Das sind die Favoriten des Eurovision Song Contest 2019

Am 18. Mai steigt in Tel Aviv der Eurovision Song Contest 2019. Unsere ESC-besessene Autorin stellt euch die Beiträge vor, die bei den Buchmacher*innen aktuell vorn liegen. Und ja: Es sind alles Männer.

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Sergey Lazarev (links) und Duncan Laurence (rechts) sind zwei der Top-Favoriten für den ESC. Foto: Getty Images / Michael Campanella und Sander Koning

Die Terminquerelen des israelischen Veranstalters sind vergessen, Madonna ist eingekauft: Der 64. Eurovision Song Contest mit dem Motto „Dare to Dream!“ kann endlich beginnen. Damit ihr über die Titelanwärter*innen Bescheid wisst, haben wir einen Blick auf die aktuellen Wettquoten (Stand: 10. Mai 2019) geworfen. Spannend: Vier der derzeitigen Top Five – übrigens nur Männer – müssen erst einmal das zweite Semifinale (die Halbfinals steigen am 14. und 16. Mai) passieren. Ob es da vielleicht schon Favoritenstürze gibt?

1. Niederlande: Duncan Laurence – Arcade

Nackt wie in seinem Musikvideo tritt der The Voice of Holland-Finalist sicher nicht auf – aber solche Effekthascherei hat er auch nicht nötig. Duncan Laurence ist seit Wochen der Top-Anwärter auf den diesjährigen Sieg und stimmt die Niederländer überaus optimistisch für einen fünften Triumph. Sein tieftrauriges Arcade ist schlicht, aber alles andere als schlecht: Die ruhige melodische Popnummer dürfte nicht nur bei Liebeskummer-Geplagten die Tränen kullern lassen, wenn Duncan glaubhaft leidend singt: „Loving you is a Losing Game“. Es bleibt abzuwarten, ob der 25-Jährige stimmlich auch live brillieren kann und auf der großen Bühne wirklich der Funke überspringt. Die Voraussetzungen dafür sind da: Ilse DeLange, die 2014 als weiblicher Part der Common Linnets nur knapp den Titel verfehlte, wird dem Sänger als Mentorin zur Seite stehen, wenn er mit leisen Tönen das Semifinale passiert und auf den Thron zusteuert. Steigt der ESC 2020 wirklich in Amsterdam? Tel Aviv will tell.

2. Russland: Sergey Lazarev – Scream

Es ist gerade einmal drei Jahre her, als Sergey Lazarev in Stockholm versuchte, mit einer spektakulären, aber vielen zu überfrachteten Bühnenshow – wir erinnern uns an die 3D-LED-Wand, an der er hochkletterte – die ESC-Krone zu holen. Am Ende reichte es nur für Platz 3, und nachdem Russland zuletzt nicht einmal das Halbfinale überstand, soll mit dem Routinier dieses Jahr nichts anbrennen. Die Russ*innen schicken den intern gewählten 36-Jährigen mit Scream auf Europas Bühne zurück: ein Song, der das Publikum entweder vor Verzückung oder vor Entsetzen schreien lassen wird. Nach dem damaligen Dance-Titel unternimmt der ehemalige Boygroup-Sänger nun einen Ausflug ins Land der Schmachtballaden. Geradezu musicalhaft mutet sein Drama über den Kampf gegen Kindheitsängste an. Stimmlich sollte der Moskauer die Nummer, auch dank starker Backgroundsänger*innen, im Griff haben. Fraglich ist, ob die ambitionierten Russ*innen beim Staging die Balance zwischen stimmiger Performance und pathetischer Überinszenierung finden.

3. Schweden: John Lundvik – Too late for Love

Beim diesjährigen Melodifestivalen landete John Lundvik weit vor allen anderen. Das kennt er aus seiner Sportlerzeit, denn das Herz des gebürtigen Briten, der bei Adoptiveltern in Småland aufgewachsen ist, schlug früher vor allem für die Leichtathletik – bis er 2010 den Hochzeitssong für Kronprinzessin Victoria schrieb und einen Hit landete. Die Luft für das stimmgewaltige Too late for Love hat der 36-Jährige also und macht mit seiner lässigen, sympathischen Attitüde die etwas berechenbare Komposition zum Feel-Good-Song. Dass Soulklänge und Gospelchöre beim Eurovision Song Contest funktionieren, hat der Österreicher Cesár Sampson mit dem 3. Platz im letzten Jahr bewiesen. Ob es eine gute Entscheidung der erfolgsverwöhnten Schwed*innen ist, ein Jahr später eine ähnliche Nummer zu bringen, muss sich – das Finale sollte auf jeden Fall drin sein – zeigen. John hat ohnehin ein zweites Eisen im Feuer: Er gehört auch zum Komponist*innen-Team des UK-Beitrags, dem die Buchmacher*innen allerdings keine Siegchancen einräumen.

4. Italien: Mahmood – Soldi

Als er das legendäre Sanremo-Festival überraschend vor Hochkarätern wie Il Volo gewann, schmeckte das Nationalist*innen wie Matteo Salvini so gar nicht: Mahmood singt seine eingängige Elektropop-Nummer zwar in Landessprache, aber das reicht manchen bei einem gebürtigen Mailänder mit ägyptischen Wurzeln anscheinend nicht, um Italien in Israel zu vertreten. Vielleicht liegt es auch an seiner Story: Im Gegensatz zu Michael Schulte, der seinen verstorbenen Vater in höchsten Tönen besungen hat, schlägt Mahmood einen härteren Ton gegenüber seinem Erzeuger an, der sich nicht für die Familie, sondern nur für Soldi, Geld, interessiert. Keine Lobeshymne also – und doch geht das Lied dank abwechslungsreichem und im besten Sinne massentauglichem Rap und einem hängenbleibenden Clap-Part ins Ohr. Wir dürfen gespannt sein, wie der 26-Jährige, der 2018 den Sommerhit Nero Bali geschrieben hat, seine Anklage auf der ESC-Bühne inszeniert. Denn das könnte einer der wenigen Stolpersteine auf dem Weg an die Spitze sein.

5. Aserbaidschan: Chingiz – Truth

In den ersten Jahren nach ihrem Debüt 2008 hatte die Kaukasus-Republik ein Abo auf die vorderen Plätze und konnte das ESC-Spektakel mit dem überraschenden Sieg von Ell & Nikki 2011 in Düsseldorf sogar in die Hauptstadt Baku holen. Zuletzt hat es aber für Aserbaidschan nicht einmal fürs Finale gereicht und auch der aktuelle Beitrag des 28-jährigen gebürtigen Russen Chingiz (ESC-Kenner belächeln das Wortspiel) schoss in den Wettquoten erst vor wenigen Tagen in die Top 5 – wenig überraschend allerdings, denn der Popsong Truth gehört zu den wenigen Liedern, die gute Chancen haben, auch im Radio gespielt zu werden. Der eingängige Refrain dürfte die Fanchöre im Publikum zum Mitsingen animieren. Ob es für den ehemaligen Pop Idol-Gewinner, der seine Freizeit unter anderem mit Yoga und Kung Fu verbringt, ganz nach oben geht, hängt wohl neben seiner Live-Performance auch davon ab, ob den Europäer*innen in diesem Jahr der Sinn eher nach echtem Tiefgang oder nach tanzbarer Gute-Laune-Musik steht.

Wenn ihr mich fragt – meine persönliche Einschätzung

Auch wenn der ESC ein Liederwettbewerb ist und der Song im Mittelpunkt stehen sollte – ohne stimmige Interpretation und Inszenierung besteht keine Chance auf den Titel. Deswegen ist es schwierig, die Siegchancen einzuschätzen, ohne die finale Bühnenshow zu kennen. Ungesehen glaube ich darum derzeit nicht an einen haushohen Sieg der Niederländer. So sehr ich Arcade mag, traue ich dem erfahrenen Sergey Lazarev die überzeugendere Performance zu. Mein Verstand tippt somit auf Russland, mein Herz schlägt für die Niederlande. Musikalisch holt mich Mahmood allerdings am meisten ab (obwohl ich kein Rap-Fan bin), sodass ich Italien den ersten Platz am meisten gönnen würde. Denn die anderen Top-Beiträge sind mir zu kalkuliert und weichgespült.

Mein persönliches Dark Horse kommt übrigens in diesem Jahr aus Griechenland, das mit der in Athen lebenden Kanadierin Katerine Duska und dem sehr modernen Better Love, einem Song über Schönheitswahn und Selbstliebe, antritt. Starke Botschaft, ungewöhnliche Stimme: Da ist hoffentlich mehr drin als ein momentaner 11. Platz.

Ach, und dann gibt es ja auch noch den deutschen Beitrag Sister von S!sters: Ich beteilige mich ungern am Vorab-Bashing, aber ich muss zugeben: Selten hat mich ein Vorentscheid so empört wie dieses Jahr. Während ich mich früher fast immer noch mit unserem Song anfreunden konnte, gelingt es mir diesmal auch mit bestem Willen nicht. Das hat wenig mit den Interpretinnen zu tun, die in Tel Aviv ihr Bestes geben werden, sondern damit, dass mich weder die gut gemeinte Message noch die musikalische Umsetzung überzeugt. Wenn der Song überhaupt hängenbleibt, dann aufgrund des dezenten Nervfaktors im Refrain. Ich wäre überrascht, wenn es Sister (derzeit laut Prognosen auf Platz 27 von 41) unter die Top 20 schafft. Das Wundpflaster, das Michael Schulte der geschundenen deutschen Grand-Prix-Seele aufgelegt hat, wird wohl noch eine Weile halten müssen. Aber wer weiß: Wenn mich der Contest in zwei Jahrzehnten aktiven Mitfieberns etwas gelehrt hat, dann, dass er unberechenbar ist. Zwar gibt es in Zeiten des Internets weniger Überraschungen an der Spitze als früher, aber eins ist sicher: Sicher ist beim ESC nichts.

Den aktuellen Stand der Plätze könnt ihr euch hier ansehen.