Das deutsche Sozialdrama „Systemsprenger“ befindet sich zu Recht im Oscar-Rennen

Mit ihrem Spielfilmdebüt ist Autorin und Regisseurin Nora Fingscheidt das Highlight des deutschen Filmjahres gelungen. Eine Kritik

SYSTEMSPRENGER

Benni passt in kein Hilfssystem. Filmstill: © 2019 Port au Prince Pictures

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„Sie ist völlig gesund“, sagt Nora Fingscheidt bei der Berlin-Premiere ihres Films Systemsprenger ins Mikro. Damit meint die Regisseurin ihre Hauptdarstellerin: Helena Zengel, Jahrgang 2008, spielt in dem Drama eine verhaltensauffällige 9-Jährige. Bernadette, die sich Benni nennt, ist voller Aggression gegen die Welt. Sie ist ein sogenannter Systemsprenger: So nennt man in der Pädagogik Kinder und Jugendliche, die sich nicht ins Hilfssystem integrieren lassen. Weder Frau Bafané vom Jugendamt noch ihre Erzieher*innen in mehreren Obhutnahmestellen noch Ärzt*innen und Lehrer*innen wissen mit Bennis Wut umzugehen.

In der ersten Szene von Systemsprenger sieht man Benni direkt pöbeln, kreischen und Bobbycars werfen. Sie will raus aus ihrer aktuellen Obhutnahmestelle und zurück zu ihrer Mutter. Doch die Mutter (Lisa Hagmeister) ist überfordert, traut sich die Erziehung nicht zu und nimmt Benni nicht zurück. Und mit jedem weiteren Ausbruch wütet sich die 9-Jährige nur mehr ins Schlamassel. Einmal greift sie sogar zum Messer und droht sich selbst und andere zu verletzen – alle Verantwortlichen sind rat- und hilflos.

Als letzte Hoffnung nimmt Bennis Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch) sie mit auf einen Trip in den Wald. Doch selbst hier kommt sie nicht zur Ruhe. Benni beschimpft einen Bauern, bewirft dessen Hund mit Steinen, zwischenzeitlich richtet sich ihre Wut auch gegen Micha. Schnell ist klar, warum Nora Fingscheidt der Filmpremiere ihren Disclaimer vorangestellt hat: Helena Zengel spielt die Rolle der schimpfenden Benni erstaunlich glaubhaft.

Systemsprenger ist Oscar-Kandidat

Systemsprenger ist nicht nur ein Schaufenster für Helena Zengels Talent, die zurzeit einen Western mit Tom Hanks dreht. Das Sozialdrama ist überdies ein ausgezeichnetes Autorinnenstück von Nora Fingscheidt, weil sie in ihrem Spielfilmdebüt immer wieder die Perspektive wechselt: Obwohl die Kamera hauptsächlich Benni begleitet und sogar ihre gewaltvollen Träume zeigt, gewinnt man auch Einblick in die Gefühlswelt der Menschen um sie herum.

Mal sehen wir das erschöpfte Gesicht von Bennis Mutter und erleben ihre Zerrissenheit: Einerseits liebt sie ihre Tochter, gleichzeitig fürchtet sie sich davor, dass auch ihre beiden anderen Kinder so werden könnten wie Benni. Mal bricht Jugendamtmitarbeiterin Bafané (Gabriela Maria Schmeide) an eine Wand gelehnt in Tränen aus, weil sie keine Hoffnung mehr für Benni sieht. Mal zeigt die Kamera die Panik in den Augen der Frau des Schulbegleiters (Maryam Zaree), als Benni deren kleinen Sohn mit ins Bad nimmt und die Tür hinter sich verschließt.

Nicht nur Bennis Wut, sondern auch den Einfluss auf ihr Umfeld zu beschreiben, gelingt Nora Fingscheidt hervorragend. Die Vielschichtigkeit zwischen den Polen des Helfenwollens und des Aufgebens beschreibt der Film detailliert und fesselnd. Verdient ist Systemsprenger als deutscher Beitrag für den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film vorgeschlagen worden. Wichtiger als jede Auszeichnung ist aber, dass viele Menschen ihn sehen – und sich des Problems bewusst werden, das viele Erzieher*innen haben: Was tun mit Kindern und Jugendlichen, die nicht ins System passen?

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