Das sind die häufigsten Missverständnisse, wenn du mit dem Meditieren beginnst

„Wann werde ich glücklicher?“ „Ich schaffe es nicht, an nichts zu denken.“ Wer anfängt zu meditieren, hat manchmal falsche Vorstellungen. Wir haben mit dem Gründer einer Meditations-App über die häufigsten gesprochen.

Meditieren: Das sind die häufigsten Missverständnisse, wenn du beginnst

Nicht schlimm, wenn deine Meditationen nicht so aussehen. Foto: Jared Rice / Unsplash | CC0

Du sitzt im Lotussitz auf einer Matte aus Bambus, im Hintergrund rauscht das Meer, die Morgensonne wärmt dein Gesicht. Deine Handrücken ruhen auf den Knien, die Augen sind geschlossen und du konzentrierst dich nur auf deinen Atem – und denkst an Nichts.

Die Realität dürfte eher so aussehen: Du sitzt mit geschlossenen Augen auf deiner Couch, statt dem Meer rauscht der Verkehr an deinem Fenster vorbei und in deinem Kopf herrscht Chaos wie in einem Käfig voller Affen. Nach fünf Minuten fragst du dich, wie lange du noch so sitzen bleiben sollst und bist erleichtert, wenn nach fünf weiteren Minuten der Schluss-Gong deiner Meditations-App erklingt.

„Das soll alles sein?“ oder „Hab ich es falsch gemacht?“ sind vermutlich die typischen Fragen, die dir nach den ersten paar Mal Meditieren durch den Kopf gehen. Die Antworten: Ja, soll es, und nein, hast du nicht. Dass dir diese Fragen in den Sinn kommen, hat auch viel mit den Vorstellungen zu tun, die viele von uns noch von Meditation haben. Zottelige Gurus, asketische Mönche oder eben das Bild von einer Person am Strand, die total in sich ruht.

Anzahl der meditierenden Menschen steigt

Vorstellungen von Meditation und die Realität sind ein bisschen wie Liebe in Hollywood-Filmen und unsere eigenen Beziehungen. Es glitzert irgendwie nicht so toll, aber das heißt noch lange nicht, dass es nicht schön sein kann.

Sicher ist, dass die Anzahl jener steigt, die sich für Meditation interessieren. In den USA hat sich zum Beispiel der Prozentsatz der Menschen, die es zumindest einmal versucht haben, seit dem Jahr 2012 mehr als verdreifacht – von 4 auf 14 Prozent. Das geht aus einer Querschnittsstudie des US-Gesundheitsministeriums hervor, für die mehr als 25.000 Menschen über 18 Jahren befragt wurden.

Wie viele nach dem ersten Versuch weitermachen, geht aus der Studie nicht hervor. Denn Meditieren kann frustrieren. Vor allem dann, wenn man falsche Vorstellungen oder Erwartungen hat. Wir haben mit Manuel Ronnefeld über die häufigsten Missverständnisse von Menschen gesprochen, die mit dem Meditieren beginnen. Der 30-Jährige ist Gründer der Meditations-App 7Mind, die nach eigenen Angaben eine halbe Million Nutzer*innen hat. Er meditiert selbst seit etwa neun Jahren täglich – wenn möglich morgens für 20 Minuten.

Warum werde ich nicht glücklicher?

„Meditation ist kein Heilsversprechen. Es ändert nicht die Welt, aber es tut mir gut“, sagt Ronnefeld über seine eigene Meditationspraxis und verweist auf ein Buch des ebenfalls meditierenden US-Fernsehmoderators Dan Harris. Der schreibt, dass er durch Meditation zehn Prozent glücklicher geworden sei und hat sein Buch darum 10 % happier genannt. „Ich würde sagen, das trifft es gut“, sagt Ronnefeld.

Aber selbst dieser Ansatz ist vielleicht schon übertrieben, schließlich verkaufen beide Produkte, die mit Meditation zu tun haben. Am besten erwartest du gar nichts, weder mehr Glück noch mehr Gelassenheit. Beim Meditieren geht es nicht darum, etwas zu tun oder zu erreichen, sondern einfach zu sein und zu beobachten – deine Gedanken, deinen Atem, deinen Körper.

Ich schaffe es nicht, an nichts zu denken

„Es ist nicht das Ziel, an nichts zu denken“, sagt Ronnefeld. Vielmehr gehe es darum, zu einer Art Beobachter*in der eigenen Gedanken und Gefühle zu werden. Auch wenn Ronnefeld meditiert, taucht alle paar Sekunden ein neuer Gedanke oder ein Gefühl auf. Dann dauert es meistens noch einige Sekunden und ihm wird klar, dass seine Aufmerksamkeit von seinem Atem abschweift. Dann vermerkt er kurz – ah, ein Gedanke, ah, ein Gefühl – und konzentriert sich wieder auf den Atem. „Ich versuche, sie wie einen Strom an mir vorbeiziehen zu lassen“, sagt Ronnefeld. Du kannst deine Gedanken und Gefühle also nicht kontrollieren oder unterdrücken, aber du hast Einfluss darauf, wie viel Raum du ihnen gibst.

Ich habe keine Zeit

Täglich 45 Minuten. Wenn du es wirklich ernst meinst. Das ist die Empfehlung aus The Mind Illuminated, einer zehnstufigen Meditationsanleitung und aktuell ein Bestseller. Für Anfänger*innen dürfte das in den meisten Fällen allerdings eine viel zu hohe Hürde sein. Eine wesentlich kürzere Zeit funktioniert ebenfalls. „Auch fünf Minuten reichen schon“, sagt Ronnefeld. Also lieber häufiger und kürzer meditieren, als zwanghaft zu versuchen, 30 Minuten am Stück hinzubekommen.

Ich kann nicht im Schneidersitz sitzen

Musst du auch nicht. Natürlich ist es toll, wenn du den Lotussitz kannst. In ihm bist du nahe am Boden, die Sitzhaltung ist symmetrisch und deine Wirbelsäule gerade. Es bringt aber auch nichts, wenn du dir die Knie zerstörst und keine Sekunde still sitzen kannst. Tatsächlich ist es aber fast egal, wie du sitzt. „Wichtig ist, dass du halbwegs aufrecht sitzt und die Wirbelsäule gerade ist“, sagt Ronnefeld. Theoretisch kannst du sogar im Liegen meditieren, allerdings besteht dann die Gefahr, dass du einschläfst.

Ich habe keinen Ort, an dem es völlig ruhig ist

Nicht jede*r von uns hat einen Bergbach oder einen Sandstrand um die Ecke, an dem er*sie sich hinsetzen kann, um in Ruhe zu meditieren. Natürlich ist es vor allem zu Beginn einfacher, an einem stillen Ort zu sein. Es fällt dir leichter, dich auf den Atem zu konzentrieren und du wirst weniger leicht abgelenkt. Es macht aber nichts, wenn du in deinem Zimmer sitzt und nebenan die Waschmaschine läuft oder draußen Autos vorbeifahren. „Wichtig ist nur, dass du nicht plötzlich von jemandem angesprochen wirst“, sagt Ronnefeld. Mit den eigenen Kindern im Wohnzimmer wird es also schwierig, im Zug oder Flugzeug kann es hingegen gut klappen.

Nicht zur Selbstoptimierung geeignet

Meditieren ist also weniger kompliziert und mystisch, als du vielleicht gedacht hast. Im Kern geht es darum, sich hinzusetzen, auf den Atem zu achten, ihn nicht zu steuern, ihn zu beobachten. Sobald ein Gedanke oder ein Gefühl kommt, tippst du dich innerlich selbst kurz an und kehrst mit der Aufmerksamkeit zum Atem zurück.

Ob es dir wirklich hilft, weniger gestresst oder gelassener zu werden – kann sein, muss aber nicht. Es gibt viele Studien, die zeigen sollen, wie gesund meditieren ist, aber auch solche, die sagen, dass du dadurch kein besserer Mensch wirst. Wenn du dich selbst optimieren willst, ist Meditation wahrscheinlich das Falsche für dich. Es ist kein Weg, um stressresistenter zu werden und im Job mehr leisten zu können. Wenn du dich selbst aber besser kennenlernen möchtest oder dich dafür interessiert, ob du wirklich die Kontrolle darüber hast, was du gerade denkst, ist es einen Versuch wert. Jetzt weißt du zumindest, dass du dafür weder einen Lotussitz noch einen Strand brauchst.