Das sagen Späti-Besitzer*innen vom Kottbusser Tor in Berlin dazu, dass sie sonntags schließen sollen

Berliner Spätis, die mehr als Tabakwaren oder Getränke in den Regalen haben, sollen an Sonntagen geschlossen bleiben. Wir haben drei Besitzer*innen gefragt, was das für ihr Geschäft bedeutet.

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"Das meiste Geld verdienen wir an Sonntagen", sagt Gülten. Sie und ihre Familie betreiben einen Späti in Berlin Kreuzberg. Foto: Elif Küçük

Sonntags noch mal schnell beim Spätkauf eine Packung Eier besorgen – manche Berliner*innen könnten immer öfter vor verschlossenen Türen stehen. Denn Berliner Spätis müssen grundsätzlich sonntags geschlossen sein, es sei denn, sie verkaufen Artikel, die ausschließlich zur Versorgung von Tourist*innen dienen, also: Postkarten, Souvenirartikel, Getränke oder Tabakwaren. Das hat das Berliner Verwaltungsgericht am Mittwoch noch mal bekräftigt.

Tatsächlich ist die Regelung nicht neu. Bereits 2016 wurde dies im neuen Berliner Ladenöffnungsgesetz beschlossen. Und schon damals gab es Protest – von Kund*innen und Besitzer*innen. Im selben Jahr sammelte eine Petition knapp 39.000 Unterschriften.

In Berlin gibt es rund 900 Spätis, viele davon in Kreuzberg

Die Diskussion ist in diesen Tagen nun erneut aufgekommen, weil die Inhaberin eines Berliner Spätkaufs gegen den Beschluss klagte. Sie hatte im Jahr 2016 ihren Laden sonntags geöffnet und neben Souvenirs und Postkarten für Tourist*innen auch Getränke, Kaffeepulver, Milch, Toastbrot, Zucker, Honig und ähnliches angeboten. Dafür wurden ihr 1.500 Euro Zwangsgeld angedroht, wogegen sie vorging. Doch das Verwaltungsgericht in Berlin befand, dass sie im Unrecht ist, denn der Späti werde auch dazu genutzt, die nähere Umgebung zu versorgen und nicht nur Tourist*innen, wie eigentlich vorgesehen.

Andere Verkaufsstellen wie etwa Apotheken dürfen sonntags geöffnet bleiben. Das betrifft auch Tankstellen, wobei hier das Gesetz anmerkt: „Tankstellen für das Anbieten von Ersatzteilen für Kraftfahrzeuge, soweit dies für die Erhaltung oder Wiederherstellung der Fahrbereitschaft notwendig ist, sowie für das Anbieten von Betriebsstoffen und von Reisebedarf.“

Rund 900 Spätis gibt es in Berlin, viele davon in Kreuzberg am Kottbusser Tor. Und viele von ihnen führen ein abwechslungsreiches Sortiment. Wir haben drei Besitzer*innen gefragt, was sie von der Regelung halten – und was das für ihren Späti bedeutet.

Yusuf, 46 Jahre alt, sein Freund betreibt den Späti seit neun Jahren

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Für Yusuf werden die Sonntage erträglicher, wenn Spätis geöffnet haben. Foto: Elif Küçük

Spätis bringen Schwung in die Gesellschaft. Sie machen die Straßen lebendig.

„Die Regelung ist absoluter Schwachsinn. Der Name Spätkauf spricht doch schon für sich: Er muss nonstop geöffnet sein. Dem Laden schadet das definitiv. Umsatzmäßig ist das ein großer Verlust. Wir müssen sonntags auf jeden Fall da sein. Seit meiner Kindheit schon hasse ich Sonntage, weil alles dicht und so ruhig ist. Spätis bringen Schwung in die Gesellschaft. Sie machen die Straßen lebendig.“

Gülten, 56 Jahre alt, betreibt den Späti seit 15 Jahren gemeinsam mit ihrer Familie

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Gülten und ihre Familie mussten in der Vergangenheit Strafgelder zahlen. Foto: Elif Küçük

Das meiste Geld verdienen wir an Sonntagen.

„Da wir viele Zeitschriften verkaufen, gibt es für unseren Laden eine Sonderregelung: Wir dürfen ihn sonntags bis 16 Uhr öffnen – aber keine Getränke verkaufen. Vor zwei Jahren war das Ordnungsamt hier auf der Oranienstraße oft unterwegs, in letzter Zeit lassen sie uns mehr in Ruhe. Als mein Sohn mal an einem Sonntag im Laden eine Cola verkauft hat, wurde er von Ordnungsbeamten beobachtet. Wir mussten 400 Euro Strafe zahlen. Ein mal haben wir eine Strafe bekommen, weil sie beobachtet haben, dass um 16.05 Uhr jemand aus unserem Laden herauslief. Es war aber einfach so viel los drinnen, die Türe war bereits verschlossen. Und ich kann die Leute ja nicht gleich rausschmeißen, weil es fünf Minuten nach vier ist! In den Supermärkten läuft das doch oft ähnlich.

Wir leben von dieser Arbeit. Es gibt hier so viele Spätis, und die Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Mieten zu zahlen, die enorm gestiegen sind. Manche Verträge werden erst gar nicht verlängert, die Menschen werden verdrängt. Die Leute aus dem Kiez gehen zum Einkauf in die Supermärkte. Sogar die haben ja bis Mitternacht geöffnet. Auch wir verkaufen hier alles mögliche: Toilettenpapier, Hygieneartikel, manchmal kommen Menschen und fragen verschämt nach Kondomen (lacht). Aber das meiste Geld verdienen wir an Sonntagen. In der Woche verkaufen wir eigentlich nur Zigaretten, den meisten Gewinn machen wir mit Getränken am Wochenende.

Gerade für Migrant*innen, die hier keine Ausbildung machen konnten, ist das die einzige Chance, ihr Brot zu verdienen.

Die meisten Spätis sind Familienbetriebe. Nur so können sie überleben. Angestellte könnten wir gar nicht finanzieren. An manchen Tagen liegt unser eigener Stundenlohn hochgerechnet bei zwei Euro. Wir sind in den 1980er-Jahren als Erwachsene aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Zunächst haben wir in Fabriken gearbeitet. Als wir etwas angespart hatten, haben wir diesen Laden eröffnet. Gerade für Migrant*innen, die hier keine Ausbildung machen konnten, ist das die einzige Chance, ihr Brot zu verdienen. Wir arbeiten Tag und Nacht, an allen Feiertagen, von acht Uhr morgens bis Mitternacht. Und wir zahlen unsere Steuern. Es ist eine sehr erschöpfende Arbeit, aber was gibt es Schöneres, als dass wir auf unseren eigenen Beinen stehen können? So können wir unseren Kindern eine gute Ausbildung bieten.“

Rıza, 63 Jahre alt, Späti-Besitzer seit 26 Jahren

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Späti-Besitzer Rıza mit seinem Enkelkind. Foto: Elif Küçük

Diese Regelung wird uns sehr schaden.

„Sonntags machen wir ein gutes Geschäft. Mit dem Gewinn an diesen vier Sonntagen im Monat können wir unseren Laden über Wasser halten. In der Woche läuft es nur gut, wenn viele Tourist*innen einkaufen. Es gibt ja jetzt überall so viele Spätis und Supermärkte. Früher sind die Leute sogar aus anderen Kiezen zu unserem Laden gefahren! Diese Regelung wird uns sehr schaden. Wir arbeiten hier seit 26 Jahren alle zusammen: Ich, meine Frau, mein Sohn, meine Tochter – so kommen wir über die Runden. Wenn wir sonntags schließen, gehen die jungen Leute zu den Tankstellen. Und in den Bahnhöfen sind riesige Supermärkte rund um die Uhr geöffnet.“