Darum schummeln Paare auf Social Media

Permanentes Romantik-Geposte, die pure Werbefilmversion vom Beziehungsglück: Warum stellen sich Paare auf Social Media so zur Schau – und was macht das mit anderen?

Paare schummeln in den sozialen Netzwerken ihr Leben schön. Warum nur?

Paare schummeln in den sozialen Netzwerken ihr Leben schön. Warum nur? Foto: Nathan McBride / Unsplash | CC0

Vor wenigen Stunden hat er ein Foto von sich und seiner Familie bei einem Ausflug gepostet. Darauf haben die Kinder rosige Bäckchen und frostige Knubbelnäschen, alle strahlen vor Glück und tragen putzige Pudelmützen. Niemand hat Augenringe. Happy family, das Abziehbildchen.

Vor wenigen Minuten hat er mir eine private Nachricht geschickt. Darin klagt er über unerbittlichen Schlafmangel, Stress, Frust und unerfüllte Sehnsüchte. Niemand hat eine Ahnung davon. Happy family, die Schattenseiten.

Paare auf Social Media – zu perfekt

Schärfer kann der Kontrast zwischen Social Media und Realität kaum sein. Selbstverständlich ist das Leben grundsätzlich nicht nur schön und schon gar nicht immer einfach, auch nicht als Paar und erst recht nicht als Familie. Es gibt Streit, Missverständnisse, Erschöpfung, Krisen und Konflikte. Aber wieso posten Paare auf Social Media dauernd nur die Werbefilmversion von Glück?

Die Umfrage eines britischen Datingportals hat Erstaunliches ergeben: Ein Viertel der liierten Befragten gibt an, dass ihre Beziehung online deutlich besser aussieht als im echten Leben. Ein knappes Drittel ist außerdem eifersüchtig auf das, was in sozialen Netzwerken gezeigt wird und hat das Gefühl, die eigene Beziehung könnte bei den perfekten Versionen nicht mithalten. Und 60 Prozent der befragten Menschen in einer Beziehung sehen sich durch soziale und andere Medien mit unrealistischen Erwartungen konfrontiert.

Bessere Realität

Um bei all dem mithalten zu können, zeigen Paare auf Social Media geschönte und gefilterte Versionen ihres Liebeslebens und posten vor allem die glücklichen, romantischen, heiteren Momente. Der Umfrage nach selbst dann, wenn es überhaupt nicht gut läuft. Das soll bloß niemand wissen.

Unter dem Hashtag #couplegoals finden sich auf Instagram weit mehr als zwölf Millionen Fotos. Darauf beispielsweise zu sehen: Gruppenkuscheln mit Hund, aber nicht das vollgehaarte Sofa; Traumhochzeit in Weiß, aber nicht die betrunkene Verwandtschaft; Pärchen-Selfie in Paris, aber nicht der vorhergehende Zoff beim Packen; zuckersüße Kinder, aber nicht die zum dritten Mal bis oben vollgeschissene Windel.

Denn was Paare auf Social Media posten, ist nur ein selektiver Bruchteil dessen, was jenseits des Smartphones wirklich abgeht. Je mehr Inszenierungen wir sehen, desto mehr haben wir das Gefühl, dass alle anderen erfüllter und zufriedener sind. Wenn bei allen anderen der skyporn-pinke Insta-Himmel so voller Küsschen und Lichterketten hängt, warum dann nicht bei uns? Die Folge: Wir wollen mithalten und zeigen nichts als Schokoladenseiten. Und wenn das alle tun, verschiebt sich langsam der Rahmen der Realität.

Probleme in der Beziehung

Der dauernde Vergleich mit vermeintlich glücklicheren anderen führt aber nicht nur außerhalb einer Beziehung, sondern auch innerhalb zu Problemen. Dazu gehört erhöhter Glücksdruck. Das kann unter anderem dazu beitragen, dass Krisen und Konflikte eher verdrängt werden, sich aufstauen und unter der Oberfläche schwelen. Oder dass die Erwartungen an den*die Partner*in massiv überhöht werden.

Außerdem erwarten wir, dass unsere Partner*innen uns selbstverständlich auf Social Media am nächsten sind. Sie sollen all unsere Storys, unsere Fotos, Tweets und Postings als erstes sehen, liken und am besten verstehen.

Hinzu kommt das Phänomen der digitalen Eifersucht. Wer ist diese Person, die wirklich jedes einzelne Posting des*der Partner*in kommentiert? Schreiben sie sich womöglich auch privat? Die Umfrage einer deutschen Dating-Plattform hat 2016 ergeben, dass jede*r Fünfte in einer Beziehung schon mal Streit wegen Social Media hatte. Und über die Hälfte glaubt, dass Paare ohne soziale Netzwerke glücklicher wären.

Ehrlichkeit statt gefiltertes Glück

Nur ist es allerdings schwierig, heutzutage komplett ohne Social Media auszukommen. Freundschaften, Familienbeziehungen, berufliche und andere Netzwerke lassen sich auf Instagram, Facebook, WhatsApp, Twitter und Co. erhalten und ausbauen.

Wer bei Pärchen-Postings das Gefühl hat, dass es bei allen anderen viel besser läuft, könnte sich jedoch bewusst machen: Es ist definitiv nicht alles Beziehungsgold, was rosig-glücklich glänzt. Auch die Paare auf Social Media mit erreichten #couplegoals haben handfeste Krisen.

Vielleicht wäre es eine gute Idee, ab und zu mal ein wenig mehr von den Schattenseiten zu zeigen. Oder zumindest kein weichgezeichnetes Harmonie-Foto zu posten, wenn innen drin das Herz müde, ängstlich oder aufgewühlt ist. Gut möglich, dass das der sich steigernde Glücksdruck für alle zumindest punktuell ein bisschen abnehmen würde.

„Du schaffst das“, habe ich ihm übrigens auf seine Nachricht geantwortet. „Denk an die vielen wunderbaren Momente.“ Denn bei aller gewollten Inszenierung durch Paare auf Social Media, gibt es sie ja durchaus – die magischen Augenblicke, in denen alles stimmt. Nur halt nicht rund um die Uhr. Aber mal ehrlich: dauerhaftes, grenzenloses Glück, so wie es in sozialen Netzwerken präsentiert wird – wer könnte das im echten Leben schon ertragen?

Außerdem auf ze.tt: Dieser ehrliche Instagram-Account verrät, was Paare in ihren Beziehungen beschäftigt