Das ist die größte Hürde, wenn du selbstständig arbeitest

Unsere Autorin ist selbstständig. Wie lässt sich die Balance finden zwischen Selbstzweifeln, Durchhaltevermögen und dem Bedürfnis, auch mal abzuschalten? 

Glaube an sich selbst in der Selbstständigkeit.

Wie umgehen mit dem Sicherheitsbedürfnis? Quelle: t | CC0

Ist es erst ein Jahr her oder bereits zwei? Gegen 21:30 Uhr an diesem Donnerstagabend fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich keine passenden Schuhe für das Event habe, auf das ich eingeladen wurde. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal neue gekauft habe, seit ich Shopping gegen Remote Work und Ausschlafen getauscht habe. Meine weißen Sneakers sind durchgetragen, was vielleicht zu dirty Berlin, aber nicht unbedingt zu einer offiziellen Studienabschlussfeier passt. Und die vorne abgewetzten schwarzen Halbschuhe kann ich auch nicht nehmen.

Ich bin Chefin und Untergebene zugleich

Selbstständig sein, das bedeutet für mich seit knapp acht Monaten zuerst an all das zu denken, was zu meinem kleinen Business dazugehört. Und wenn es die neue Datenschutz-Grundverordnung ist, die im Mai in Kraft tritt. Ich bin Chefin und Untergebene zugleich, privat wie beruflich in unterschiedlichen Nuancen und muss für jegliche Eventualitäten die maximale Verantwortung übernehmen. Das bedeutet auch: externe Coach*innen, Anwält*innen und Steuerberater*innen zu bezahlen, wenn es darauf ankommt, damit die restliche Zeit für das bleibt, was den Kern meines Geschäfts ausmacht.

Während ich meine Gedanken über einer dunstigen Tasse Kräutertee schweifen lasse, reißt mich meine Freundin Alwina aus dem gefährlichen Halbschlaf zurück in die vier Wände meiner Wohnung. Sie selbst ist seit drei Jahren als Freelancerin in der Kreativbranche tätig – und mir nicht nur in puncto Spartipps um einiges voraus.

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„Kleidung ist das eine, bei dem ich angefangen habe zu sparen. Danach kommt das Essen“, sagt sie. Jeden Tag für 15 Euro Essengehen und Snacks kaufen war plötzlich auch Luxus. „Schau, ich kann zu Hause selbst Foodbowls mit Tofu und Edamame zubereiten, und mich freitagabends von Freund*innen in WG-Küchen einladen lassen.“

Die wahre Herausforderung, so erzählt mir Alwina, sei bis heute eine andere: das Sicherheitsbedürfnis zu unterdrücken, das sich jeden zweiten Tag verlässlich zum Schlafengehen bei ihr meldet und die zuvor getroffenen Pläne mit Wie-lange-willst-du-das-noch-machen-Selbstzweifeln infrage stellt. Die größte Hürde der Selbstständigkeit sei, nicht sofort das eigene Vorhaben aufzugeben, wenn mal ein paar Jahre dasselbe im Kleiderschrank hängt, sondern an sich selbst, das eigene Projekt und den eigenen Idealismus zu glauben. So kitschig das klingt. Jeden. Einzelnen. Tag.

So kitschig es klingt. Jeden. Einzelnen. Tag.“

Wie in der Liebe, denke ich, bevor ich einen Schluck nehme und auf die Worte meiner Freundin eingehe. Auch ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass sich nichts von alleine regelt, wenn ich es nicht in die Hand nehme. Wer soll es auch sonst machen? „Got you, Sister!“, sagt Alwina. „Ob Kreativberufler*in oder Handwerker*in: Wenn du am Ende des Tages keine Kohle mit deiner Persönlichkeit, deiner Idee oder deinem Handwerk verdienst, sieht es schlecht aus. Der Erfolg jedes Auftrags liegt in deinen Händen alleine. Vor allem zu Beginn, wenn du dir als Newbie noch keine*n Virtual Assistant und Praktikant*in für die Social-Media-Kanäle leisten kannst.“

Freiheit oder Qual?

Was Alwina besonders nervt: Sind ihre Kund*innen unzufrieden, kann sie nicht zu einem*r Chef*in gehen und sich über die Grenzüberschreitung aufregen, oder sich in eine andere Abteilung versetzen lassen. Sie muss den Anruf annehmen. Immer. Ob ihr dabei das Herz in die Unterhose rutscht oder nicht. „Du musst die Fehler ausbaden, die du machst und die Zeit überbrücken, in der nichts passiert. Wochen, in denen du vor dem Laptop sitzt und eigentlich auf eine finale Auftragsbestätigung wartest, damit du endlich anfangen kannst deine Miete zu verdienen, aber es passiert nichts. Jeder nicht abgesessene Tag ist in den Augen anderer Freiheit, in deiner eigenen Wahrnehmung eine ungewisse Qual.“

Trotz der vielen Schwierigkeiten hatte Alwina vergangenen Monat ein fixes Jobangebot in einer Kreativagentur abgelehnt. „Es ist immer noch so ein Drahtseilakt“, sagt sie. „Wie sonnig kann es draußen sein, damit du vergisst, dass dir noch 500 Euro fehlen, um die Festanstellung, für die du dich sporadisch beworben hast, doch noch guten Gewissens abzusagen. Wie viele Tage lässt du bis zur Absage verstreichen, wie viele Male gehst du deinen Businessplan noch einmal im Kopf durch. Wie viele E-Mails willst du senden, um endlich das Ja auf einen gratis erstellten Pitch zu bekommen.“

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Wir beide finden, dass an sich selbst zu glauben nicht deshalb so anstrengend ist, weil man das, was man tut, nicht ausreichend liebt. Sondern, weil man die Meilensteine als Ich-AG nicht ausreichend zelebrieren kann. Außer natürlich, man hat Lust, für sich selbst eine Party zu schmeißen. „Wenn das der Fall ist: Mach es, aber erwarte nicht, dass alle deine von der klassischen Vollzeit-Arbeit genervten Ex-Kolleg*innen kommen werden, um zu applaudieren. Die haben nämlich inzwischen vielleicht so etwas wie ein Familienleben“, sagt Alwina.

Glaube an sich selbst als Balanceakt

Die Herausforderung besteht für sie auch nach drei Jahren darin, nicht zum werbetafeltragenden Maskottchen zu werden, das Passant*innen Flyer in die Hand drückt. „Es ist kein Balanceakt, meine Liebe. Es ist eine Kunst. Genauso wie den anderen mit seinen Angeboten digital nicht auf die Nerven zu gehen, und trotzdem präsent zu sein. Freundlich zu bleiben, ohne sich selbst preislich zu unterbuttern und so eine gute Verhandlungsoption für später zu verspielen.“

Eine Kunst, die – wie es mir scheint – viel Übung, Durchhaltevermögen und Motivation bedarf, und die damit einhergehende persönliche Stärke. An mich selbst zu glauben hat nach der hohen Erwartungshaltung zu Beginn einen neuen Anstrich bekommen. An mich selbst zu glauben heißt heute, durch den Tag zu kommen und meine Arbeit so gut es geht zu machen, ohne dabei ständig nach mehr zu lechzen. An mich selbst zu glauben bedeutet, mich nicht zu verausgaben und auszubeuten. Aufzuhören, wenn ich nicht mehr kann.

An mich selbst zu glauben, bedeutet, Hilfe von Freund*innen anzunehmen und es bedeutet, stolz zu sein, es so weit geschafft zu haben. Die neuen Sneakers gegen eine berufliche Herausforderung getauscht zu haben, vor der sich selbst viele gestandene ältere Erwachsene gesträubt haben. Im Unterschied zu Alwina und mir haben sie nie einen anderen Karriereweg ausprobiert. Sie werden nie wissen, ob er als Alternative zur Festanstellung getaugt hätte.