Corona-Krise: Wie sag ich’s meinen Eltern

Die gewohnte Welt ist gerade in vielerlei Hinsicht auf den Kopf gestellt. Auch in Bezug auf das Verhältnis zu unseren Eltern.

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„Papa, ich würde mich viel besser fühlen, wenn du nicht mehr rausgehst.“ Foto: Huy Phan / Unsplash | CC0

So viele Gespräche, die ich in den vergangenen Wochen geführt habe, kamen irgendwann auf diese Frage: „Wie haben deine Eltern reagiert?“ Dahinter steckt die immer gleiche Sorge: Nehmen die eigenen Eltern (oder andere ältere Menschen im eigenen Umfeld) die Krise auch ernst genug? Schützen sie sich? Denn viele ältere Leute – ich schere hier mal etwas über einen Kamm – scheinen das Ausmaß der Gefährdung nicht ganz ernst zu nehmen.

„Meine Eltern waren noch im Gottesdienst“, „Meine Mutter wollte sich noch mit ihrem Nachhilfeschüler treffen“, „Mein Vater hat Husten, aber er ist sich sicher, es ist kein Corona“ – solche Sätze habe ich oft gehört. Sie sind nur schwer zu ertragen.

Viele von uns erleben derzeit eine Rollenverkehrung im Verhältnis zu den Eltern. Das Internet ist schon voll mit entsprechenden Memes: Wir sehen uns plötzlich in der Rolle der Besserwisser*innen, der Ängstlichen, der Ratgeber*innen. Vielleicht haben sich unsere Eltern früher auch so gefühlt. Jetzt ist es an uns.

Auf der einen Seite, weil tatsächlich viele ältere Menschen sich zunächst als unantastbar wähnten, ein bisschen unantastbarer, als gut für sie ist. Auf der anderen Seite aber auch, weil in vielen Gesprächen gerade Unausgesprochenes mitschwingt: Wir haben Angst um euch.

Soweit wir bislang wissen, gehören „Ältere und Vorerkrankte“ zur Risikogruppe. Einer Gruppe, der die meisten unserer Eltern angehören. Mit dieser Angst umzugehen, ist schwer genug. Noch schwerer in einer Zeit, die für uns alle vor allem eines ist: elendig ungewiss. Aber es gibt dennoch Möglichkeiten, die Sorgen um unsere Eltern ein Stück weit in den Griff zu kriegen.

Wir haben eine kleine Handreichung aufgesetzt, die euch helfen kann, mit eurer Familie zu sprechen:

Macht Deals mit ihnen

Gerade jetzt ist die Zeit für Ich-Botschaften. Also Sätze, die nicht auf das (vermeintliche) Fehlverhalten anderer abzielen, sondern deutlich machen, wie es einem selber damit geht. Also nicht: „Bleib drinnen und öffne niemandem die Tür, das ist total verantwortungslos.“ Sondern: „Ich würde mich viel besser fühlen, wenn du mit niemandem direkten Kontakt hast.“ Seid ehrlich, wenn es um eure Ängste geht und schlagt euren Eltern Deals vor: „Ich weiß, dass klingt etwas übertrieben, aber kannst du mir bitte versprechen, dass du nicht einkaufen gehst? Ich sorge dafür, dass du alles, was du brauchst, geliefert bekommst.“ Deal? Deal.

Höre dir ihre Ängste an

Mein Vater erzählt mir gerade am Telefon viele Informationen, die ich schon kenne. Aber gut, auch kein Wunder. Ich bin Journalistin und habe ein Smartphone. Er ist pensioniert und checkt einmal täglich „das Internet“. Ich habe mich vor ein paar Tagen ertappt, wie ich drauf und dran war, ihn dabei abzuwürgen: „Weiß ich doch alles längst.“ Aber dann habe ich zum Glück einfach weiter zugehört, denn mir ist aufgefallen: Er hat ja auch gerade Ängste. Und es tut gut, wenn wir uns über unsere Ängste austauschen und wenn das einfach nur bedeutet, sich die neuesten Nachrichten zu erzählen.

Es fällt derzeit schwer, zuzuhören. Vor allem dann, wenn einem die eigene Botschaft („Bleib bloß zu Hause!“) so wichtig ist. Aber versucht es: Zuhören und das Gesagte in eigenen Worten aufnehmen und reflektieren.

Kleine Schritte

Überfrachtet eure Eltern nicht mit Sorgen und Verhaltensvorschriften. Auch wenn eure „Das sollt ihr jetzt machen“-Liste sehr lang ist, versucht euch auf die wichtigsten Dinge zu konzentrieren und ruft nicht gleich mehrere Handlungsanweisungen durchs Telefon, sondern konzentriert euch auf ein bis zwei Punkte. Macht euren Eltern klar, dass ihr sie nicht entmündigen, sondern helfen wollt.

Videotelefonie, das Tutorial

Es gibt Eltern, die sind technologisch mit allen Wassern gewaschen. Und es gibt Eltern, die können gerade mal so SMS schreiben. Jetzt ist die Zeit, die zweite Kategorie technologisch nach vorne zu bringen. Erklärt euren Eltern, wie Videotelefonie funktioniert. Habe mir sagen lassen, dass die Entzückung in den Gesichtern unbezahlbar sein soll.

Blumen gegen die Hilflosigkeit

Viele von uns sind derzeit weit weg von unseren Eltern. Und selbst, wenn wir nicht weit weg sind: Wir können sie nicht so ohne Weiteres besuchen, um zu sehen, wie es ihnen geht. Sie in den Arm nehmen. Aber irgendwas machen – irgendwas! – möchte man doch. Wenn ihr also die Ressourcen dazu habt: Schaut doch mal nach, ob es Blumenläden oder Buchläden in der Nähe des Wohnorts eurer Eltern gibt, die kontaktlos liefern. Viele kleine Geschäfte sind dankbar, wenn sie noch ein bisschen Umsatz machen können und bieten Lieferservices an.

Bei den Fakten bleiben

Es gibt derzeit jede Menge Unsinn da draußen, mehr als sonst. Die Verbreiter*innen von verschwörungstheoretischem Quatsch bekommen an dieser Stelle natürlich keine Namensnennung von uns, aber euch fallen sicher eh sofort einige dieser unseligen Knallchargen ein. Versucht eurer Familie klar zu machen, dass es wichtig ist, sich an die Fakten zu halten. Und nehmt das auch selber ernst. Vertraut nur offiziellen Quellen, oder welchen, die sich auf offizielle Quellen berufen. Robert Koch-Institut, Weltgesundheitsorganisation, anerkannte Universitäten. Tauscht euch nur faktenbasiert aus – auch das hilft, die Angst und die Angst vor der Angst in Schach zu halten.

Zeigt ihnen, wie es euch geht

Eure Eltern machen sich ja sicherlich auch um euch Sorgen. Also seid offen zu ihnen, erzählt ihnen, was ihr so macht. Schickt ihnen ein Foto, beschreibt ihnen, was bei euch in der Umgebung los ist. Das Leben geht ja weiter, wenn auch auf Sparflamme. Aber auch das tut gut zu hören.