Das erste Mal Weihnachten ohne die Familie

Weihnachten kann so schön sein – und so anstrengend. Manche feiern daher lieber alleine, mit der*dem Freund*in oder der WG. Wir haben nachgefragt, wie viel Alkohol und wie viele Tränen dabei geflossen sind.

Hach, diese Ruhe, wenn man Weihnachten alleine feiert. Bild: freestocks.org | Unsplash

Jule, 30

Vergangenes Jahr habe ich mit meiner WG und Freund*innen gefeiert. Die hatten keinen Bock zu ihren Eltern zu fahren und ich hab mich da reingehängt, weil meine sich voriges Jahr getrennt haben. Da war Weihnachtsfeierei für mich nicht angesagt. Bis zum 23. stand noch im Raum, bei welchem Elternteil ich die Feiertage verbringen soll. Aber dann hab ich ganz kurz vorher gesagt: „Ich teile mich jetzt hier nicht auf. Ich feiere in Berlin.“ Ich hatte das Gefühl, egal für welche Seite ich mich entscheide, die andere ist dann enttäuscht, also entscheide ich mich für gar keine. 

Meine Eltern waren perplex und auch traurig. Auch weil ich single bin, konnten sich meine Eltern nicht vorstellen, dass eine alleinstehende Frau mit 30 nicht bei der Familie mitfeiert. „Du weißt, du kannst jederzeit zu uns kommen. Und auch gern bei uns feiern“, haben sie mir noch gesagt. Aber ich blieb in Berlin.

[Außerdem bei ze.tt: „Ihr seid alle Nazis!“ – das wolltet ihr euren Familien an Weihnachten sagen]

Bei uns in der WG war es an Heiligabend total entspannt. Meine Mitbewohnerin hat ein Kind, ihre Freund*innen haben zwei. Wir waren zusammen beim Gottesdienst, mit Krippenspiel und allem. Die Kids waren total außer Rand und Band, die waren eine super Ablenkung für mich. Denn in der Kirche wurde ich melancholisch. Das bin ich eh zu Weihnachten, aber in dem Moment habe ich gedacht: „Letztes Jahr waren wir gemeinsam in der und der Kirche“. Mir war klar, dass es die richtige Entscheidung war, diesmal in Berlin zu sein, ich war eher traurig darüber, dass sich meine Eltern getrennt haben. Nach dem Gottesdienst sind wir nach Hause und meine Freund*innen haben ein riesiges Menü aufgetischt. Wir haben dann bis in die Nacht hinein Wein getrunken, Karten gespielt und geraucht. 

Es war eher wie eine Party – nur dass zwischendurch Geschenke ausgepackt wurden.“

Dieses Jahr feiere ich wieder Heiligabend in Berlin. Danach fahre ich aber schon nach Haus.

Ariel, 29

Ariel (rechts) mit seinen deutschen Freunden

2014 habe ich das erste Mal ohne meine Familie Weihnachten gefeiert. Ich war im September aus Trinidad nach Aachen gezogen, um dort meinen Master zu machen. Ein Kommilitone hatte mich eingeladen, Weihnachten mit ihm und seiner Familie zu feiern. Ich habe das Angebot angenommen, auch weil es so teuer gewesen wäre, nach so kurzer Zeit wieder zurück nach Hause zu fliegen. Immerhin hatte ich vorher erst viel Geld für den Umzug ausgegeben. Meine Mutter war schon traurig, aber auch aufgeregt, weil ich an diesem neuen Ort war. Für meinen Vater war es vollkommen okay.

Weihnachten ist ein Riesending in Trinidad. Bei uns ist das Wetter das ganze Jahr tropisch. Zu Weihnachten ist daher die Atmosphäre natürlich ganz anders. Heiligabend wird bei uns nicht besonders gefeiert, für uns ist es eher der Tag vor Weihnachten. Am ersten Feiertag wachen wir auf und tauschen Geschenke, dann gibt es ein großes Mittagessen. Meistens versammeln sich dazu drei Generationen im Haus und auch viele Nachbar*innen kommen vorbei, bleiben eine Weile, reden und trinken zusammen. Alle haben die Türen und Fenster geöffnet und spielen laut Musik. Auf der Straße spielen Kinder mit ihren neuen Geschenken, überall sieht man Leute. Ich hab das Gefühl, dass Weihnachten in Trinidad sozialer und energetischer ist als in Deutschland. Das liegt natürlich auch am Wetter. Diese Energie habe ich schon vermisst.

Dafür ist Weihnachten in Deutschland so gemütlich. Die Familie, die mich eingeladen hatte, war herzlich und ich habe mich sehr willkommen gefühlt. Ich hatte das Gefühl von Gemeinschaft und Gastfreundlichkeit und das war für mich besonders wichtig, weil ich so weit weg von zu Hause war.

Ich traue es mich kaum zu sagen, aber weil es so herzlich und warm war, musste ich meine Heimat nicht vermissen.“

Natürlich war es auch unheimlich aufregend, diese neue Kultur zu erleben. An Heiligabend haben wir Geschenke getauscht. Die ganze Familie setzte sich um den Weihnachtsbaum herum, daneben stand ein Berg von Geschenken. Sie legten eine Flasche in die Mitte und drehten sie. Auf wen die Flasche zeigte, musste der Person am anderen Ende der Flasche ein Geschenk überreichen. Ich weiß noch, wie unangenehm es mir war, als die Flasche auf mich zeigte. Doch dann habe auch ich ein Geschenk bekommen. Das hat mich total überrascht. Ich hatte ein paar Sachen als Dankeschön mitgebracht, hätte aber nicht gerechnet, dass ich auch etwas bekomme. Dann saßen wir einfach stundenlang im Wohnzimmer rum, aßen, tranken, lachten und unterhielten uns. Die Tage danach besuchten wir die Verwandten und auch dort war es sehr gemütlich. 

[Außerdem bei ze.tt: So feierten die Menschen in den letzten 100 Jahren Weihnachten]

Dieses Jahr ist das erste Mal in drei Jahren, dass ich Weihnachten wieder zu Hause feiere. Mir hat es in Deutschland so sehr gefallen, dass ich die vergangenen zwei Jahre über die Feiertage wieder dort geblieben bin. Am 19. Dezember feiere ich dieses Jahr meinen 30. Geburtstag und meine Mutter ist vor Kurzem in Rente gegangen, also dachte ich, es wäre eine gute Gelegenheit, mal wieder nach Hause zu fahren. Dieses Jahr kommt ein deutscher Freund mit und feiert mit mir und meiner Familie in Trinidad.

Philipp, 30

Als Kind war Weihnachten bei uns schon was Besonderes, wir hatten Familienfeiern, haben zusammen gesungen und groß gegessen. Aber ich hab relativ früh begonnen, nicht mehr an das Christkind zu glauben. Bei uns der Familie hieß es früher, dass das Christkind kommt, die Geschenke neben den Baum legt und den Baum schmückt. Ich hab irgendwann angefangen, selbst zu schmücken – und damit war der Zauber endgültig verflogen. Als die Kinder in meiner Familie erwachsen wurden, wurden auch unsere Weihnachtsfeste immer minimalistischer.

Aus dem fetten Truthahn mit Knödel und Maronenfüllung wurde ein schnelles Essen und wir haben uns nicht mehr groß beschenkt.“

Weihnachten und generell Religion spielt bei uns in der Familie keine große Rolle. Wir nutzen die Zeit, um mal zusammenzukommen, aber diese ganzen Traditionen haben bei uns nicht so eine große Bedeutung. 

Mit 21 habe ich beschlossen, dass ich Weihnachten auch genauso gut woanders verbringen kann. Natürlich habe ich meine Mutter vorher gefragt, ob das okay wäre. Sie hat nie auch nur annähernd eine Andeutung gemacht, dass es das nicht wäre und sie hätte es mir auch nie verboten, aber ich glaube schon, dass sie insgeheim traurig war. Ich bin also mit einem Freund eine Woche in den Skiurlaub gefahren. Es hat sich einfach angeboten: Die Reise war so billig, weil das über die Feiertage wohl niemand macht. Wir hatten ein Weihnachtsessen, also eigentlich war das ein Abendessen mit besserer Deko und ein paar mehr Gängen. Das war’s. Ansonsten war es ein stinknormaler Skiurlaub, ich hab Weihnachten echt nicht vermisst. Es ist immer noch so, dass bei uns jede*r feiert, der*die da ist. Und wenn ich wieder nicht da wäre, wäre das voll okay. 

Clelia, 30

Ich fliege dieses Jahr mit meinem Freund nach Kuba. Wir sind beide weder die mega Winterfans noch die ärgsten Weihnachtsfanatiker*innen. Mir wird der Weihnachtstrubel – von Verwandten zu Verwandten zu fahren, ständig schwer zu essen und viel zu viele Geschenke besorgen – manchmal zu viel. Es ist zwar schön, diese Zeit mit der Familie zu verbringen, aber dieses Jahr haben wir uns für Sonne und Zweisamkeit entschieden. Meine Eltern waren immer wieder schon mal weg zu Weihnachten, auch mit mir, als ich noch kleiner war, und somit sind sie es gewöhnt, dass nicht jedes Jahr alle zusammenkommen oder erst später ein gemeinsames Essen stattfindet. Ich denke schon, dass sie etwas traurig sind, aber sie verstehen es auch. Und ich schätze die Feiertage mehr, wenn es nicht jedes Jahr derselbe Ablauf ist.

Mein Freund und ich fliegen am 20. Dezember los. Ich denke schon, dass wir am Weihnachtsabend schick essen gehen oder uns etwas besonderes überlegen werden. Ich habe auch eine Kleinigkeit, die ich mitnehmen werde, um sie ihm zu schenken. Also etwas Tradition wird schon durchkommen.