Corona und junge Menschen: Es ist okay, Partys zu vermissen

Eine junge Frau erzählt in einem Video, dass sie Partys vermisst. Dafür wird sie im Netz verspottet. Dabei ist ihr Bedürfnis absolut legitim. Ein Kommentar

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Ein Recht darauf, Partys zu vermissen. Foto: Pim Myten / Unsplash | CC0

Am Sonntagabend zeigte das heute journal des ZDF eine Straßenumfrage, in der junge Menschen auf ihr Feierverhalten angesprochen wurden. Ein Ausschnitt daraus ging am nächsten Tag auf Twitter viral. Darin sieht man eine junge Frau, die in eine TV-Kamera sagt, dass sie auf Partys „angewiesen“ sei. Das ihr das „schon echt abgehe“. Sie glaubt, dass trotz der zweiten Corona-Welle viele Gleichaltrige feiern gehen werden, „weil so viele das mittlerweile krass vermissen“.

Twitter-Nutzer*innen warfen der jungen Frau allerhand an den Kopf. „First World Problems“, twitterte beispielsweise @fabio_immerfroh. „Ich habe diesen Satz mal gelesen ‘Jede Gesellschaft hat die Jugend, die sie verdient‘ und ich denke, da ist was Wahres dran“, schreibt die Nutzerin @IngridZenger – und das sind nur zwei freundlichere Beispiele von Tweets, die sich über die Meinung der befragten Frau echauffieren.

Junge Menschen haben ein Recht darauf, Partys zu vermissen.

Schaut man sich den 21 Sekunden langen Ausschnitt aus einem ZDF-Interview nochmal an, muss man sich wirklich wundern, wo diese Aufregung herkommt: Die junge Frau fordert keinen Bruch der Corona-Regeln. Sie fordert kein Recht auf Party und verteidigt keine Gleichaltrigen, die trotz steigender Fallzahlen auf illegale Raves wandern. Im Gegenteil: Sie erzählt davon, wie schwer es ihr fällt, dass sie seit März nicht mehr feiern war, dass sie früher dreimal die Woche ausgegangen ist. Sie vermisst Partys, gerade weil sie darauf verzichtet. Worüber wird sich also aufgeregt?

Junge Menschen haben ein Recht darauf, Partys zu vermissen – weil es ein legitimes Bedürfnis ist, Partys zu feiern. Was Menschen brauchen, um dem Alltag zwischen Arbeit oder Uni zu entfliehen oder um Krisensituationen wie eine Pandemie besser bewältigen zu können, ist individuell. Den einen tut gut, einer Predigt zu lauschen, andere gehen joggen und für wieder andere ist es Techno, der ihnen inmitten von anderen Menschen durch die Gliedmaßen wummert.

Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist der Misch aus Tanzen, lauter Musik und schwitzigem Körperkontakt zu Freund*innen und Fremden wichtiger Teil des Soziallebens. Nicht zu vergessen ist dabei, wie wichtig das Nachtleben insbesondere für viele junge queere Menschen ist – die in den Bars und Clubs ihrer Städte nach Menschen suchen, die sie so akzeptieren, wie sie sind.

Das Problem ist: Die Alltagsbewältigung für junge Menschen in Form von Partys geht – zumindest indoor – aufgrund der Infektionsgefahr nun mal nicht. Die ältere Generation hat in diesem Fall einfach Glück gehabt: Während Clubs seit Monaten geschlossen sind und es voraussichtlich auch bleiben werden, sind viele Möglichkeiten für Freizeit und Ausgleich, die tendenziell anderen Altersgruppen wichtiger sind, schon lange unter Auflagen wieder möglich: man kann in Restaurants essen gehen, ins Theater, ins Kino, in Museen, in die Kirche.

Natürlich ist Party ein Privileg – das ist aber auch die Möglichkeit, im Kirchenchor zu singen oder der Restaurantbesuch.

Wieso sollten junge Menschen den Fakt, dass ihre Freizeitgestaltung aufgrund der Corona-Regelungen am stärksten eingeschränkt wird, nicht mal ansprechen dürfen? Wo ist der empörte Aufschrei, wenn ältere Menschen miteinander im Kirchenchor singen? Und das, obwohl mehrere Fälle bekannt sind, in denen sich massenhaft Gottesdienstbesucher*innen mit Corona infiziert haben?

Es geht nicht darum, die Corona-Regeln abzuschaffen

Es geht nicht darum, dass alle wieder ohne Rücksicht auf steigende Infektionszahlen feiern können sollen. Das wollen wahrscheinlich auch viele Jugendliche gar nicht. Erst kürzlich zeigte eine Studie, dass gerade junge Menschen fürchten, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Im DeutschlandTrend gab fast jede*r Zweite der Befragten unter 40 Jahren an, deshalb besorgt zu sein. Bei den Befragten über 65 Jahren fürchteten lediglich 29 Prozent, sich zu infizieren.

Es geht noch nicht mal darum, Mitleid zu haben, mit den Jungen, die das Feiern vermissen. Natürlich ist Party ein Privileg – das ist aber auch die Möglichkeit, im Kirchenchor zu singen, eine Theatervorstellung anzuschauen oder der Restaurantbesuch. Wer traut sich ernsthaft zu festzulegen, welche Freizeitbetätigung nun am privilegiertesten und welche weniger privilegiert ist?

Sprecht darüber, was ihr gerade schmerzlich vermisst.

Es geht vielmehr darum, eine Dualität anzuerkennen, die sich unfair anfühlen kann und gleichzeitig nur schwer aufzulösen ist. Ja, corona-sichere Partys, die sich auch wirklich nach Party anfühlen, sind momentan nicht möglich – auch wenn der Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe aktuell an Konzepten für eine Wiederöffnung arbeitet. Ja, es ist leichter, Auflagen wie Abstand halten und Mund-Nasen-Schutz in einem mehrere Meter hohen Theatersaal umzusetzen als in einem fensterlosen Kellerclub. Hart ist der Verzicht für viele trotzdem. Und das darf man auch sagen. Man darf Partys vermissen.

Es ist okay, Bedürfnisse zu äußern

Gerade jetzt in der Pandemie, die der Psyche vieler Menschen zusetzt, ist es umso wichtiger, über Belastungen zu sprechen. Viel zu viele Menschen tun das nicht. Der COSMO Corona-Monitor der Uni Erfurt ergab, dass derzeit 45 Prozent der Befragten ihre persönliche Situation als belastend empfinden. Der höchste Wert entfällt dabei auf die Altersgruppe 18 bis 29 Jahre.

Sprecht darüber, was ihr gerade schmerzlich vermisst. Dabei werden viele verschiedene Dinge zusammenkommen, manches wird sich derzeit nicht ändern lassen, aber nichts wird es verdient haben, lächerlich gemacht zu werden. Um das anzuerkennen und Verständnis für andere zu zeigen, muss man das Bedürfnis seines Gegenübers nicht zwangsläufig teilen. Zu Beginn der Pandemie gab es das perfekte Wort dafür: Solidarität.