Das haben diese jungen Politiker*innen mit Europa vor

Der Altersdurchschnitt im Europaparlament liegt bei 54 Jahren. Aber es gibt auch junge Kandidat*innen für die kommenden Wahlen. Wir stellen drei von ihnen vor.

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Junge Gesichter im Europawahlkampf: Andrey Novakov, Terry Reintke und Jordan Bardella. Fotos (v.l.): Europäisches Parlament; Cornelis Gollhardt; Charly Triballeau/AFP/Getty Images

Der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ist 64 Jahre alt. Der EU-Ratspräsident Donald Tusk 62 Jahre. Vorsitzender der EVP, der größten Fraktion im Europaparlament, ist Manfred Weber und – immerhin – 46 Jahre alt. Wer sich die prominenten Gesichter der EU ansieht, könnte meinen, dass hier vor allem Menschen gesetzten Alters die Politik bestimmen. Und dieser Eindruck trügt nicht: Der Altersdurchschnitt der Abgeordneten im Europaparlament (EP) liegt bei 54 Jahren. Gerade einmal 83 von den insgesamt 751 Abgeordneten sind jünger als 40.

Die jüngste von ihnen ist Terry Reintke. „Was will denn jetzt die Praktikantin hier?“ – dieser Satz sei durchaus zu Beginn ihrer ersten Legislaturperiode 2014 gefallen, sagt die Grünen-Politikerin im Deutschlandfunk. Sie wurde in Diskussionen nicht ernstgenommen. Doch wenn die meisten Abgeordneten einer älteren Generation angehören, wie sollen dann junge Menschen für die Europawahl und die EU gewonnen werden? Wir stellen euch drei junge Politiker*innen aus unterschiedlichen Mitgliedsstaaten und mit unterschiedlichen politischen Positionen vor, die Ende Mai bei der Europawahl antreten. Welche Ideen haben sie für Europa? So viel vorab: Nicht alle sind erklärte Europäer*innen.

Terry Reintke, 32 Jahre, Bündnis 90/Die Grünen (Deutschland)

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Als junge Frau wurde Terry Reintke in Diskussion im Europaparlament zunächst nicht ernstgenommen. Foto: Europäisches Parlament

Eine ihrer wohl persönlichsten Reden im Europaparlament hielt Terry Reintke im Jahr 2017. Darin schilderte sie eine Situation, in der sie selbst sexualisierte Gewalt erlebt hatte, ein Mann griff ihr abends auf der Straße von hinten zwischen die Beine. Sexualisierte Gewalt ist ein strukturelles Problem, sagt Reintke. Mit einer Petition setzte sich die Politikerin der Grünen-Fraktion dafür ein, dass das EP im Zuge der #MeToo-Bewegung eine Resolution verabschiedet. Darin wurden unter anderem verpflichtende Schulungen für alle EU-Abgeordneten zu sexueller Belästigung und eine unabhängige Untersuchungseinheit für EU-interne Fälle gefordert. Die Resolution kam nicht durch – weil Abgeordnete von CDU/CSU aus der EVP-Fraktion sie ablehnten. Frauenrechte und die Rechte von LGBTIQA gehören zu den Kernforderungen von Reintke:

Für ein offenes Europa, in dem jede und jeder leben und lieben kann, wie sie oder er will.

Terry Reintke

Die größte Herausforderung für Europa in der Zukunft sieht die 32-Jährige in Rechtspopulist*innen und Nationalist*innen, die gerade versuchen, die Zeit zurückzudrehen: Zurück ins Nationale. „Auf der einen Seite greifen sie unsere Grundwerte an. Auf der anderen Seite verhindern sie, dass wir die großen Herausforderungen wie den Klimawandel gemeinschaftlich angehen.“ Dem müsse man sich entgegenstellen. Teil ihres Gegenentwurfs ist ein Sozialpaket, das das europäische Wohlstandsversprechen einlöst, ein europäischer Mindestlohn und ein Ende der Ausbeutung europäischer Arbeiter*innen.

Jordan Bardella, 23 Jahre, Rassemblement National (Frankreich)

Das haben diese drei jungen Kandidat*innen mit Europa vor
Gemeinsam gegen Europa: Jordan Bardella und Marine Le Pen. Foto: Jacques Demarthon/AFP/Getty Images

Obwohl Jordan Bardella für das Europaparlament kandidiert, ist er im Kern ein Anti-Europäer. Warum sich Marine Le Pen für ihn als Spitzenkandidat ihrer Partei entschieden hat? Bardella möge jung sein, kenne aber das echte Leben, die Sorgen vieler Französ*innen und die harte Realität in den Vororten von Paris, sagt die Parteichefin des rechtsextremen Rassemblement National (RN). Denn Jordan Bardella ist in Seine-Saint-Denis, einem Pariser Banlieue, aufgewachsen. Seine Mutter kam in den 1960ern als Tochter italienischer Migrant*innen nach Frankreich. Von Bardellas Vater trennte sie sich früh, erzog ihren Sohn allein in einfachen Verhältnissen.

Frankreich und die Franzosen zuerst!

Jordan Bardella

Seine Herkunft spielt in Bardellas Kampagne eine wichtige Rolle. Darin hetzt der 23-Jährige gegen Migrant*innen, gegen den Islam, spricht von islamistischen Fundamentalist*innen und Drogendealer*innen. All das habe ihn früh politisiert. Mit 16 Jahren trat er in den Front National ein. Heute gehört er dem Präsidium des RN an. Im Europawahlkampf soll Bardella Jungwähler*innen ansprechen. Ihnen würde der RN eine Chance geben – so die Versprechen der Partei. Mit Le Pen reist Bardella in Kleinstädte und Dörfer, zu den „Vergessenen“, wie sie sagen.

Europapolitisch setzt Bardella auf „Frankreich und die Franzosen zuerst!“. Die Europäische Grenz- und Küstenwache Frontex bezeichnete er in einem Interview als „Rezeptionistin für Migranten“. Zentrale These seiner politischen Agitation: Die EU lasse zu viel durch – Waffen, Migrant*innen, Terrorist*innen. Sollte er gewählt werden, will er unter anderem Freihandelsabkommen und Migration beschränken. Zum italienischen Innenminister Matteo Salvini pflegt er bereits enge Kontakte.

Andrey Novakov, 30 Jahre, GERB (Bulgarien)

EP-060390E General budget of the European Union for 2018
Andrey Novakov will junge europäische Unternehmer*innen fördern. Foto: Europäisches Parlament

Der aktuell jüngste männliche Abgeordnete im Europaparlament ist Andrey Novakov. Er ist Teil der größten Fraktion, der Europäischen Volkspartei (EVP) und Mitglied der bulgarischen konservativen Partei GERB. Zu Unrecht hatte ihn einst der TV-Sender Euronews zu einem der faulsten Abgeordneten im Europaparlament gekürt. Er sollte mit die meisten Entscheidungen im Parlament geschwänzt haben. Allerdings rückte der damals 26-Jährige bei der vergangenen Europawahl 2014 erst verspätet nach – und hätte somit gar nicht an den Abstimmungen teilnehmen können.

Was wir brauchen, ist ein vereinigtes Europa.

Andrey Novakov

Sein Heimatland Bulgarien zählt zu den ärmsten Regionen der EU. Auf Panels, in Interviews und in den sozialen Medien wirbt der 30-Jährige immer wieder dafür, Europa nicht mehr in Ost und West einzuteilen und spricht stattdessen von einer Politik für alle EU-Bürger*innen: „Was wir brauchen, ist ein vereinigtes Europa“, sagt Novakov. Im Europaparlament beschäftigt er sich vor allem mit vier Themenbereichen: EU-Haushalt und dessen Kontrolle, EU-Finanzierung und Jugendarbeit. Sein Herzensprojekt: A.L.E.C.O. – ein europäisches Austauschprogramm für junge Unternehmer*innen und Gründer*innen. Damit will Novakov europäische Start-ups fördern und im internationalen Vergleich wettbewerbsfähiger machen.

 


Ende Mai wählen eine halbe Milliarde Menschen das Europäische Parlament. Doch was bedeutet Europa für junge Menschen, was wollen die Parteien – und wie funktioniert die EU? Das und mehr erfahrt ihr auf unserer Europawahl-Themenseite.