Akademikerball: Das müsst ihr über Österreichs rechteste Veranstaltung wissen

Alle Jahre wieder trifft sich in der Hofburg Wien die rechte Szene des Landes zum sogenannten Akademikerball. Jedes Jahr streitet das Land erneut über dessen Berechtigung. Eine Analyse

Das müsst ihr über Österreichs rechteste Veranstaltung wissen

„Einen einzigartigen Abend voll Glanz, Glamour und Tradition", versprechen die Veranstalter*innen. Was es ist: ein Vernetzungstreffen der Rechten. Screenshot: FPÖ-TV

Ballbesucher*innen in High Heels und Lederschuhen betreten den Platz vor der Hofburg, der ehemaligen Kaiserresidenz direkt in der Wiener Innenstadt. Einst lebten dort die Habsburger. Adolf Hitler verkündete an jenem Ort 1938 den Anschluss Österreichs an Deutschland. Mittlerweile hat unter anderem der amtierende Bundespräsident dort seinen Amtssitz.

An diesem Freitagabend im Januar lädt die rechte Freiheitliche Partei Österreich (FPÖ) so wie jedes Jahr zum Ball in die imperialen Räume ein, während vor den Türen die Massen demonstrieren.

Deckel, Schmiss und feiner Zwirn

Frauen in bodenlangen Ballkleidern und Männer in Anzügen steigen aus ihren Autos. Manche halten sich schützend die Hände oder Jacken vor das Gesicht, andere stellen sich erhobenen Hauptes vor die Presse und lassen sich von den Fotograf*innen ablichten. Einst war dies der Ball des Wiener Korporationsrings (WKR-Ball). Darum tragen zahlreiche Männer auch je nach Zugehörigkeit und Rang ein Burschenband um den Oberkörper und Deckel oder Mützen auf dem Kopf. Über einige Wangen ziehen sich tiefe Narben, der sogenannte Schmiss, eine Schnittverletzung aus einer Mensur und Zeichen der Zugehörigkeit zu einer schlagenden Burschenschaft.

Offiziell gibt es den WKR-Ball, also den Ball der deutschnationalen Wiener Burschenschafter, gar nicht mehr, da die Hofburg im Dezember 2011 angekündigt hatte, den Ball nicht mehr in ihren Räumlichkeiten stattfinden zu lassen. Stattdessen gibt es nun seit 2013 den Wiener Akademikerball. „In den prunkvollen Sälen der Wiener Hofburg wird der akademische Höhepunkt der Ballsaison gefeiert“, schreiben die Veranstalter*innen auf ihrer Seite. Der Ball ordne sich selbst in die Tradition der großen studentischen Bälle ein und sei ein gesellschaftlicher Treffpunkt von Studierendenschaft, Bürgertum, Wirtschaft, Politik und zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland, heißt es weiter.

Neuer Name, neue Homepage, neue Veranstalterin, nämlich die Wiener FPÖ, aber ein gleichbleibendes rechtes bis ultrarechtes Publikum. In Wahrheit reisen dazu nach wie vor rechtskonservative Politiker*innen aus ganz Österreich und aus dem Ausland an – so war beispielsweise bereits Marine Le Pen zu Gast.

 

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Streit um Berechtigung

Die Berechtigung des Balls wird seit jeher in Österreich diskutiert. Die einen sind überzeugt, dass sich die rechte Partei nicht an einem derart geschichtsträchtigen Ort treffen dürfe und es ein fatales Zeichen darstelle. Die anderen – vorwiegend FPÖ-Mitglieder und -Sympathisant*innen – sprechen sich dafür aus, dass eine Demokratie das erlauben müsse und es als Partei ihr Recht sei, einen Ball zu veranstalten (siehe Video).

Die Fronten sind längst verhärtet, niemand weiß mit der Veranstaltung umzugehen. Die Hofburg weist jegliche Verantwortung von sich: Man könne die Veranstaltung nicht einfach ausschließen, heißt es, schließlich sei die Veranstalterin eine demokratisch gewählte Partei. So bleibt der Konflikt ungelöst und die Veranstaltung findet jährlich statt, während die einen sie besuchen und die anderen draußen dagegen demonstrieren.

Mit dem Eintritt der FPÖ in die Regierung erhielt der Akademikerball schon im vergangenen Jahr neue Brisanz. Wie damals werden auch in diesem Jahr FPÖ-Parteichef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache teilnehmen und auch Obmann des FPÖ-Nationalratsklubs Johann Gudenus. Die Ballorganisator*innen sprechen von einem Ansturm auf Karten im Vorfeld und rechnen mit einer Rekord-Besucher*innenzahl, wie es auf vienna.at heißt.

Demonstration gegen Rechts

Das Bündnis Offensive gegen Rechts ruft zur „Demonstration gegen den FPÖ-Burschiball“ auf. „Zeigen wir erneut, was wir von den elitären, rassistischen, sexistischen, antisemitischen und homophoben Burschenschaftern halten. Zeigen wir, dass unser Widerstand kein Ende finden wird (…) Zeigen wir, dass wir uns gegen ihren Großangriff auf das Sozialsystem, das Gesundheitssystem, Frauenrechte, Minderheitenrechte etc. wehren. Zeigen wir, dass wir das internationale Treffen der europäischen Rechtsextremen nicht unkommentiert hinnehmen“, schreibt das Bündnis bei ihrem Veranstaltungsaufruf.

Zeigen wir erneut, was wir von den elitären, rassistischen, sexistischen, antisemitischen und homophoben Burschenschaftern halten.

Offensive gegen Rechts

FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker befürchtet in diesem Jahr verstärkte Proteste gegen den Akademikerball. Er kritisiert das Vorgehen der Opposition gegenüber der Österreichischen Presse Agentur (APA) und wirft ihr vor, „immer sofort die Straße zur Hilfe“ zu rufen. Erst im vergangenen Dezember protestierten 17.000 Menschen in Wien friedlich gegen die österreichische Regierung. Seit Monaten gehen zudem wöchentlich Menschen bei den sogenannten Donnerstagsdemos auf die Straße, um ein Zeichen gegen die Regierung zu setzen.

Im vergangenen Jahr sorgten rund 3.000 Polizist*innen für den Schutz von 2.500 Gästen. Eben weil es sich um keinen harmlosen Tanzabend des Bürgertums handelt, sondern um ein Vernetzungstreffen für Ultrarechte und Rechtskonservative aus ganz Europa.


„Was geht mit Österreich?“ Mit dieser Frage beschäftigt sich unsere Korrespondentin und Exil-Österreicherin Eva Reisinger in ihrer Serie. Sie lebt halb in Berlin und halb in Wien und erzählt euch, was ihr jeden Monat über Österreich mitbekommen müsst, worüber das Land streitet oder was typisch österreichisch ist. Wenn du unseren Österreich-Newsletter abonnierst, bekommst du ihn alle zwei Wochen in dein Postfach.


Anmerkung der Redaktion, 21.01.2019: Dieser Artikel erschien bereits im vergangen Jahr und wurde geupdatet.