„Da wusste ich: Das bin ich“ – Als Janosch entschied, kein Mädchen mehr zu sein

Janosch* wird im Körper eines Mädchens geboren. Er fühlt sich fremd darin, kann das Gefühl aber nicht einordnen. Bis er herausfindet, dass er nicht der Einzige ist.

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Symbolfoto: Janosch ist im Körper eines Mädchens geboren, fühlt sich aber schon immer als Junge. Foto: Kipras Štreimikis / Unsplash | CC0

Unzählige Male steht Janosch vor dem Spiegel in seinem Kinderzimmer und schaut sich an. Er betrachtet sein Gesicht und versucht, männliche Merkmale darin zu finden. Immer wieder setzt er sich eine Mütze auf und versucht, seine Haare darunter zu verstecken. Er war als Mädchen geboren, trug den Namen eines Mädchens. Doch in seinem Zimmer, vor seinem Spiegel, in seinem Herzen fühlt er sich als Junge.

Schon in der Kindheit war es so. Er spielte lieber mit Jungs, trug am liebsten Jungsklamotten. Seine Eltern ließen ihn machen – bis Janosch aufs Gymnasium kam. „Plötzlich hat meine Mutter gesagt, ich solle mich vielleicht weiblicher kleiden. Weil sie nicht wollte, dass ich geärgert werde“, sagt er. Janosch folgt ihrem Rat. Er lässt sich die Haare wachsen und geht in der Mädchenabteilung einkaufen. „So wirklich weiblich waren die Sachen jetzt auch nicht“, sagt er. Doch er macht es, „um den Erwartungen zu entsprechen. Und um in die Rolle zu schlüpfen, die mir die Gesellschaft so aufdrängt.“ Und weil er nicht auffallen will. 

Der Moment, der alles veränderte

So spielt er eine Rolle, die ihm immer fremd bleibt und obwohl er sich nicht einmal schminkt, hat er das Gefühl, sich jeden Tag eine Maske aufzusetzen. Damals kann Janosch seine Gefühle noch nicht einordnen. In dieser Zeit erfassen ihn auch immer wieder Angst- und Panikattacken. Weder mit seinen Eltern noch mit seinen Freund*innen redet er darüber. Manchmal fragt seine ältere Schwester ihn, ob er lieber ein Junge sein würde. Er weicht aus.

Mit 15 sieht Janosch zufällig eine Reportage über einen Transjungen. Viele Situationen kennt er aus seinem eigenen Leben. Endlich kann er einordnen, was er seit Jahren fühlt.

Da wusste ich: Das bin ich.

Janosch

Es ist der Moment, der ihn ändert. Nach der Doku geht er zu seinen Freund*innen und eröffnet ihnen, was er seiner Schwester nie sagen konnte: „Ich glaube, ich möchte ein Junge sein.“ Dann geht alles schnell: Von einen Tag auf den anderen schneidet er sich die Haare ab und hört auf, Mädchenklamotten zu tragen. Schon am ersten Tag in der Schule weiß er, dass es keine leichte Zeit für ihn werden wird: „Als ich ins Klassenzimmer kam, haben viele gelacht und blöde Sprüche gemacht, mich Lesbe genannt“, sagt Janosch. „Aber ich war endlich ich selbst.“ 

Seine Eltern sehen zwar die Veränderung, sprechen ihn aber nicht offen an. Erst ein paar Wochen später erklärt er ihnen, was in ihm vorgeht. „Ich hab eine Weile gebraucht, das zu verstehen und zu akzeptieren“, sagt er. Seine Eltern unterstützen ihn und sagen, dass sie immer gewusst haben, dass er ein Junge sei.

Außen angleichen, was innen schon richtig ist

Janosch beginnt sich mehr mit dem Thema Transsexualität zu beschäftigen, besucht Foren und schaute weitere Dokus, darunter eine über Balian Buschbaum. Auch Buschbaum wurde im Körper eines Mädchens geboren, verhielt sich in der Kindheit aber ganz selbstverständlich wie ein Junge. Wie bei Janosch begannen die Probleme erst in der Pubertät. Buschbaum begann mit Sport und wurde als Yvonne mehrmals deutsche Meisterin im Stabhochsprung. Mit 27 Jahren ließ sich Buschmann in einer Spezialklinik in Potsdam das Geschlecht angleichen.

„Und da war für mich klar, dass ich auch nach Potsdam gehen möchte“, sagt Janosch. Geschlechtsangleichungen gibt es auch in anderen Kliniken, aber diese Privatklinik ist die einzige in Deutschland, die eine All-in-One-Operation anbietet: Janosch müsste sich nur einer statt der sonst üblichen fünf Operationen unterziehen. Dabei werden seine Brust, die Eierstöcke und die Gebärmutter entfernt und aus Gewerbe des Unterarms ein Penis geformt. Der Eingriff kostet 72.000 Euro. 

Weil sich Janosch aufgrund seiner Angststörung vor Arztbesuchen fürchtet, setzt er alle Hoffnung auf den Eingriff in Potsdam. Er und seine Eltern lassen sich dort beraten, sie fragen einen Termin an und bekommen einen für Ende des Jahres.

Janosch beginnt Hormone zu nehmen, auch in Vorbereitung auf die OP. Sein Gesicht wird markanter, seine Stimme tiefer. Er nimmt zu und bekommt eine etwas breitere Statur. „Seitdem kriege ich weniger komische Blicke und werde nicht mehr so oft gefragt, was ich bin“, sagt er. Aber die Sorgen bleiben: dass jemand mitbekommen könnte, dass er seine Brust abbindet; dass er nicht männlich genug wirkt. Er will endlich, dass sein Körper seinem Geschlecht entspricht.

Das Warten auf die OP

Ende Juli stellte Janosch den Antrag auf Kostenübernahme, doch die Kasse lehnte ab. Nicht weil die Operation zu teuer wäre, sondern weil mit der Privtaklinik kein Vertrag besteht.

Seither verharrt Janosch in einem Wartezustand. Den OP-Termin hat er noch, nur das Geld fehlt. Sein Umfeld unterstützt ihn, ein Freund hat eine Petition gestartet. Mit Unterschriften wollen sie zeigen, wie viele Menschen Janosch unterstützen. Sie wollen, dass die Krankenkasse die Kosten übernimmt und damit anerkennt, dass er trotz seiner Angststörung eine Chance auf das Geschlecht hat, das er sich wünscht.

Janosch setzt alle Hoffnung darauf, dass es irgendwie zur Operation kommt. Er hofft, mit dem Thema bald nicht mehr konfrontiert zu werden, sondern einfach sein Leben leben zu können. Bis jetzt haben 8.643 Menschen die Petition unterschrieben.

*Name von der Redaktion geändert.


Beratung findet ihr unter anderem beim Trans-Kinder-Netz e. V. und beim Trans-Ident e. V..

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