Das kannst du tun, wenn du Existenzangst hast

Nachts nicht schlafen können, weil nicht klar ist, woher die Miete kommen soll – Existenzangst kennen viele, die Corona-Krise hat das Gefühl verschärft. So gehst du damit um.

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Existenzangst kann auf Dauer Stress, Schlaflosigkeit und Depressionen auslösen. Foto: Ernest Brillo / Unsplash | CC0

Wenn sich der Brustkorb zuschnürt und das Herz rast, wenn das Blickfeld verschwimmt und die Atmung aussetzt – dann hat die Angst das Kommando. Angst gehört zum Leben, Menschen haben vor unendlich vielen verschiedenen Dingen Angst. Vor Spinnen, Clowns, Aufzügen, Flugreisen, Gespenstern, Dunkelheit, Einsamkeit, Krankheit und Tod.

Auch Existenzangst ist ein gar nicht so seltenes Phänomen. Sie kann auf Dauer Stress, Schlaflosigkeit und Depressionen auslösen. Dabei geht es in den meisten Fällen um die Angst davor, in eine finanziell so prekäre Lage zu geraten, dass die Miete nicht mehr bezahlt werden kann; um Angst vor Arbeitslosigkeit; davor, die Lebensgrundlage zu verlieren.

Akute Existenzangst betrifft einige mehr als andere, dazu gehören beispielsweise Alleinerziehende, Freiberufliche, Menschen in befristeten oder gering bezahlten Jobs, chronisch Kranke, ältere Angestellte, Minijobber, Leute in saisonabhängigen Branchen. Die aktuelle Corona-Krise hat dazu geführt, dass Leute in Kurzarbeit gehen und Gehaltseinbußen verkraften müssen, dass sie keine neue Anstellung finden oder sogar ihre derzeitigen Jobs verlieren. Kein Wunder also, dass momentan viele die Existenzangst quält.

Der Psychotherapeut und Unternehmensberater Denis Mourlane hat sich auf die Themen Resilienz und Krisenüberwindung spezialisiert und erklärt, wie du mit Existenzangst umgehen kannst.

Welche Gründe gibt es für Existenzangst?

Existenzangst lässt sich grob gesagt unterscheiden in konkrete und diffuse Angst. Also, in tatsächlich durch Umstände wie Kurzarbeit, Auftragsverlust oder Kündigung begründete Furcht einerseits und ein eher vages und grundsätzliches Angstgefühl andererseits. „Existenzangst kann ganz realistische Gründe haben, wie es derzeit für viele der Fall ist. Sie kann aber auch eher unrealistische Gründe haben“, sagt Denis Mourlane.

Konkret sei die Existenzangst demnach für Menschen, bei denen tatsächlich die Gefahr besteht, die Lebensgrundlage zu verlieren: „Dazu gehören diejenigen, die sich verschuldet beziehungsweise hohe Kosten haben und keine ausreichenden Einnahmen mehr generieren.“ Bei diesem Missverhältnis ist die Dimension übrigens egal; so lange Einnahmen und Ausgaben nicht stimmen, gibt es sowohl privat als auch geschäftlich ein Problem.

Im Grunde sei Existenzangst allerdings ein Gefühl, das durchaus einen gewissen Nutzen habe: „Diese Angst warnt uns und bringt uns entsprechend ins Handeln“, sagt Mourlane.

Anders sieht es mit diffuser Existenzangst aus. Das heißt, wenn also die Gefahr gar nicht so konkret oder groß ist, wie sie sich anfühlt. Diese Form der Existenzangst könne auch Leute betreffen, die eigentlich nicht allzu viel zu befürchten hätten.

Laut Mourlane durchaus eine Frage der psychologischen Konstitution: „Wenn ein Mensch zum Beispiel grundsätzlich Gefahren überschätzt oder eher pessimistisch veranlagt ist, wird er oder sie viel mehr Angst haben, als es notwendig wäre. Dieser Mensch sieht dann mehr Risiken als Chancen und das verstärkt die Angst.“

Welche Maßnahmen angebracht sind, hängt maßgeblich davon ab, ob es sich eher um konkrete oder diffuse Existenzangst handelt.

Was hilft bei Existenzangst?

Schritt eins klingt banal, ist aber wichtig: atmen. „Erst einmal sollte man die Angst wertfrei annehmen. Auch negative Emotionen haben eine Funktion und in diesem Fall warnt die Angst vor einer Gefahr“, sagt der Denis Mourlane.

Dann die Situation betrachten: „Im zweiten Schritt sollte man analysieren, ob die Gefahr wirklich so groß ist. Ist sie es, dann muss man in einem nächsten Schritt etwas unternehmen, was die Gefahr möglichst reduziert“, meint der Experte.

Existenzangst habe sehr viel mit der Angst zu tun, die Kontrolle über das Leben zu verlieren: „Das Bedürfnis nach Kontrolle ist eines von fünf neurowissenschaftlich belegten psychologischen Grundbedürfnissen“, so Mourlane. „Entsprechend sollte der Mensch versuchen, sich wieder ein Gefühl der Kontrolle zu geben.“

Und Kontrolle gewinnst du in erster Linie durch Information.

Ein Beispiel: Wenn du aus lauter Angst länger nicht mehr auf die Kontoauszüge geguckt hast, handelst du nicht nur fahrlässig, sondern nährst die Angst durch Unwissenheit noch; möglicherweise ist die Situation inzwischen in deinem Kopf schlimmer, als sie tatsächlich ist. Außerdem nimmst du dir auch die Gelegenheit, das Problem beim Schopf zu packen. Denn nur, wer die Lage wirklich kennt, kann passende Strategien entwickeln. „Das heißt zum Beispiel in der aktuellen Situation, sich über mögliche Unterstützung von Seiten des Staates zu erkundigen“, sagt Denis Mourlane.

Davon abgesehen kannst du im Grunde an zwei Stellschrauben drehen: Einkommen erhöhen und Ausgaben senken, sowohl kurz- als auch langfristig. Und manchmal reichen schon Kleinigkeiten, um zur Entlastung beizutragen.

Wichtig gegen die Existenzangst ist tatsächlich in erster Linie, dass du aktiv wirst und dir einen Überblick verschaffst, um die Lage realistischer einschätzen und reagieren zu können. Quasi das Äquivalent von: Die Taschenlampe nehmen und unters Bett leuchten, um die Monster zu vertreiben. Oder, je nach Lage, damit zu verkloppen.

„Merkt man bei der Analyse, dass man die Gefahr überschätzt, ist das häufig eine wichtige Erkenntnis, die meist dazu führt, dass die Angst weniger wird oder vielleicht sogar ganz verschwindet“, sagt auch Denis Mourlane. „Auf mentaler Ebene sollte man sich bemühen nicht blind, aber realistisch optimistisch zu bleiben.“

Und sich eben auch professionelle Beratung und Hilfe zu suchen, wenn es zu arg wird. Sowohl finanziell als auch psychologisch.

Wie wär’s mit bedingungslosem Grundeinkommen?

Keine Frage: Existenzangst ist real und geht auf Dauer an die Substanz. Für viele Menschen ist sie alltäglich. Logischerweise macht das auch etwas mit der Gesellschaft. Dass es jedoch auch anders gehen könnte und inwiefern das sinnvoll wäre, hat das finnische Experiment mit dem bedingungslosen Grundeinkommen gezeigt.

Von 2017 bis Ende 2018 haben 2000 zufällig ausgewählte Arbeitssuchende in Finnland jeden Monat 560 Euro bekommen, ohne Fragen, Steuern und Bedingungen. Auch dazuverdienen war erlaubt. Ziel des zwei Jahre dauernden Pilotprojekts war es festzustellen, ob das Grundeinkommen Verdienstunterschiede verringern, das Sozialsystem effizienter machen und einen Effekt auf den Arbeitsmarkt haben würde. Also, ob die Beziehenden dadurch eher als durch das bisherige System motiviert würden, Jobs anzunehmen.

Die Sozialversicherungsbehörde hat Anfang Mai den Abschlussbericht veröffentlicht. Ergebnis: Der gezahlte Betrag hat sich nicht signifikant auf die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt; rein wirtschaftlich sei das Experiment damit gescheitert.

Doch diese Schlussfolgerung geht am Kern vorbei. Die entscheidende Frage lautet nämlich, wie man Erfolg misst und definiert.

Denn was die beteiligten Forscher*innen auch gesagt haben: Es ging den Teilnehmenden seelisch und gesundheitlich besser, sie fühlten sich zufriedener, psychisch stabiler und weniger einsam. Sie hatten mehr Zeit, sich gesellschaftlich zu engagieren und um andere zu kümmern. Außerdem gaben sie an, mehr Vertrauen in ihre finanzielle Situation und die Zukunft zu haben, also das Gegenteil von Existenzangst. Zudem hatten sie höheres Vertrauen in ihre Mitmenschen und gesellschaftliche Institutionen – in Zeiten von um sich greifendem Populismus und wuchernden Verschwörungsmythologien ein nicht zu unterschätzender Faktor.

All das bei einem Betrag, der nicht als Grundeinkommen gelten kann. Bei einer Summe über der Armutsgrenze von 780 Euro wäre Existenzangst ein deutlich geringeres Problem und es ginge vielen Menschen auf verschiedenen Ebenen weniger schlecht.

Inzwischen denkt zum Beispiel auch Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon über ein bedingungsloses Grundeinkommen nach; ohnehin hat Schottland das Wohlbefinden der Menschen als Teil der Wirtschaft definiert, wie es in einem Statement heißt: „Ziel der Wirtschaftspolitik sollte das Gemeinwohl sein. Dieser umfassendere Ansatz steht im Zentrum unserer wirtschaftlichen Strategie, bei der die Bekämpfung von Ungleichheit genau so wichtig ist wie wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.“

Die Corona-Krise hat zuletzt deutlich gezeigt, was wir wirklich brauchen. Dass der Markt nun mal eben nicht alles regelt, dass sich an unserem Wirtschaftssystem etwas ändern sollte. Vor allem aber auch, wie real Existenzangst für viele Menschen ist. Und warum genau sollten psychische Gesundheit und mentales Wohlbefinden eigentlich weniger wichtig sein als Profit?

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