Darum schadet Rache am Arbeitsplatz nur dir selbst

Es besonders nervigen, mobbenden Kolleg*innen mal so richtig heimzahlen – wäre das nicht herrlich? Warum du dem verlockenden Drang zur Rache am Arbeitsplatz nicht nachgeben solltest.

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Rache am Arbeitsplatz? Keine gute Idee. Foto: Natalia Romero / Photocase

Es gibt im Job immer mal wieder Situationen, in denen man Kolleg*innen oder Vorgesetzten zu gern eins auswischen würde. Für den geklauten Joghurt, den nicht genehmigten Urlaub, die patzige Bemerkung, die fiese Kritik, das In-den-Rücken-Fallen. Rache ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

„Nach einer erlebten Ungerechtigkeit, nach gefühlter Demütigung, Kränkung und Wut versucht die Psyche mit diesen Gefühlen umzugehen. Dabei kann Rache als Bewältigungsreaktion verstanden werden, die grundsätzlich jeder in sich trägt“, erklärt die Mediatorin Gaby Schramm.

Kein Wunder: Wo unterschiedliche Menschen den ganzen Tag aufeinander hocken und oft auch noch Druck herrscht, kommt es zwangsläufig zu Reibereien. Doch wer Rache am Arbeitsplatz übt, von kleinen Streichen bis zur ausgefeilten Intrige, schadet damit letztlich nur sich selbst.

Warum Rache am Arbeitsplatz?

Wo Menschen zusammenkommen, gibt es Konflikte. Besonders am Arbeitsplatz kann man sich Vorgesetzte und Kolleg*innen nicht aussuchen, und muss mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen man privat nicht mal einen Satz reden würde und mit denen man außer den*die Arbeitgeber*in exakt gar nichts gemeinsam hat.

„Die einen sind eher zurückhaltend, abwartend und Harmonie liebend, die anderen gehen gern in die Auseinandersetzung, haben ein forsches Auftreten und bringen sich in den Vordergrund“, sagt Gaby Schramm. „Die einen lieben es strukturiert und ordentlich, die anderen schätzen Improvisation und Flexibilität.“ Diese charakterlichen Unterschiede befeuern zwangsläufig Konflikte; es fehlt schlicht das gegenseitige Verständnis für Handeln und Motive.

Die Folge: Zoff und gefühlte Ungerechtigkeit. Besonders dann, wenn Konflikte nicht offen ausgetragen werden können – zum Beispiel weil es ein Machtgefälle gibt oder der*diejenige eher zurückhaltend ist – kommt der Rachegedanke ins Spiel.

„Im Kern geht es oft um das Bedürfnis nach Wertschätzung, Respekt vor der Andersartigkeit sowohl in Bezug auf Persönlichkeitsprofile als auch Arbeitsweisen und um Fairness am Arbeitsplatz“, erklärt die Wirtschaftsmediatorin Dagmar de Baat Doelmann. „Das Rachebedürfnis entsteht durch das Gefühl von Machtlosigkeit und der Aussichtslosigkeit, keine Handlungsalternativen zu erkennen.“

Rache ist eine Umleitung, ein Ventil. Und ein Mittel, um die Balance wieder herzustellen. Schramm: „Erstens wird das Selbstwertgefühl des Rächenden wieder hergestellt und zweitens gibt es einen erzieherischen Aspekt, der Gruppe zu zeigen, dass man so nicht handeln kann. Damit wird der Status innerhalb der Gruppe zurückerobert.“

Außerdem wird bei Rache das Belohnungszentrum des Gehirns aktiviert, Glückshormone werden ausgeschüttet. Doch die Befriedigung ist nur kurzfristig. „Oft finden die Rächenden auch nach der Genugtuung keinen Frieden. Studien zeigen, dass sie sich weiterhin über den Auslöser ärgern und vermehrt zu Wut und negativem Denken neigen“, sagt Gaby Schramm.

Rache hat Folgen

Ideen für Rache am Arbeitsplatz können dabei von harmlosen Streichen bis hin zu regelrechtem Mobbing reichen. Doch wer Rachefantasien wirklich in die Tat umsetzt, riskiert damit eine ganze Menge.

„Offene oder auch versteckte Rache ist für den Rächenden in vielerlei Hinsicht schädlich bis regelrecht gefährlich“, sagt Gaby Schramm. „Brücken, die man mit Rachegelüsten einreißt, können oft nicht mehr aufgebaut werden. Und in Mitarbeiter-Chef-Beziehungen kann Rache nicht nur den aktuellen Job kosten, sondern die gesamte Karriere zerstören.“

Außerdem sinkt die eigene Motivation, die Fehleranfälligkeit steigt. Und es besteht die Gefahr einer regelrechten Fehde im Job. „Treffen zwei Hitzköpfe aufeinander, kann ein Rache-Kreislauf in Gang gesetzt werden, da der andere die Tat nicht auf sich sitzen lassen will“, so Schramm. Dann schaukelt sich der Konflikt so hoch, dass ganze Abteilungen darunter leiden.

All das kann auch rechtliche Konsequenzen haben, denn der*die Arbeitgeber*in ist verpflichtet, die Arbeitnehmenden zu schützen. „Die Arbeitszeit ist – wie der Name schon sagt – zum Arbeiten da. Wer also den Arbeitsplatz für ‚Streiche‘ nutzt, begeht erst einmal einen Pflichtverstoß, denn er arbeitet nicht“, erklärt der Arbeitsrecht-Anwalt Michael Felser.

Doch der*diejenige störe mit den Racheaktionen möglicherweise sogar den Betriebsfrieden. Felser: „Bei harmlosen Vorfällen kann das eine Abmahnung nach sich ziehen. Wenn es in Richtung Mobbing geht, also gezielt auf Kosten einzelner Kolleginnen oder Kollegen, kann es auch zur Kündigung führen.“ Und das betrifft auch vermeintlich harmlose Streiche.

Nicht rächen, lieber reden

Statt sich also in wilden Fantasien, Streichen und Rache am Arbeitsplatz zu ergehen und sich damit die Karriere zu versauen, bieten sich durchaus konstruktive, sinnvolle Lösungen an.

Mediatorin Dagmar de Baat Doelmann: „Die Kernfrage lautet: Wie gestalte ich die Beziehung zu meinen Kollegen so, dass es gar nicht zu größeren Konflikten kommt beziehungsweise so, dass wir auftretende Konflikte rasch und gut bewältigen? Das Ziel ist es, dass die anderen Kritik annehmen können und sie als Information und nicht als Angriff erleben.“ Dabei helfe unter anderem ein professionelles Kommunikationstraining.

Aber was tun, wenn gerade eben etwas passiert ist und die Rage innerlich richtig brodelt? „Manchmal reicht es, zunächst den ‚Tatort‘ zu verlassen, an die frische Luft zu gehen, eine Nacht drüber zu schlafen oder vielleicht ein paar Tage Urlaub einzureichen“, rät Gaby Schramm. „Mit etwas Abstand beurteilt man unter Umständen den Vorfall weniger dramatisch.“

Auch Sport helfe dabei, Aggressionen abzubauen. Wenn dann die innere Temperatur etwas abgekühlt ist und nicht mehr jede Faser nach Rache am Arbeitsplatz schreit, könne ein klärendes, direktes Gespräch sinnvoll sein. Dabei sei es laut Gaby Schramm wichtig, die Motive des*der anderen zu verstehen und der*demjenigen zu verzeihen: „Das zeigt wahre Charakterstärke.“

Die Frage ist also nicht, wie du Konfliktsituationen im Job komplett vermeiden kannst, sondern wie du vernünftig und erwachsen damit umgehst. Ganz ohne kindische, schädliche Rache am Arbeitsplatz. Falls du allerdings schon mit dem Job abgeschlossen hast, kannst du es machen wie Marina Shifrin – und lässig per Rachevideo kündigen: