Cultural Appropriation (Kulturelle Aneignung)

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Andere Kulturen zu fetischisieren ist nicht cool. Illustration: Elif Kücük / ze.tt

Wenn Menschen aus dominanten Gesellschaftsgruppen beispielsweise Frisuren, Kleidungsstücke, Accessoires oder markante Slangs aus einer marginalisierten Kultur zu ihrem eigenen Nutzen übernehmen, ohne dabei den Wert der jeweiligen Kultur zu respektieren, handelt es sich um Cultural Appropriation, auf Deutsch um Kulturelle Aneignung. Leben und Körper rassifizierter Menschen wird im Zuge Kultureller Aneignung weniger Bedeutung beigemessen als der Unterhaltung oder dem Verkauf von Produkten. Hier findest du alle Informationen zum Thema:

Was sind Beispiele für Cultural Appropriation/Kulturelle Aneignung?

Während dominante Gesellschaftsgruppen in Make-up und Kleidung Kostümierung oder Statussymbol sehen, haben marginalisierte Gruppen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Sprache oder kulturellen Bräuche mit strukturellem Rassismus zu kämpfen.

Blackfacing und Dreadlocks

Wenn sich weiße Menschen ihre Hautfarbe zu Unterhaltungszwecken – etwa zum Karneval oder für ein Theaterstück – dunkler färben, betreiben sie Blackfacing. Ähnlich problematisch ist das Tragen von Dreadlocks. Dabei ignorieren dominante Gesellschaftsgruppen, dass Schwarze Menschen ihre Hautfarbe oder Haarstruktur nicht nach Belieben auf- und absetzen können und vielerorts mit rassistischen Anfeindungen und strukturellem Rassismus konfrontiert sind. Durch Blackfacing und Dreadlocks wird dieser Umstand verharmlost.

Kulturelle Symbole als modische Accessoires

Das Coachella-Festival ist einer der größten regelmäßigen Schauplätze für Kulturelle Aneignung. Jedes Jahr nehmen an dem Musikevent in Kalifornien bis zu 150.000 Besucher*innen teil. Für ihre möglichst auffälligen Outfits bedienen sich zahlreiche Besucher*innen optischer Elemente unterschiedlicher Kulturen – beispielsweise verzieren Festivalteilnehmer*innen ihre Kleidung mit Federschmuck indigener Völker Nordamerikas, malen sich Bindis auf die Stirn, die in Südasien Weisheit und Spiritualität repräsentieren, oder kleiden sich in Dashikis aus Westafrika. Um ihre Follower*innen auf Instagram zu unterhalten, nutzen Influencer*innen die Symbole als ästhetisches Accessoire und missachten auf diese Weise ihren kulturellen Wert.

Auch große Modeunternehmen praktizieren Kulturelle Aneignung, wenn sie Trachten als Luxusgut verkaufen. So stand Gucci bereits mehrfach in der Kritik. Im Frühjahr 2018 war Gucci Ziel eines Shitstorms, als die Marke weiße Models mit Turbanen ausstattete. Die islamische Kopfbedeckung wurde als legeres Accessoire interpretiert. Ein Jahr später tauchte im Onlineshop eine Mütze mit Blumendruck auf. Die Kopfbedeckung wurde mit den Worten „Babushka-Style“ beworben. Irina Fjodora vom Verband Kyrgyzstan Babushka Association warf Gucci daraufhin Kulturelle Aneignung vor. Sie schrieb: „Diese und zahlreiche andere Produkte in ihrem Bestand, die sich auf den Babushka-Style beziehen, verspotten unsere Identität und einzigartige Kultur.“

Ausstellungsstücke in Museen

Auch die Ausstellung von Exponaten im Museum wird häufig als Kulturelle Aneignung interpretiert, wenn es sich etwa um während der Kolonialzeit erbeutete Gegenstände handelt oder koloniale Verhältnisse in der Ausstellung reproduziert werden. So wird das Karl-May-Museum in Radebeul seit 2014 darum gebeten, einen Skalp aus dem Museumsinventar dem Sault Ste. Marie Tribe of Chippewa Indians (Michigan, USA) zurückzugeben. Durch eine Schenkung war das Objekt mehrere Jahre zuvor in den Besitz des Museums gelangt. Die Nachfolgegeneration des Tribes versteht darin eine Enteignung, da die Kulturgüter ihrem spirituellen Kontext entzogen wurden. Die Museumsdirektion erkennt in den Skalps jedoch weder eine Beleidigung noch Respektlosigkeit.

Wann hört Cultural Appreciation auf, wann fängt Cultural Appropriation/Kulturelle Aneignung an?

Die Unterscheidung zwischen aufrichtigem Interesse an einer Kultur und Kultureller Aneignung lässt sich nicht immer eindeutig treffen. Ein paar Beispiele:

  1. Sängerin Beyoncé Knowles wurde im Dezember 2018 dafür kritisiert, dass sie sich indische Kultur angeeignet hatte. Beyoncé war zuvor mit einer indischen Tracht auf einer Bühne aufgetaucht. Ihr Konzert fand allerdings auf einer indischen Hochzeit statt.
  2. In New York existiert seit knapp 160 Jahren eine Miniaturversion Italiens: Little Italy lockt zahlreiche Tourist*innen an, die sizilianische Süßwaren und Souvenirs shoppen wollen. 1860 gab die Metropole finanziell schwachen Einwander*innen aus Italien eine neue Existenz.
  3. Elvis Presley ging als King Of Rock in die Geschichtsbücher ein, obwohl seine Musik stets von Schwarzem Blues und Gospel inspiriert war.

Im Unterschied zum kulturellen Austausch bezieht sich der Begriff der Aneignung auf eine privilegierte, meist weiße Schicht, die sich Artefakte marginalisierter Kulturen zunutze macht – in der Regel aus wirtschaftlichen Intentionen, zur Unterhaltung oder schlicht aus modischen Anreizen. Um sich in diesen Grenzfällen richtig zu verhalten, bedarf es einer laufenden Selbstüberprüfung und der Kommunikation mit den betroffenen marginalisierten Kulturen.

Wie geht man am besten mit Cultural Appropriation um?

Die meisten Fälle kultureller Aneignung landen nicht vor Gericht. Um Cultural Appropriation dennoch zu vermeiden, ist es umso wichtiger, sich mit anderen Kulturen konstruktiv auseinanderzusetzen.

Respekt

Jede*r sollte sich mit aufrichtigem Interesse mit anderen Kulturen auseinandersetzen. Zu einem respektvollen Umgang gehört dabei auch, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wann bestimmte Symbole in ihrer jeweiligen Kultur als heilig gelten und eben nicht an den Mainstream herausgetragen werden sollen.

Dialog

Es ist wichtig, den Dialog zu suchen. Beispielsweise mit Rastafaris darüber zu sprechen, was sie von Kultureller Aneignung halten, eröffnet einen aufrichtigeren Diskurs, als sich uninformiert Dreadlocks stehen zu lassen. Oft bereichert es schon, persönlichen Geschichten zuzuhören und zwischenmenschliche Beziehungen zu Menschen anderer Kulturen aufzubauen.

Diversität

Ein großer Teil der Modebranche eignet sich zwar kulturelle Symbole an, vergisst dabei aber, die Menschen auf den Laufstegen oder in Katalogen zu inkludieren, die hinter dieser Kultur stecken. Der Diversity-Gap ist in zahlreichen Berufssparten so groß, dass marginalisierte Kulturen kaum persönlich zum Ausdruck kommen.

Beiträge auf ze.tt, in denen wir über Cultural Appropriation berichtet haben: