Das sind die Obdachlosen des Kältebahnhofs Berlin Lichtenberg

Unser Autor ging mit Stift und Skizzenbuch an Orte, wo Obdachlose Schutz vor der Kälte des Winters suchen, und zeichnete sie. Er wollte wissen, wer die Menschen sind und was sie zu erzählen haben. Sieben Porträts

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Sebastian Lörscher hat Obdachlose in Berlin gezeichnet. | Foto: Sebastian Lörscher

Sebastian Lörscher ist Zeichner und Autor in Berlin. Für seine gezeichnete Reportage über die Obdachlosen Berlins hat er den Kältebahnhof Lichtenberg besucht. Die Menschen vor Ort porträtierte er. Sie erzählten ihm, wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden, wie sie in die Obdachlosigkeit abrutschten und was sie sich von der Zukunft wünschen.

Uwe

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Uwe | Zeichnung: © Sebastian Lörscher

Uwe: „Wir sind Schatten. Schatten der Gesellschaft. Wir existieren, aber der Gesellschaft sind wir doch ein Dorn im Auge. Man will uns doch eigentlich gar nicht sehen. Man redet nicht mit uns, nennt uns Penner und Asi. Wir sind den Leuten peinlich oder sie haben Angst, sich mit uns zu beschäftigen. Für die meisten sind wir doch nur Dritte- oder Vierte-Klasse-Menschen, für die meisten sind wir doch nur der Abschaum.“

Dennis

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„Ich habe nicht die richtigen Worte, um exakt das auszudrücken, was ich denke. Darum forste ich mich jede Nacht kreuz und quer durch den Duden und lerne neue Begriffe und Definitionen. So lange, bis ich irgendwann meine Theorien formulieren kann.“ | Zeichnung: © Sebastian Lörscher

Dennis: „Ich bin ein Suchender nach Worten. Ich mache mir viele Gedanken über die Ängste der Menschen. Ihre Angst vor Verlust ihres Eigentums, ihrer Macht, ihres Status’, ihrer Komfortzone. Ihre Angst vor dem Fremden, vor dem, das nicht so ist wie sie. Die Menschen geben ihre Ängste weiter und projizieren sie auf ihre Kinder und die folgenden Generationen. Aus Angst entsteht Gewalt, das sieht man nicht zuletzt hier im Bahnhof. Diesen Fortlauf zu durchbrechen, dafür würde ich gerne eine Lösung finden. Wir Menschen, wir können doch alle so viel mehr als das hier. Wir alle.

Ich habe schon einiges dazu im Kopf, aber ich habe noch nicht den Eindruck, dass ich genügend Worte habe, um exakt das auszudrücken, was ich denke. Darum forste ich mich jede Nacht kreuz und quer durch den Duden und lerne neue Begriffe und Definitionen. So lange, bis ich irgendwann meine Theorien formulieren kann.

Bis vor einem Jahr habe ich Informatik und Philosophie studiert. Ich hatte Schulden, die ich nicht begleichen konnte, und bin aus meiner Wohnung geflogen. Zu Beginn bin ich bei Freunden untergekommen, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr, ihnen ständig zur Last zu fallen. So habe ich mich entschieden, auf der Straße zu leben.

Für den Moment will ich erst mal nicht mehr ins normale Leben zurück. Man hat ja immer die Wahl, ob man sesshaft oder Nomade sein will. Und ich will die Welt sehen. Irgendwann, wenn ich 60 bin, brauche ich das nicht mehr machen, warum also nicht jetzt?“

Kerstin

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„Glaubst Du, es gibt Menschen, die kein Talent haben? Wenn ich eins hätte, dann wäre ich doch wohl nicht hier, oder?“ | Zeichnung: © Sebastian Lörscher

Kerstin: „Ich habe Scheiße gebaut, das weiß ich. Ich war auf Alkoholentzug und habe im Betreuten Wohnen gelebt. Nebenbei habe ich ein unbezahltes Praktikum in einer Klinik gemacht und mich um demente Menschen gekümmert. An einem Tag ist mir alles zu viel geworden. Die ganze Arbeit, die lästernden Kollegen, die unendlich vielen Termine, die ich täglich wegen der Therapie hatte und die immer mehr geworden sind. Ich bin in den Supermarkt gegangen und habe mir eine kleine Flasche Rotwein gekauft. Von da an ging alles bergab. Ich bin rückfällig geworden und kurze Zeit später bin ich aus dem Betreuten Wohnen geflogen.

Jetzt bin ich hier, zwischen all den Leuten, die ständig am Rad drehen. Ich liebe sie echt alle, glaub mir. Ich verstehe mich mit allen und wir sorgen füreinander. Aber ich will einfach mal wieder sein, wo es sich normal anfühlt. Einfach mal wieder am Leben teilnehmen. Bei meiner Tochter sein, tanzend auf einer Party, singend auf einem Konzert.“

Jensen

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„Wenn mehr Leute lächeln würden, dann wäre doch die Welt nicht so schlecht, wie sie gerade ist.“ Zeichnung: © Sebastian Lörscher

Jensen: „Ich gehe arbeiten wie jeder andere auch. Schnorren halt. Ist mein Traumberuf! Seit 28 Jahren mache ich das nun und ich könnte mir nichts Besseres vorstellen.

Ich hatte ein Haus, eine Frau, einen Job. Aber als nach der Wende mein Malermeister-Abschluss nicht mehr das Gleiche wert war und ich noch mal von vorne hätte anfangen müssen, da hatte ich die Schnauze voll. Keinen Bock mehr auf den Staat, keinen Bock mehr auf die Gesellschaft. Also bin ich raus aus dem System. Auch wenn es anfangs schwer war auf der Straße – rückblickend war es die beste Entscheidung meines Lebens.

Auf der Tasche liege ich damit auch keinem. Hartz IV habe ich nicht beantragt, wegen der ganzen Auflagen. Da musst du dich ständig beim Amt melden und wenn du das nicht machst, kriegst du Strafen. Das ist nichts für mich. Ich will frei sein! Und mein Leben genießen. Ich schlafe, so lange ich will, wache morgens auf und mache, wonach mir ist. Wenn ich wegfahren will, setze ich mich in den Bus und fahre nach Paris, nach Barcelona, nach Hamburg, nach Düsseldorf. Ich war schon überall, und in jeder großen Stadt kenne ich Leute.

Eigentlich bin ich Berliner, aber lieber sage ich: Ich bin Erdenbürger. Und wenn du freundlich bist, kommst du ganz schön weit auf dieser Erde. Wie man in den Wald reinruft, so schallt es heraus. Darum schenke ich den Leuten mein Lächeln. Das ist doch das Schönste, was ein Mensch zu verschenken hat.“

Andi

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„Jeder sollte doch eine zweite Chance verdienen. Macht doch jeder mal einen Fehler, oder?“ | Zeichnung: © Sebastian Lörscher

Andi: „Immer nett sein und grinsen! Dann hast du die besten Chancen, dass die Leute dir was geben. Manchmal hab ich aber gar keinen Bock zu grinsen. Muss ich dann aber trotzdem machen. Und irgendwann hab ich das Gefühl, als hätte ich einen Knüppel im Kiefer und der ganze Mund tut mir weh am am Abend … Ich mache das auch gar nicht so gern, das mit dem Zeitungenverkaufen und Schnorren. Ist mir oft einfach unangenehm, die Leute anzusprechen.

Ich denke hier viel über das Leben nach. Und wie alles so weit kommen konnte. Es gibt Leute, die mögen das Leben auf der Platte. Aber da liegst du im U-Bahnhof, in der Kälte, in deinem Durcheinander und deiner Pisse. Du lässt dich beklauen, hörst die ganze Nacht Geschrei, säufst deine drei Flaschen Schnaps am Tag und stinkst so sehr, dass du dich eigentlich gar nicht mehr in die Öffentlichkeit traust. Wo ist denn das schön?

Aber ich hätte es ja besser haben können. Ich war mal vier Jahre lang trocken! Ich war auf Entzug in einem Heim, hatte ein Zimmer mit Möbeln und allem Drum und Dran. Irgendwann gab es dann mal wieder ein klitzekleines Feierabendbier, wie es jeder halt so macht – und vorbei war’s. Ich mache mir viele Vorwürfe deswegen.

Jaja, der Teufel aus der Flasche … Das ist doch ein echtes Problem hier in der Bundesrepublik Deutschland. Dass du so günstig Alkohol bekommst! Du gehst in den Supermarkt, zahlst fünf Euro für eine Flasche Schnaps und 50 Cent für ein Bier. Da ist doch klar, dass man zum Alkoholiker wird.“

Fritz

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„Bei dem ganzen Radau und der Kälte kann man ja kaum weiter denken, als ein Schwein scheißt.“ | Zeichnung: © Sebastian Lörscher

Fritz: „Um die Flüchtlinge kümmert sich die Regierung. Für die ist Geld da, für die werden Container aufgestellt, in denen sie unterkommen können. Warum macht man das nicht für uns?

Ich war Eisenflechter und habe im Stahlwerk gearbeitet. Irgendwann hat der Betriebsarzt gesagt, meine Wirbelsäule könne man nicht mal mehr als Garderobenständer benutzen. Ich habe meine Arbeit verloren und bin auf der Straße gelandet. Und jetzt stecke ich fest: Hast du keine Wohnung, kriegst du keine Arbeit. Hast du keine Arbeit, kriegst du keine Wohnung. Das ist ein Teufelskreis.

Mit meinen alten Knochen hier auf der Platte zu pennen, das ist kein Spaß, das kann ich dir sagen. Der Mensch braucht einfach sein eigenes Zuhause. Wo er die Tür zumachen kann, wo sich keiner mit Krätze in sein Bett legt, wo er seine Ruhe hat.

Mit so einem bisschen Ruhe kann man sich ja ganz anderen Dingen widmen. Wenn ich wieder eine Wohnung habe, besorge ich mir erst mal so eine schöne alte Nähmaschine und fange das Schneidern an. Und Pferdebilder würde ich gern wieder malen, das habe ich früher in meiner Freizeit gemacht. Aber hier im Tunnel geht sowas nicht.“

Wilfried

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„Wenn du in der Scheiße sitzt, musst du die kurzen Momente des Glücks auskosten, so gut es geht.“ | Zeichnung: © Sebastian Lörscher

Wilfried: „Verlust ist mein Lebenselixier geworden. Gestern hat man mir mein Handy geklaut, beim Schlafen aus der Hand heraus. Dafür hab ich heute einen Tennisball gefunden. Was war ich froh, was war ich glücklich! Wenn man nichts mehr hat, dann kann so ein Tennisball Gold wert sein. Was man damit alles machen kann! Und vor allem: Was man darin alles sehen kann. Das Gesicht von Ronald Reagan zum Beispiel, den äußersten Stern des Sonnensystems, die Krallen eines Habichts, das Zepter Ludwigs des XVI. Das alles fällt einem erst auf, wenn man ewig keinen Tennisball mehr in der Hand gehabt hat.

Früher, zu Ostzeiten, war ich Bildhauer und habe aus meinen Holzklötzen all die Dinge geschnitzt, die ich darin gesehen habe. Dieses Leben habe ich verloren, trotzdem versuche ich, die positiven Seiten zu sehen. Ich bin einigermaßen gesund, ich habe gute Leute um mich herum und erfreue mich an den wenigen Dingen, die mir der Alltag so anspült. Auch wenn sie am nächsten Tag oft wieder weg sind.

Jaja, der eine sitzt in seinem Reichtum am Wannsee, der andere sitzt mit einem Tennisball in Lichtenberg am U-Bahnhof. Heißt aber nicht, dass der am Wannsee mehr Freude empfinden kann.“


Mehr von Sebastian Lörscher sowie seine gesamte interaktive Reportage über die Obdachlosen Berlins findet ihr auf seiner Website Website.

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