einer Frau. Als die beiden sich trafen, lebte Yamil in einem selbst entworfenen zwei mal zwei Meter großen Zimmer. Im ersten Jahr ihrer Beziehung verbrachten sie viel Zeit in diesem winzigen Raum und fügten sogar einen nicht so pelzigen Freund hinzu, eine haarlose Katze namens Voltron“, berichtet Julia über das Kennenlernen der beiden.

Dörthe und Merve

Foto: Julia Liebisch-Peschl

„Merve und Dörthe kommen aus sehr unterschiedlichen Familien: Die eine ist sehr offen und frei, die andere eher konservativ und glaubt, dass Homosexualität eine Sünde sei. Die beiden trafen sich an der Schauspielschule, wo sie schon früh zueinander fanden. Durch den Schauspielunterricht lernten sie mehr über sich selbst und einander und so entwickelte sich aus ihrer Freundschaft schnell etwas, das viel mehr ist“, schreibt Julia über die beiden Frauen.

Divya und Leif

Foto: Julia Liebisch-Peschl

„In einem griechischen Gyros-Laden in Barcelona trafen sich ein indisch-australisches Mädchen und ein deutsch-spanischer Junge und kamen miteinander ins Gespräch. Leif nahm Divya mit auf eine Party, sie verpasste ihren Heimflug absichtlich und die beiden hatten eine zweiwöchige Liebesaffäre mit Musik, Tanzen, Acid, Mitternachtsspaziergängen und Treffen mit Freunden […]. Unglücklicherweise musste Divya nach Australien zurückkehren und sie waren zwei ganze Jahre getrennt. Damals zog Leif nach Berlin und Divya besuchte ihn. Dort haben sie ihre Romanze neu entfacht und Leif zog mit Divya nach Australien“, erzählt Julia über das Paar.


Weitere Arbeiten von Julia Liebisch-Peschl findet ihr auf ihrer Webseite, auf der Projektwebseite und auf Instagram.