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Das sind die letzten lebenden Augenzeug*innen des Holocaust

Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des KZs Auschwitz-Birkenau hat der Fotograf Martin Schoeller 75 Holocaust-Überlebende porträtiert.

Naftali Fürst wurde 1932 in Bratislava, Tschechoslowakei (heute Slowakei) geboren. Wie seine Familie wurde er ins Konzentrationslager Sered’ gebracht. Naftali wurde ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dann auf einen der Todesmärsche zum Konzentrationslager Buchenwald gesandt. „Es ist so wichtig, Erinnerungsprojekte wie dieses zu unternehmen. Wer noch in der Lage ist, seine Geschichte zu erzählen, sollte das auch weiterhin tun. Es ist unsere Pflicht, im Namen der Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, unsere Geschichten immer wieder zu erzählen.“ Foto: © Martin Schoeller
Marta Wise wurde 1934 in Bratislava in der heutigen Slowakei geboren. Sie gab sich als Arierin aus. Sie wurde ins Arbeitslager Sered’ und dann ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. „Wir Juden müssen wachsam sein und immer stolz darauf, wer wir sind, denn wir sind das Volk der Überlebenden, und sie [die Nazis] sind die Ungeheuer, die das menschliche Leben nicht wertschätzten und Millionen ermordet haben.“ Foto: © Martin Schoeller
Moshe Trossmann wurde 1932 in Rokitna, Polen (heute Ukraine) geboren. Er musste ins Ghetto von Rokitna übersiedeln. Vor der Auflösung des Ghettos flohen er und seine Familie. Moshe erlitt eine Schussverletzung und sein Vater trug ihn in den Wald. Er versteckte sich im Wald und schloss sich dann einer Gruppe von Partisanen an. „Wir dürfen nie, unter keinen Umständen, vergessen, was passiert ist. Wir müssen weiterhin unsere Geschichte erzählen, damit die Welt davon weiß und sich daran erinnert, was wir durchgemacht haben. Wir müssen den Opfern des Holocaust gedenken – ganze Familien, Männer, Frauen und Kinder – die ermordet wurden, nur weil sie Juden waren.“ Foto: © Martin Schoeller
Hannah Goslar-Pick wurde 1928 in Berlin geboren. Sie und ihre Familie zogen nach Amsterdam. Von dort wurden sie ins Durchgangslager Westerbork gebracht und dann ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. „Alle Menschen wurden nach dem Abbild Gottes geschaffen. Wir sind alle gleich. Ganz gleich, welche Hautfarbe oder Religion wir haben, wir sollten versuchen, in Frieden zusammenzuleben. Ich weiß, dass das sehr schwer ist, doch wir sollten uns stärker bemühen, miteinander auszukommen.“ Foto: © Martin Schoeller
Martin Schoeller und der Yad-Vashem-Vorsitzende Avner Shalev in den Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Foto: © Martin Schoeller Studio
Martin Schoeller und der Zeitzeuge Miki Goldmann-Gilead. Foto: © Martin Schoeller Studio
Blick in die Ausstellung. Foto: © Jochen Tack / Stiftung Zollverein

Blättert man das Fotobuch Survivors durch, blicken einem ernste Gesichter entgegen. Die gut ausgeleuchteten Porträts verbergen nichts, man erkennt jedes Gesichtsfältchen, jede Stirnfurche, jedes Muttermal, jedes geplatzte Äderchen. Die Bildunterschriften verraten, dass die Porträtierten in den 1920er oder 30er-Jahren in den verschiedensten Teilen Europas geboren wurden, manche sogar noch weiter weg, in Tunesien beispielsweise. Ihre Augen erzählen vom Älterwerden, vom Leben und vom Überleben. Sie alle eint eine Erfahrung: Sie haben den Holocaust, die Schoah, überlebt.

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Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau fotografierte der deutsche Fotograf Martin Schoeller 75 Holocaust-Überlebende in ihrer jetzigen Heimat Israel. Survivors – Faces of Life after the Holocaust heißt das Erinnerungsprojekt, das Schoeller gemeinsam mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und der Stiftung für Kunst und Kultur Bonn realisierte. Seit dem 20. Januar hängen die Fotos in den Räumen der Zeche Zollverein in Essen. Zur Ausstellungseröffnung kam nicht nur die Bundeskanzlerin Angela Merkel, sondern auch der Holocaust-Überlebende Naftali Fürst. Er ist einer der Porträtierten.

„Es ist so wichtig, Erinnerungsprojekte wie dieses zu unternehmen“, sagt Fürst über die Ausstellung. „Wer noch in der Lage ist, seine Geschichte zu erzählen, sollte das auch weiterhin tun. Es ist unsere Pflicht, im Namen der Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, unsere Geschichten immer wieder zu erzählen.“ Fürst wurde 1932 in Bratislava in der heutigen Slowakei geboren. Er wurde ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und vor dessen Befreiung auf einen der Todesmärsche in Richtung des KZ Buchenwald geschickt.

Es ist unsere Pflicht, im Namen der Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, unsere Geschichten immer wieder zu erzählen.

Naftali Fürst, Überlebender

Wie erzählt man künftigen Generationen von den Grauen des Holocaust?

Zeitzeug*innen des Holocaust gibt es immer weniger. Im Jahr 2019 verstarben in Israel mehr als 14.000 Überlebende der Schoah, wie die Jüdische Allgemeine mit Verweis auf einen Bericht der israelischen Regierung darlegt. Künftige Generationen werden nicht mehr die Möglichkeit haben, Zeitzeug*innen gegenüber zu sitzen, ihre Geschichten zu hören, von ihnen zu lernen.

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Doch die Fotografien Schoellers werden die persönliche und kollektive Geschichte der Zeitzeug*innen auch dann noch erzählen, wenn diese es einmal nicht mehr selbst können.

„Die Kinder meiner Generation wuchsen mit einem ungeheuren Schuldgefühl und völlig fassungslos auf: Wie hatte die Generation der Großeltern solche Gräueltaten in einem noch nie dagewesenen, unmenschlichen Maßstab begehen können?“, sagt der Fotograf Martin Schoeller über sein Projekt. Ihn erschrecke es, zu sehen, wie salonfähig Antisemitismus in Europa momentan wieder werde. „Mehr denn je verspüre ich daher eine große Verantwortung, gegen Antisemitismus anzugehen, wo immer ich ihn erlebe, und dazu beizutragen, dass es nie wieder so etwas wie den Holocaust geben wird“, so Schoeller. „Wir sind verantwortlich für unsere Geschichte. Und ich glaube, dass wir nur dann als Menschen vorankommen können, wenn wir bereit sind, aus der Geschichte zu lernen.“

Wir sind verantwortlich für unsere Geschichte.

Martin Schoeller

Begleitend zur Ausstellung erschien das gleichnamige Fotobuch beim Steidl Verlag. Dort sind alle 75 Zeitzeug*innen mit Foto, einer knappen Biografie und einem Zitat abgebildet. Einer von ihnen ist Shmuel Bogler, der 1929 in Bodrogkeresztúr, Ungarn, geboren wurde. Er wurde zunächst ins Ghetto von Sátoraljaújhely deportiert, später ins Arbeitslager Kittlitztreben und ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. „Ich habe meine Eltern mit 14 Jahre verloren“, liest man neben seinem Porträt. „Ich glaube, dass die jungen Leute heutzutage wertschätzen sollten, dass sie die Zeiten, die ich erlebt habe, nicht erleben müssen und nicht erleiden müssen, was ich durch die Hände der Deutschen erleiden musste.“

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wurde am 27. Januar 1945 von Truppen der Roten Armee befreit. Innerhalb von vier Jahren töteten etwa 9.600 deutsche Täter hier mehr als eine Million Menschen.

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