Comedypreis 2020: Warum Männer immer noch als lustiger gelten als Frauen

Die Nominierungsliste für den Deutschen Comedypreis strotzt nur so vor Männern. Kein Wunder, sagt unsere Autorin: Das Patriarchat hat ein Problem mit witzigen Frauen. Ein Kommentar

gemma-chua-tran-comedypreis-männer-lustiger-als-frauen-unsplash
Ja ja, schon klar, Frauen sind einfach nicht so witzig wie Männer. Foto: Gemma Chua Tran / Unsplash | CC0

Comedy – das ist in Deutschland immer noch vorrangig eine Angelegenheit weißer Männer. Den Eindruck konnte zumindest bekommen, wer vergangene Woche die Nominierungsliste des Deutschen Comedypreises in seinen*ihren Feed gespült bekam. Autorin Giulia Becker brachte das Problem für die Kategorie Podcast in einem Tweet auf den Punkt:

Empfohlener Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Du kannst dir hier alle externen Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.(Datenschutzerklärung)

Daraus hätte eine interessante Diskussion über strukturellen Sexismus in der deutschen Comedyszene entstehen können, doch stattdessen dauerte es nur so lange wie eine Folge Gemischtes Hack, bis ein altbekannter Satz die Debatte auf Eis legte: Frauen sind halt einfach nicht so witzig wie Männer.

Das Patriarchat hat ein Problem mit witzigen Frauen

Es ist eines dieser uralten sogenannten Argumente, die auch in anderen Bereichen von Kunst und Kultur gerne genutzt werden. Wir erinnern uns an die Zeit, als es noch Festivals gab. 98 Prozent männliches Line-up? Naja, es gibt halt nicht so viele Bands mit weiblichen Mitgliedern, die wirklich gut sind. Bei den Oscars, Emmys und Lolas mal wieder kaum oder keine Filme von weiblichen Regisseurinnen nominiert? Klar, die guten Filme kommen eben von Männern.

Lachen dürfen Frauen natürlich trotzdem über Witze – aber eben nur über die von Männern. Sie sind die Zielgruppe, nicht die Konkurrenz.

Diese „Argumente“ liefern Feminist*innen und allen Menschen, die sich mit systematischer Diskriminierung beschäftigen, regelmäßig einen Grund zum Kopfschütteln. Denn nein, es ist nicht so, dass Frauen „von Natur aus“ weniger talentiert, musikalisch, kreativ oder, wie im aktuellen Fall, lustig sind. Sondern: Das Patriarchat hat ein Problem mit witzigen Frauen. Warum? Humor ist Macht. Die Fähigkeit, Menschen mit gekonntem Witz aus der Reserve zu locken und zum Lachen zu bringen, bedeutet Macht. Und das ist nichts Neues: Macht sollen Frauen im Patriarchat bitte bloß nicht zu viel haben.

Die Humorforscherin (kein Witz) Gina Barreca sagt, dass es deshalb nicht im Interesse einer männerdominierten Gesellschaft sei, Mädchen und Frauen an den Gebrauch von Humor heranzuführen. Im Gegenteil: Laut Helga Kotthoff, ebenfalls Humorforscherin (kein Running Gag), wird Frauen seit Jahrzehnten eine „damenhafte“ Angepasstheit vorgeschrieben, die ihnen Gags und Pointen verbietet. In den Sechzigern las sich das so: „Die Dame halte sich bei Tisch mit der Darbietung von Scherzen zurück.“

Frauen, die Witze machen, werden als inkompetent eingestuft

Lachen dürfen Frauen natürlich trotzdem über Witze – aber eben nur über die von Männern. Sie sind die Zielgruppe, nicht die Konkurrenz. Alles andere deklariert das Patriarchat bisweilen auch mal als unsexy. „Frauen mit Humor sind das Ende aller Romantik“, sagte schon Oscar Wilde, Autor zahlreicher bekannter Wandtattoos. Damit sich Frauen also gar nicht erst Scherze ausdenken, werden sie vorsorglich gesellschaftlich herabgewürdigt. Eine raffinierte und altbewährte Strategie des Patriarchats.

Sollten Frauen trotz all dieser Widerstände dann doch Humor entwickeln, stoßen sie immer wieder an gesellschaftliche Grenzen. So zeigte eine Untersuchung aus den Siebzigern, dass der Witz einer Frau in einer Gruppe „als aufdringlicher, störender, aggressiver Akt empfunden wird, der in unserer Kultur für eine Frau wahrscheinlich inakzeptabel ist“. Und auch 2019 bestätigte sich diese Beobachtung, als Forscher*innen herausfanden, dass Frauen, die im beruflichen Kontext Witze machen, eher als inkompetent eingestuft werden – während schenkelklopfende Männer als besonders souverän und respektabel gelten. Machen wir uns klar: Es geht hierbei nicht darum, in der Gruppe doch endlich auch die Clownin spielen zu dürfen, sondern schlussendlich um die Vorenthaltung finanzieller und gesellschaftlicher Macht für Frauen, die sich nicht an die vermeintlich geltenden Konventionen halten.

Frauen machen angeblich Witze für Frauen. Aber Männer, Männer machen Witze für Menschen.

Um aus Humor einen Beruf zu machen, gilt für Frauen auch heute noch: extra anstrengen. Erstens – na klar – lustig sein. Und dann – girls only – Strukturen aufbrechen. Das beginnt schon in den Writer’s Rooms von Comedyformaten. Die US-Komikerin Tina Fey berichtete in einem Interview sehr eindrucksvoll von ihrer frühen Erfahrung bei Saturday Night Live.

Als eine der einzigen Frauen im Redaktionsteam wurden viele ihrer Gags und Sketche abgelehnt. Und das nicht einfach, weil sie – offensichtlich – eine Frau war, sondern weil die männlichen Autoren ihren Humor schlicht nicht verstanden. Auch Sarah Pappalardo und Beth Newell, die Chefredakteurinnen des Satiremagazins Reductress, sagen über ihre Anfänge in der Comedybranche: „Irgendwann fiel uns auf, dass sich bestimmte Ideen nie durchsetzten. Nicht weil die Männer sie aktiv blockierten, sondern weil sie schlichtweg nicht verstanden, wovon wir sprachen.“ Ein Teufelskreis, sagt Tina Fey: Wessen Humor nicht verstanden wird, die*der bekommt weniger Sketche in die Sendung. Wer weniger Sketche liefert gilt als nicht lustig.

Das Problem fängt nicht erst bei der Nominierungsliste des Comedypreises an

Die Beobachtung, dass weiblicher Humor auf taube Männerohren stößt, verschwindet übrigens nicht, wenn wir die Redaktionsräume verlassen und uns im Publikum umschauen. Während Podcasts wie Fest und Flauschig natürlich selbstverständlich ein Spaß für alle Geschlechter gleichermaßen sind, gelten Comedyformate von Frauen immer noch als „Frauensache“. Damit können weibliche Formate quasi schon vor der Pilotfolge nur mit der Hälfte ihres potenziellen Publikums rechnen. Als Ariana Baborie und Laura Larsson vom Podcast Herrengedeck einmal öffentlich machten, dass ihr Podcast eigentlich nur von Frauen gehört wird, waren die Reaktionen der wenigen männlichen Hörer nicht weniger ernüchternd. Die Podcasterinnen berichteten, dass sich die meisten Männer „richtig ertappt fühlten, weil sie uns schon ewig hören, aber das niemals vor ihren Freunden zugeben würden, weil ihnen das irgendwie peinlich wäre, dass sie einen Frauen-Comedypodcast hören.“ Wow.

Die Repräsentation von Frauen im Comedybereich wird so lange nicht selbstverständlich sein, wie männlich dominierte Medien darüber entscheiden, wer ins Spotlight darf.

Halten wir fest: Frauen machen angeblich Witze für Frauen. Aber Männer, Männer machen Witze für Menschen. Das heißt: Selbst wenn sich Ariana und Laura von Herrengedeck mit Julia und Fanny vom Podcast Mama Lauda zusammentun und Giulia Becker, Carolin Kebekus, Katjana Gerz, Hazel Brugger, Anna Dushime, Larissa Rieß, Mirella Precek, Jasmina Kuhnke sowie Nina und Lotta Kummer zum größten Gag-Feuerwerk aller Zeiten einladen würden, hätten sie wahrscheinlich trotzdem noch weniger Hörer*innen als ein ähnliches Format mit Klaas Heufer-Umlauf und zwei seiner Arbeitskollegen (Baywatch Berlin).

Die Repräsentation von Frauen im Comedybereich wird so lange nicht selbstverständlich sein, wie männlich dominierte Medien darüber entscheiden, wer ins Spotlight darf und wer nicht. „Wir bewegen uns in diesen Sphären schon lange“, sagt Ariana Baborie in der aktuellen Folge von Herrengedeck: „Es ist immer wieder das Gleiche: Es werden die Männer nach vorne gestellt. Es werden die Männer gepusht. Es werden die Männer supportet. Es ist wahnsinnig frustrierend.“ So verwundert es nicht, dass dem ARD-Programmchef selbst auf Nachfrage „kein weibliches Pendant […] zu einem Kai Pflaume“ einfällt. Wäre diese Aussage nicht sein Ernst, hätte er dafür eine Nominierung beim Comedypreis verdient. Und das, obwohl er ein Mann ist.

Das Problem fängt also nicht bei der Nominierungsliste des Comedypreises an und es hört auch nicht dort auf. Die Frage ist auch nicht, ob Frauen lustig sind. Denn natürlich sind sie das. Die Diskussion muss viel weiter gehen. Die Branche und auch wir als Publikum müssen uns die ernste Frage stellen, warum wir es Frauen immer noch nicht genauso wie Männern zutrauen, ein breites Publikum zum Lachen zu bringen. Wir müssen uns fragen, warum wir alle lauthals über Pimmelwitze lachen, aber bei einem Gag über Menstruationsblut gleich die deutsche Humorkultur von Feminist*innen bedroht sehen. Und Männern sei ans Herz gelegt, dass weiblicher Humor genauso wenig nur aus Dating-, Schwangerschafts- und Handtaschenwitzen besteht, wie männlicher Humor aus Gags über Zylinderkopfdichtungen, Grillkohle und Hefeweizen.