Dänische Mini-Serie: Schöner Sex

In der dänischen Serie Sex will Catherines Freund nicht mehr mit ihr schlafen. Doch sie hat Lust – und beginnt eine Affäre mit ihrer Kollegin Selma. Eine Kritik

Sex - Tote Hose
Catherine liebt ihren Freund Simon, doch der will nicht mehr mit ihr schlafen. Foto: © ARD Degeto/Reinvent Studios Int.

In vielen Beziehungen kommt irgendwann der Punkt, an dem der Sex weniger wird oder auch ganz ausbleibt. Aber muss das schon mit Anfang zwanzig sein? Diese Frage stellt sich Catherine (Asta Kamma August) spätestens, nachdem ihr Freund Simon (Jonathan Bergholdt Jørgensen) auch auf wiederholte Annäherungsversuche von ihr ausweichend reagiert. Dabei führen die beiden doch eine so harmonische Beziehung, findet Catherine: Sie leben zusammen, haben ihre Insider, albern herum, spielen Spiele und essen Pizza im Bett. Warum will Simon plötzlich nur noch kuscheln, statt mit Catherine zu schlafen?

Ihn darauf anzusprechen, schafft Catherine zunächst nicht. Denn obwohl sie bei einer telefonischen Beratungsstelle arbeitet, bei der sie jungen Menschen Ratschläge rund um das Thema Sex gibt, fällt es ihr selbst schwer, die eigenen Wünsche und Ängste zu formulieren und mit Simon darüber zu reden.

Sextalk statt Sexszenen

„Wir leben in einer sehr sexualisierten Gesellschaft, haben aber gleichzeitig eine recht eindimensionale Sicht auf Sex und seine Darstellung“, sagt die Drehbuchautorin Clara Mendes im Interview für den LGBTIQ-Filmpreis der Berlinale Teddy Award. Dort zeigten Mendes und ihr Team dieses Jahr die Mini-Serie Sex. Tatsächlicher Sex wird in den rund zwölfminütigen sechs Folgen jedoch kaum gezeigt. Stattdessen wird vor allem darüber gesprochen. Denn in Beziehungen gehe es um so viel mehr als den tatsächlichen Geschlechtsakt, sagt Clara Mendes. Ein wichtiger Teil sei die Kommunikation miteinander: das Teilen von Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten. Deshalb hätten sie und ihre Kolleg*innen größtenteils auf Sexszenen verzichtet.

Stattdessen werden unsichere Teenager am Telefon der Beratungshotline gezeigt, die wissen wollen, wann sie die Pille wieder nehmen können, wenn sie deren Einnahme vergessen haben, oder wie sie ihre*n Partner*in befriedigen können. Und wir hören Catherines Kollegin Selma (Nina Terese Rask) dabei zu, wie sie einem jungen Mann Anregungen für das erste Mal mit seiner Freundin gibt: „Am allerwichtigsten ist, dass du behutsam und zärtlich bist“, beginnt sie. „Die Klitoris ist sehr empfindlich – fang am besten an, die Innenseite ihrer Oberschenkel zu streicheln und berühr dann ihr Höschen. Wenn du sie lecken willst, fang am besten mit langen Zungenschlägen an – erst um die Schamlippen und dann um ihre Klitoris„, setzt sie fort.

Fasziniert hört Catherine Selma bei deren Ausführungen zu. Ihr gefällt, was ihre Kollegin dem jungen Mann am Telefon beschreibt. Selma scheint Catherine so viel offener und entspannter zu sein als Simon. Nach dem gemeinsamen Feierabend kommen sich die beiden jungen Frauen näher. Aus der anfänglichen Neugier entwickelt sich schnell echtes Begehren, sodass Catherine schon in Folge zwei zwischen den Stühlen steht. Liebt sie Simon oder steht sie nun doch auf Frauen?

Serienpremiere im Rahmen einer Aufklärungswoche

Sex lief Anfang des Jahres im dänischen Fernsehen, wo traditionell die sechste Kalenderwoche dem Thema Aufklärung gewidmet ist. Initiator dieses Projekts ist die NGO The Danish Family Planning Association, die mit ihrer Uge Sex (deutsch: Sexwoche) zu einer besseren Gesundheits- und Sexualerziehung bei Kindern und Jugendlichen beitragen will.

Drehbuchschreiberin Clara Mendes und Regisseurin Amalie Næsby Fick hätten sich als Jugendliche selbst solche Formate gewünscht, die nicht nur offen Sex thematisieren, sondern auch queere Erfahrungen. Zwar ist ihre Serie keine klassische Coming-out-Geschichte, dennoch zeigt sie ungezwungen das gegenseitige Begehren zwischen zwei Frauen.

„Der Konflikt, der die Serie trägt, sollte dennoch weniger Catherines fluide sexuelle Orientierung sein, als vielmehr die Probleme aufzeigen, die einen beschäftigen, wenn man sich innerhalb einer monogamen Beziehung nicht mehr begehrt fühlt und sich wie in diesem Fall in jemand anderen verliebt“, sagt Clara Mendes. Während Selma klar aussprechen kann, was sie für Catherine fühlt, und Simon seine Freundin zu einer Paartherapie überredet, fällt es Catherine immer schwerer, die Wahrheit zu sagen. Während sie auf der Arbeit gut darin ist, andere zu beraten, weicht sie privat Konflikten aus.

Dass die Probleme dadurch größer werden, zeigt sich in einer Situation zwischen Catherine und Simon auf einer Party. Simon versucht, die Tipps des Therapeuten umzusetzen, erst mal nur über sexuelle Fantasien zu sprechen, statt sie gleich ausleben zu wollen. Doch Catherine sieht das verbale Vorspiel sofort als Einladung und möchte am liebsten gleich mit ihm auf die Toilette verschwinden. Simon fühlt sich überrumpelt und lässt Catherine stehen.

Männer sind nicht dauergeil

Mit Simon haben die Macherinnen einen männlichen Charakter entgegen vieler männlicher Stereotype entworfen. Er ist ruhig, zurückhaltend, musisch begabt, – spielt Kontrabass –, ist liebevoll und nicht so sehr an Sex interessiert wie seine Partnerin. Im Feedback zur Serie wurden die Macherinnen häufiger gefragt, ob Simon nicht mehr mit Catherine schlafen wolle, weil er schwul sei. Eine Rezeption, die verdeutlicht, wie festgefahren unsere Vorstellungen von Männern und ihrem Lustverhalten sind. Das Bild des dauergeilen Mannes ist ein klischeebehaftetes und durch mediale Repräsentation hochstilisiertes Bild, das Betroffene unter Druck setzt. Die Macherinnen von Sex drehen die gängigen Klischees um und schaffen damit einen Perspektivwechsel. So ist Simon derjenige, der weniger Sex, dafür mehr Gespräche und Kuscheln braucht, während Catherine als emotional verschlossen und sexuell neugierig gezeigt wird.

Obwohl sich die Aufklärungswoche, in deren Rahmen Sex erstmals lief, vor allem am Kinder und Jugendliche richtet, ist die Serie auch für Erwachsene bereichernd. Denn die offene Kommunikation in Sex regt nicht nur die Fantasie an, sondern bringt Zusehende unweigerlich dazu, selbst ihre sexuellen Wünsche und Handlungen zu hinterfragen. Und vielleicht ja auch, sie auszusprechen.


Alle sechs Folgen von „Sex“ könnt ihr in der ARD-Mediathek streamen.