50 Jahre Stonewall: Darum feiern wir jedes Jahr den Christopher Street Day

Vor fünfzig Jahren begann vor der queeren Kneipe Stonewall Inn in New York die moderne LGBTQ-Bürgerrechtsbewegung. Der Auslöser war: die Polizei.

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Links: Sylvia Rivera, rechts: Marsha P. Johnson. Illustration: Elif Küçük / ze.tt

In New York findet zurzeit die World Pride statt. Unter dem Motto „One World, One Pride, One New York City – Unite in 2019“ richtet die queere Szene zahlreiche Events in der gesamten Metropole aus. Zum großen Highlight, dem Pride March am kommenden Wochenende, werden bis zu fünf Millionen Besucher*innen erwartet. Dass die World Pride zum ersten Mal in den USA stattfindet, ist auf ein Jubiläum zurückzuführen: Vor fünfzig Jahren fand der Stonewall-Aufstand statt, der den Beginn der modernen LGBTQ-Bürgerrechtsbewegung markiert.

Vor fünfzig Jahren drohten Menschen, denen sexuelle Beziehungen mit Personen desselben ihnen zugeschriebenen Geschlechts nachgewiesen wurden, noch Haftstrafen. Ein Gesetz verlangte, dass Menschen mindestens drei Kleidungsstücke tragen mussten, die dem ihnen zugeschriebenen Geschlecht entsprachen. Bis 1966 war es verboten, queeren Menschen Alkohol auszuschenken. Bars, die sich als queere Orte verstanden, wurden häufig von der Mafia betrieben und schmierten regelmäßig Polizeibeamte, um sich vor Razzien zu schützen. Eine dieser Bars war das Stonewall Inn in der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village.

Die Bar hatte kein fließend Wasser hinter der Theke und die Toiletten liefen regelmäßig über, schreibt der Historiker Martin Duberman in seinem Buch Stonewall. Aber das Stonewall Inn war der einzige Ort New Yorks, an dem queere Menschen miteinander tanzen konnten. Laut Duberman wurde die Bar überwiegend von homosexuellen Männern besucht. Nur wenige Dragqueens wurden eingelassen. Die Bar sei gleichermaßen von Weißen, Schwarzen, PoC und Latinxs besucht worden. Auch obdachlose Jugendliche, die im nahe gelegenen Christopher Park schliefen, kamen häufig vorbei.

So liefen die Stonewall-Proteste ab

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni kam es zu einer Polizeirazzia in dem größten queeren Club der Stadt. Razzien waren üblich – in der Regel verhielten sich anwesende Gäste dabei ruhig, aus Angst, von der Polizei mitgenommen zu werden. Die Namen der Inhaftierten gab die Polizei teilweise an die Presse weiter. So ein unfreiwilliges Outing konnte dramatische Konsequenzen haben: Der Verlust von Freund*innen, Familie oder des Arbeitsplatzes drohten.

Doch in dieser Nacht blieben die Gäste nicht ruhig. „Auf einmal hast du es gefühlt. Alle sahen sich an. Warum müssen wir das ständig hinnehmen?“, erinnert sich die trans* Aktivistin Sylvia Rivera in einem Interview. Rivera war zuvor bereits mehrere Male verhaftet worden: „Du musstest nur wie eine Schwuchtel aussehen und die 42. Straße entlang laufen und schon bist du im Knast gelandet.“ Doch in dieser Juninacht duckte sich die Community nicht weg. Sie sah nicht schweigend zu, wie Mitglieder abgeführt wurden. Sie leistete Widerstand. „Und dann begannen die Nickel, Dimes, Pennies und Quarters zu fliegen.“ Die Bargäste warfen mit Kleingeld, um die Bestechlichkeit der Polizist*innen zu kritisieren.

Doch beim Kleingeld blieb es nicht. Bald flogen Bierflaschen, Dosen, Müll und Steine. Die Gäste skandierten den Slogan „Gay Power“ und beschimpften die Beamt*innen. Diese schlugen teilweise mit Schlagstöcken auf die Menschen ein. Die Menge der Protestierenden schwoll auf etwa 200 Personen an, aus umliegenden Bars kamen ständig neue hinzu. Bald rückten mehr Polizeieinheiten an, um ihre Kolleg*innen zu unterstützen. Er herrschte Chaos auf der Christopher Street. 13 Menschen wurden in dieser Nacht verhaftet, vier Polizisten wurden verletzt, eine offizielle Zahl der verletzten Protestierenden gibt es nicht. Erst gegen 4 Uhr morgens beruhigte sich die Situation und die Christopher Street leerte sich. Die Unruhen loderten in den folgenden Nächten aber wieder auf.

Dies war der Beginn eines öffentlichen Aufbegehrens der queeren Community. Den Protesten schlossen sich zahlreiche Unterstützer*innen an, um gegen unterdrückende Autoritäten zu protestieren, insbesondere die Polizei. Für das Buch des Historikers David Carter, der sich mit der LGBTQ-Geschichte beschäftigt, erinnerte sich ein Zeitzeuge: „Wir kamen von Orten, wo du an Türen klopfen und dann mit jemanden durch einen Spion reden musstest, um eingelassen zu werden. Auf einmal waren wir draußen. Wir waren in den Straßen.“

Ein Jahr später fand der erste Marsch statt, der den Stonewall-Protesten gedenken sollte – der Christopher Street Day (CSD) war geboren. Der Marsch wurde nach der Straße benannt, in der das Stonewall Inn bis heute steht. Der erste CSD in Europa fand 1978 in Zürich statt. Die ersten Märsche in Deutschland gab es 1979 in Bremen, Köln und Westberlin.

Whitewashing der Geschichte

Das Vermächtnis des Stonewall-Aufstands ist bis heute umstritten. Insbesondere zwei Kritikpunkte tauchen immer wieder in der Diskussion auf: Das whitewashing der Geschehnisse und die Kommerzialisierung des Protests im 21. Jahrhundert.

2015 erschien Roland Emmerichs Film Stonewall, der sich mit den Geschehnissen beschäftigt. Der Hauptdarsteller ist blond, blauäugig und weiß. Schwarze, PoC und Latinxs treten nur als Nebendarsteller*innen in Erscheinung. Kritiker*innen werfen Emmerich vor, damit whitewashing zu betreiben. Er unterschlage die Bedeutung von nicht-weißen und nicht-binären Menschen bei den Protesten und schreibe auf diese Weise die Geschichte um. Emmerich wehrte sich gegen diesen Vorwurf: Stonewall sei ein weißes Event gewesen, das wolle nur niemand mehr hören, so der Regisseur.

Historiker*innen, Zeitzeug*innen sowie Fotografien und Berichte aus der Zeit zeigen allerdings, dass Schwarze, PoC und Latinxs genauso wie weiße queere und trans* Personen an dem Aufstand beteiligt waren. Der Historiker Duberman betont in seinem Buch immer wieder die Präsenz von Sylvia Rivera und der schwarzen Dragqueen Marsha P. Johnson bei den Protesten.

Stonewall ermöglichte die Black-Lives-Matter-Bewegung

„Stonewall ist ein perfektes Beispiel für eine intersektionale Bewegung“, sagt der Wissenschaftler und Aktivist Frank Leon Roberts in einem Interview mit Vice. Er geht davon aus, dass Stonewall in erster Linie ein Aufbegehren gegen die damals übliche Polizeigewalt war. Für ihn schlägt diese Erfahrung von Polizeigewalt eine Brücke zur Erfahrung von PoC – egal ob queer oder nicht. „Stonewall gehört nicht nur zur LGBTQ-Geschichte. Es gehört auch zur Geschichte der Schwarzen.“ Stonewall habe den Weg für die Black-Lives-Matter-Bewegung geebnet. Damit zeichnet Roberts eine Verbindung ins 21. Jahrhundert: „Wir können nicht über Stonewall reden, ohne nicht gleichzeitig über Ferguson zu reden.“ In Ferguson kam es 2014 zu Zusammenstößen zwischen PoC und Unterstützer*innen und der Polizei, nachdem Michael Brown von einem Polizisten ermordet wurde.

In demselbem Interview benennt Roberts einen weiteren Punkt, der inzwischen häufig diskutiert wird: die zunehmende Kommerzialisierung des Protests. „Bei Stonewall geht es nicht um Regenbogenflaggen und gesponserte Partys von Wodkaherstellern“, sagt der Aktivist Frank Leon Roberts. „Es geht um queere Menschen, die ihre Wut dafür nutzen, sozialen Wandel zu erzwingen.“

Auch in Deutschland steht die Kommerzialisierung der CSD-Events immer wieder in der Kritik. In Berlin wird dieses Jahr – wie in vielen anderen Städten auch – aus Protest ein alternativer, nicht-kommerzieller CSD organisiert. In einem Interview mit der Siegessäule kritisieren die Veranstalter*innen die offizielle CSD-Veranstaltung: „Als buntes Schaulaufen suggeriert er, dass Vereinnahmungen sozialer Kämpfe durch Parteien, Bundeswehr, Banken und Immobilienkonzerne eine Antwort auf die Probleme queerer Unterdrückung sind.“ Die Siegessäule spricht in ihrer Juni-Ausgabe mit dem Stonewall-Zeitzeugen Martin Bryce. Er sagt: „Für mich ist Stonewall ein Verb. Eine Aufforderung zur Tat.“