Das ist das Wichtigste, wenn du eine offene Beziehung führst

Offene Beziehung ist nicht gleich offene Beziehung – warum manche Versionen von Nicht-Monogamie besser funktionieren als andere.

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Wer eine offene Beziehung führen will, braucht dafür klare Regeln. Foto: Charry Jin / Pexels | CC0

„Ich kann mir absolut nicht vorstellen, meinen Partner mit einer anderen Frau zu teilen“, sagt meine Kommilitonin und krümelt nachdenklich braunen Zucker aus dem Tütchen auf den Milchschaum ihres Cappuccinos. „Das wäre so, als wäre ich nicht genug. Und ich würde jedes mal durchdrehen, wenn er nicht bei mir, sondern bei der anderen Frau wäre.“

Obwohl ich mich persönlich auch eher als monogam betrachte, halte ich nicht-monogame Beziehungsformen für durchaus sinnvoll. Abhängig davon, wer sie führt, warum – und vor allem wie. Also sage ich: „Ich glaube, das kommt ganz darauf an, was für eine Art Beziehung ihr habt, wie ihr miteinander umgeht und welche Regeln ihr dafür vereinbart.“

Zur offenen Beziehung gehören zwei

Zu einem ähnlichen Schluss ist auch eine Studie der University of Rochester gekommen. Drei Wissenschaftler haben über 1.600 Teilnehmende nach ihren Beziehungen gefragt, sie dafür in fünf Gruppen eingeteilt und dann deren Beziehungszufriedenheit untersucht: zwei monogame Gruppen aus länger und noch nicht so lange Liierten; einvernehmlich nicht-monogame Beziehungen; teilweise offene Beziehungen und einseitig offene Beziehungen.

Ergebnis: Die monogamen und einvernehmlich nicht-monogamen Beziehungen (in denen beide Partner*innen ähnliche Bedürfnisse und sich gemeinsam für dieses Modell entschieden hatten) funktionieren am Besten.

Die teilweise offenen und die einseitig nicht-monogamen Beziehungen liefen hingegen nicht so gut – die Befragten zeigten weniger Zuneigung und Zärtlichkeit; außerdem fühlten sie sich eher unwohl mit emotionaler Bindung, häufiger einsam und hatten mehr Kummer. Dabei schnitt die Gruppe der einseitig offenen Beziehungen, in denen eine*e Partner*in monogam leben will und der*die andere nicht, am schlechtesten ab. Laut der Studie waren ganze 60 Prozent der Beteiligten unzufrieden. Kein Wunder.

„Geheimniskrämerei in Bezug auf sexuelle Aktivitäten mit anderen kann sehr leicht toxisch werden und zu Gefühlen von Vernachlässigung, Zurückweisung, Unsicherheit, Eifersucht und Verrat führen, sogar in nicht-monogamen Beziehungen“, so Studienautor Ronald Rogge laut Uniwebseite.

Hm. Das klingt wie das, was meine Kommilitonin beim Kaffee gesagt hat. Wen oder was braucht es also, damit so eine Beziehungsform funktionieren kann?

Das braucht eine offene Beziehung

Der Untersuchung zufolge sind zwei Dinge für das Gelingen wichtig: Einvernehmlichkeit und Kommunikation. „Das ist entscheidend, weil sie mit den zusätzlichen Herausforderungen einer offenen Beziehung in einer von Monogamie geprägten Gesellschaft umgehen müssen“, meint Rogge.

Klar, viele Leute halten das Narrativ des einen einzigen richtigen Menschen im Leben nach wie vor für ebenso real wie alternativlos und erstrebenswert. Und das erzeugt für Paare in nicht-traditionellen Beziehungen durchaus zusätzlichen Druck.

Also: Beide müssen es gleichermaßen von sich aus wollen, sie müssen respektvoll, rücksichtsvoll und aufrichtig miteinander umgehen und sprechen und sich insgesamt damit gut fühlen. Sonst wird’s schwierig.

Ähnlich sieht es auch die Berliner Beziehungsexpertin Anna Holfeld: „Eine offene Beziehung kann funktionieren, wenn beide eine intensive Auseinandersetzung darüber hatten, wie genau ihre Beziehung gestaltet ist, was ihre Regeln und ihre Grenzen sind.“

Das lässt sich aber nur herausfinden und festlegen, wenn beide Beteiligten ziemlich gut verstehen, was sie selbst wollen und brauchen, was ihnen gut tut – und was nicht. Denn nicht jede*r fühlt sich in so einer offenen Beziehung wohl.

„So ein Modell ist geeignet für Menschen, denen Mitfreude leichtfällt, die der anderen Person gut was gönnen können, ohne das Gefühl zu haben, dass ihnen dadurch etwas fehlt“, sagt Beziehungsexpertin Holfeld. „Menschen, die wenig eifersüchtig sind und ein gutes Selbstbewusstsein haben.“

Wer sich also innerhalb seiner selbst und der Beziehung sicher fühlt, hat es demzufolge auch leichter, sie zu öffnen.

Fair ist fair

„Außerdem muss das Recht, andere Sexualpartner zu wählen, für beide gleichermaßen gelten“, erklärt Anna Holfeld. „Letztlich braucht es auch eine Vereinbarung darüber, wie über die anderen Sexualkontakte gesprochen wird. Reicht es zu sagen, dass man woanders war oder braucht es mehr Informationen?“

Auch das – wie alle Bedingungen einer offenen Beziehung – muss jedes Paar individuell verhandeln. Für manche Paare ist nur Sex okay, andere führen mehrere emotional involvierte Beziehungen parallel. Was passt und wie, das lässt sich nur gemeinsam erarbeiten und verändert sich mitunter auch im Laufe der Zeit.

Bei aller Kommunikationsfähigkeit kommt Reden allerdings irgendwann an seine Grenzen – wie soll man wirklich wissen, ob etwas richtig und gut ist, wenn man es nicht kennt? „Es gibt die Möglichkeit, Elemente einer offenen Beziehung gemeinsam zu testen, um nicht nur theoretisch über etwas zu sprechen“, sagt Anna Holfeld. „Es fühlt sich anders an, als man denkt.“

Nein sagen ist auch okay

Und was, wenn es dann dem*der einen gefällt und dem*der anderen nicht? „Eine echte Alternative ist eine offene Beziehung nur dann, wenn beide im Konsens damit sind“, meint Anna Holfeld. „Wenn jemand nur zustimmt, um die andere Person nicht zu verlieren, dann ist das schwierig.“ Genau das, was auch die Studie ergeben hat.

Deshalb sollte es letztlich auch okay sein, wenn eine*r der beiden keine offene Beziehung möchte.

„Wenn der Wunsch nach offener Beziehung einseitig ist, wird es keine offene Beziehung geben“, sagt auch Anna Holfeld. „Dann kann man nur heimlich Sex mit anderen haben oder für sich entscheiden, was einem wichtiger ist: dieser einen Strategie zur Bedürfnisbefriedigung nachgehen – oder andere Bedürfnisse stärken und gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin erfüllen.“