So schwierig ist ein Coming-out in Südkoreas homophober Musikindustrie

Marshall Bang zählt zu den wenigen Musiker*innen der koreanischen Popmusik, die ihre Homosexualität offen zeigen. Während die Musikbranche mit homoerotischen Momenten spielt, ist Homosexualität in Wirklichkeit kaum geduldet.

Viele meiner Freund*innen in Korea sagten mir, es sei sozialer Suizid.“ – Marshall Bang

Mit Millionen Fans weltweit und dem wiederholten Einzug in die internationalen Charts ist koreanische Popmusik schon lange keine Nische mehr. So ist es auch erst mal nichts Außergewöhnliches, dass junge Menschen mit koreanischem Familienhintergrund eine Karriere in diesem Geschäft anstreben. Einer von ihnen ist Marshall Bang aka Mrshll. Doch er stellt eine Ausnahme dar. Der Sohn koreanischer Eltern ist in den USA geboren und aufgewachsen. Gleich zu Beginn seiner Karriere ließ er die Öffentlichkeit wissen: „Ich bin schwul.“ Im K-Pop ist diese Offenheit selten.

„Viele meiner Freund*innen in Korea sagten mir, es sei sozialer Selbstmord“, erzählt der 32-Jährige in einem Interview der Billboard. Es sei nicht einfach gewesen, ein Label zu finden, das ihn in seiner Ehrlichkeit unterstützen wollte. In einem weitestgehend homogenen und konservativen Land wie Südkorea, in dem Homosexualität zwar nicht illegal, aber sexuelle Orientierung nicht durch Antidiskriminierungsgesetze geschützt wird, ist dies keineswegs verwunderlich. Im südkoreanischen Militär ist sogar eine klare Kriminalisierung zu beobachten: Erst im vergangenen Jahr wurde ein schwuler Soldat wegen einvernehmlichem Sex mit einem anderen Soldaten zu sechs Monaten Haft verurteilt. Amnesty International kritisierte dies zu Recht als Hexenjagd.

Umso bedeutender ist es, wenn junge Menschen trotz gesellschaftlicher Stigmen und Tabus ihre sexuelle Identität offenlegen. Im vergangenen Jahr haben sich neben Mrshll noch zwei weitere junge Pop-Idole geoutet. So auch Hansol aus der Band ToppDoggs. In einem Instagram-Live-Video vom August vergangenen Jahres verkündet er, dass er asexuell sei. So unaufgeregt das Video auch erscheinen mag, es ist tatsächlich eine große Sache. Denn neben öffentlichen Solidaritätsbekundungen für die LGBTQ-Community, ist nicht zuletzt auch ein öffentliches Outing für die Mehrheit berühmter Namen aus dem K-Pop-Universum schlicht undenkbar.

Doch auch Sänger Holland hat sich von der Angst nicht lähmen lassen. Seine Debüt-Single Neverland ist jungen Menschen gewidmet, die, wie er, aufgrund ihrer sexuellen Identität Mobbing und Ausgrenzung erleben müssen. Er möchte ihnen Trost spenden, erklärt er im Interview mit SBS PopAsia.

Homoerotik ist okay, aber Homosexualität nicht

Die K-Pop-Industrie hat ein grundlegendes Problem mit Homosexualität und doch spielt sie offen mit einer gewissen homosexuellen Romantik. Zärtlichkeiten zwischen gleichgeschlechtlichen Bandmitgliedern auf der Bühne sind beispielsweise in Ordnung. Doch das heißt nicht, dass Homosexualität akzeptiert ist. Diese vermeintliche Widersprüchlichkeit ist Teil der Vermarktungsstrategie. Die mehrheitlich weiblichen Fans warten regelrecht mit Sehnsucht darauf, dass sich ihre Idole berühren oder küssen. Dieses Verhalten wird auf einigen englischsprachigen Fanseiten sehr reflektiert diskutiert. Autorin Dana von der Plattform Soulbeats schreibt dazu in ihrem Artikel, dass es schlicht beleidigend ist für alle homosexuellen Menschen, ihre Sexualität auf eine oberflächliche Show reduziert vorzufinden, wenn doch ihre eigenen Lebensrealitäten im Geheimen gelebt werden müssen. Die einzelnen Pop-Idole sind selbst Marketingprodukte, die häufig als Teenager*innen rekrutiert und nach harter Ausbildung und einem Bewertungssystem in die jeweiligen Bands hineingewählt werden. Sie haben sich an strenge Regeln zu halten, eine Rolle zu spielen. Offiziell sind sie hetero und cis. Homoerotik als Showeinlage jedoch ist in Ordnung, solange Geld damit verdient wird und Fan-Herzen höher schlagen. Homosexuelle Liebe, die offen ausgelebt wird, nicht.

Jonghyun und Taemin von SHINee während ihrer World II Tour 2012  © Giphy

Es gehört fast schon zur K-Popkultur dazu, darüber zu munkeln, wer von den Idolen tatsächlich schwul oder lesbisch und mit wem aus dem Business in einer romantischen Beziehung sein könnte. Homosexualität ist bisher nur im Rahmen des Geheimen und der Interpretation möglich und meist auch nur dort willkommen. Pop-Idole wie Mrshll oder Holland durchbrechen diesen Rahmen, niemand muss rätseln oder interpretieren. Sie sind homosexuell und stehen dazu.

Trotz Bewunderung für den Mut des Künstlers, kann Arthur Tam in seinem Porträt über Mrshll für Forbes, seine Besorgnis nicht zurückhalten. Homophobes Mobbing habe in der Vergangenheit zu vielen Menschen aus der koreanischen Musik- und Filmbranche die Karriere und einigen sogar das Leben gekostet. Hass und der psychische Druck hätten zu Suiziden geführt. Die Gründe für die mehrheitliche Zurückhaltung bezüglich LGBTQ-Themen sind daher erklärbar.

Um wirklich authentisch ich selbst sein zu können, musste ich mich outen.“ – Marshall Bang

Marshall Bang begründet sein öffentliches Outing in einem Interview mit Very Good Light folgendermaßen: „Ich bin koreanisch-amerikanisch und in so vieler Hinsicht anders. Meine homosexuellen Freund*innen in Korea würden sagen, es sei besser, verschlossen zu bleiben und sich den Ärger zu sparen. Und sie möchten ihre Eltern nicht traurig machen. Aber ich bin Amerikaner, in unserer Kultur wird uns beigebracht, individualistisch zu sein. Um wirklich authentisch ich selbst sein zu können, musste ich mich outen.“