Darum kann getrennt leben gut für die Beziehung sein

Ein Paar – zwei Wohnungen. Living apart together kann der Beziehung guttun. Vorausgesetzt, ihr sprecht dabei ehrlich über die Gründe.

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Getrennter Wohnraum kann eine Entlastung für die Beziehung sein. Foto: Fikayo Aderoju / Pexels | CC0

„Ich bin echt froh, dass ich ihn nur zwei-, dreimal die Woche sehe – wir würden uns wahrscheinlich irgendwann an die Gurgel gehen“, sagt meine Kommilitonin über ihren Freund und grinst dabei verschmitzt. Die zwei praktizieren seit vier Jahren ein Modell, das Soziolog*innen Living apart together nennen – also fest zusammen sein, aber in getrennten Wohnungen leben.

Gar nicht so wenige Menschen entscheiden sich dafür – Untersuchungen zufolge gut zehn Prozent in Europa, den USA, Kanada, Neuseeland und Australien – aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist, so wie bei meiner Kommilitonin und ihrem Partner: Es tut der Beziehung gut. Denn nicht alle Paare, wie verknallt auch immer, vertragen oder wollen permanentes Aufeinanderglucken.

Es hat Vorteile für die Beziehung

Fakt ist: Wir leben länger als vorherige Generationen. Das heißt, wenn wir uns für eine Lebenspartnerschaft entscheiden, dann verbringen wir viele, viele Jahrzehnte miteinander. Und nirgendwo steht geschrieben, dass vierzig, fünfzig, sechzig Jahre des Zusammenwohnens zwangsweise dazugehören. Auch, wenn das für einige natürlich schön ist und es auch die gesellschaftlich akzeptierte Norm darstellt.

Doch ich kenne wahrhaftig genügend Paare, die sich regelmäßig wegen albernster Alltagsprofanitäten erbittert in die Wolle kriegen, weil ihre Bedürfnisse, Persönlichkeiten und Lebenswelten massiv unterschiedlich sind. Und das trotz innigster und aufrichtiger Liebe und Zuneigung. Getrennter Wohnraum kann da eine Entlastung und ein Segen für eine Beziehung sein.

Wenn zum Beispiel jede*r für den eigenen Haushalt verantwortlich und dort Bestimmer*in ist. Wenn es keinen dauernden Zoff um die sachlich richtige Aufhängung der Toilettenpapierrolle gibt. Wenn Nächte nicht durch Diskussionen über ein offenes oder geschlossenes Schlafzimmerfenster unterbrochen werden. Wenn jede*r Frühaufsteher*in oder Nachteule so sein kann, wie er*sie will – kurz: Wenn Gewohn- und Eigenheiten ihren Raum haben. Ein paar Tage oder Nächte pro Woche ist das nämlich deutlich einfacher zu arrangieren, als sich täglich mit dem Gedanken „Argh. Das bleibt jetzt so, für immer“ abzufinden.

Außerdem ein nicht zu unterschätzender Aspekt: Anziehung existiert da, wo es auch ein bisschen Abstand gibt. Wenn beide ein Stück weit ihr eigenes Leben leben und sich dann was zu erzählen haben, füreinander spannend bleiben und nicht im Laufe des Zusammenwohnens zur – zugegebenermaßen wunderbar kuscheligen – Erweiterung der eigenen Couch mutieren.

Wie groß oder klein dieser Abstand jedoch sein soll und darf, das unterscheidet sich von Paar zu Paar und von Person zu Person. Manchen reichen getrennte Schlafzimmer oder eigene Räume; andere wiederum wollen ganz autonom leben. Und das ist selbstredend Verhandlungssache.

Was sind die wahren Gründe?

Allerdings sollten sich Paare in jedem Fall sehr genau über ihre Motivationen im Klaren sein und ehrlich miteinander darüber sprechen. Denn es gibt auch andere Gründe, sich gegen das Zusammenleben zu entscheiden, die wenig bis gar nichts mit Freiwilligkeit, Autonomie und Beziehungspflege zu tun haben. Und da kann es schwierig werden.

Dazu gehört zum Beispiel, wenn ein*e Partner*in in der Beziehung Angst vor Commitment hat und sich einfach nicht festlegen will; im Hinterkopf eine halbbewusste Exit-Strategie und der Gedanke „Na, mal sehen, was noch so kommt“. So wird die Beziehung nämlich logischerweise keine tiefere Ebene erreichen. Für letztere ist Zusammenwohnen zwar nicht zwingend nötig, doch wenn hinter dem Wunsch nach oder dem Bestehen auf getrennten Wohnungen im Grunde Bindungsangst steckt, sollte das Thema erkannt und angegangen werden.

Außerdem ist es enorm wichtig für Paare, zu lernen, in einer Beziehung Kompromisse einzugehen und respektvoll miteinander umzugehen – und nicht Konflikte per se zu vermeiden. Das lässt sich zweifelsohne in einer dauerhaft gemeinsamen Wohnsituation besser trainieren. Klorolle mit den Blättern nach hinten, anyone?

Nicht für alle ist das Typische auch das Richtige

Für viele Paare ist das Zusammenziehen nach wie vor ein wichtiger Schritt in der Entwicklung und Gestaltung ihrer Beziehung – irgendwie logisch, irgendwie schön und aufregend. Und auch günstiger. Denn zwei Wohnungen – das muss man sich heutzutage überhaupt erst einmal leisten können.

Doch den Wunsch nach einer gemeinsamen Wohnung haben eben nicht alle Paare. Manche brauchen mehr Freiraum als andere, gedeihen dann besser – wie Farne und Kakteen. Deshalb müssen beide Partner*innen das unter sich ausmachen und miteinander vereinbaren. Auch, wenn es schwer ist, weil Living apart together gesellschaftlich oft nicht anerkannt ist und vom traditionellen Pfad abweicht. Aber: Nur, weil es vermeintlich alle so machen und schon immer so gemacht haben, muss es nicht automatisch immer das Richtige und Beste sein.

Meine Kommilitonin ist mit ihrer räumlich getrennten Beziehung jedenfalls derzeit sehr glücklich. Oder wie sie sagt: „Ich freue mich auf ihn und genieße die gemeinsame Zeit. Und zwischendrin habe ich schön meine Ruhe. Absolut wundervoll!“