Das sind die schlimmsten Erfahrungen, die ihr mit dem BAföG-Amt gemacht habt

Die BAföG-Sätze werden erhöht. Ein Grund zur Freude? Nun ja. Eure Erlebnisse mit dem Amt zeigen, dass sich noch vieles verändern muss.

Das sind die schlimmsten Erfahrungen, die ihr mit dem BAföG-Amt gemacht habt

Studieren ist ein Privileg. Schade, dass der Zugang zu BAföG noch immer eine Hürde darstellt. Foto: Jan Woitas/dpa

Ich stehe in der Küche und starre fassungslos auf den Brief, den ich eben aufgerissen habe. 2.100 Euro möchte das BAföG-Amt von mir. So viel haben sie mir angeblich zu viel gezahlt. Mein Kopf rattert. Wenn ich einen Antrag auf Stundung stelle und den Betrag in Raten zurückzahle, brauche ich bei einer Rate von 50 Euro 42 Monate. Dreieinhalb Jahre. Wäre es nicht so deprimierend, wäre es fast schon lustig.

Ich telefoniere mit mehreren Frauen aus unterschiedlichen Abteilungen meines BAföG-Amtes in Berlin-Mitte. Zu diesem Zeitpunkt beziehe ich seit einem halben Jahr kein BAföG mehr. Durch einen neuen Nebenjob erhielt ich am Ende nämlich nur noch 32,50 Euro monatlich vom Amt. Das war mir den bürokratischen Aufwand nicht wert. Und doch soll ich jetzt 2.100 Euro nachzahlen? Die Frauen am Telefon erzählen mir, dass solche Rechenfehler passieren könnten, man könne leider nichts machen. Letztendlich dokumentiere ich auf den Rat meines Vaters alle Einnahmen des letzten Jahres und reiche diese mit einem Antrag auf Neuberechnung ein.

Einige Wochen später stehe ich wieder mit einem Brief in der Küche und bin unsicher, ob ich lachen oder weinen soll. Das BAföG-Amt hat nachgerechnet und festgestellt, dass ihnen wirklich ein Fehler unterlaufen ist. Sie haben mir nicht zu viel ausgezahlt, sondern sogar zu wenig. Man würde mir in den nächsten Wochen 600 Euro überweisen. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, dass ich ohne das Wissen meines Vaters mein Sparbuch aufgelöst, mich monatelang eingeschränkt oder sogar einen Kredit aufgenommen hätte.

Behörde mit vielen Fehlern

Nach einer Reform der BAföG-Sätze sollen in Zukunft mehr Menschen in der Ausbildung mehr Geld bekommen. Das ist erst einmal ein Grund, sich zu freuen. Doch die Horrorgeschichten, die ihr mit dem BAföG-Amt erlebt habt, zeigen, dass die Fördersätze nur eines der Probleme sind, bei denen es einer Reform bedarf.

Ob lange Wartezeiten oder falsche Abbuchungen: Es gibt viele Gründe, sich über die Bürokratie der Ausbildungsförderung…

Gepostet von ze.tt am Donnerstag, 1. August 2019

Doppeltes Lottchen

„Eine Person hat an meiner Uni das gleiche Fach studiert und hatte den gleichen Nachnamen wie ich. Das führte wohl zu Verwirrungen, denn wir bekamen über drei Jahre die Briefe, inklusive Steuerbescheide der Eltern et cetera, der jeweils anderen Person geschickt – was ist schon Datenschutz? Nachdem wir uns zufällig in einem Kurs kennenlernten, konnten wir Nummern austauschen und unsere Briefe dann immer weitergeben.“

Zu viel ausgezahlt? Pech gehabt!

„Sie haben sich bei meinem Satz verrechnet, es ein Jahr lang nicht gemerkt und ich durfte das zu viel ausgezahlte Geld dann wieder abbezahlen…“

„Fünftes Semester, ich musste eine Prüfung aus dem vorherigen Semester ablegen, um weiter BAföG zu bekommen. Diese fand aber zeitgleich mit einer anderen Prüfung statt, die ich auch schreiben musste. Null Verständnis beim Amt, Geld gestrichen. Ich musste für die letzten zwei Semester einen Studienkredit aufnehmen.“

Wartezeiten

„Wenn man den Antrag im März stellt, damit im August alles normal weiter geht, nichts da ist und die Sachbearbeiterin erst am 12. August wieder da ist. Keiner fühlt sich zuständig, mir weiterzuhelfen. Ich kann sehen, wo ich bleibe.“

„Ich habe ganze 13 Monate auf die Bewilligung meines Antrags gewartet, obwohl mein Antrag inklusive aller Nachweise vollständig war.“

Kontakt zur Familie erzwungen

„Ohne BAföG hätte ich nach meiner Ausbildung mein Studium nicht finanzieren können, also bin ich im Vorfeld zur Beratung in die Hochschule gegangen. Als ich meinen Antrag stellte, wurden immer wieder Unterlagen nachgefordert, vor allem von meinen Eltern. Da ich zu beiden keinen Kontakt habe, verlief das nicht zufriedenstellend. Angeblich erfüllte ich die Auflagen für elternunabhängiges BAföG nicht. Ich legte Unterlagen nach, dennoch wurde weiterhin der Weg über meine Eltern eingeschlagen, die vom Amt Post erhielten. Sechs Monate musste ich überbrücken, bis das Amt den Fehler erkannte. Es gab keine Entschuldigung oder sonst irgendwas. Ich hatte durch die Arbeit des Amtes nach 15 Jahren wieder Briefe von meinen Eltern im Briefkasten, die Beschimpfungen enthielten. Gerade um das zu verhindern, war ich zur Beratung gegangen. Nur um am Ende doch wieder nervlich im Arsch zu sein.“

„Ich hatte gleich zwei schlimme Erlebnisse. Die erste während meines Fachabiturs. Die Dame in der Abteilung für Schüler-BAföG hat meine Mutter von oben herab behandelt, weil mein Vater unbekannt ist. Sie ließ so lange nicht locker, bis meine Mutter fragte, ob die Dame noch nie einen One-Night-Stand hatte – dass mein Vater kein ONS war, sondern nur ein Idiot, der die Vaterschaft nicht anerkannt hat, ist ein anderes Thema. Aber die Art, wie wir behandelt wurden … Das zweite Erlebnis war ein paar Jahre später, als ich anfing zu studieren. Ich sollte eine Aufenthaltsgenehmigung vorlegen, die es seit 2009 für EU-Bürger*innen nicht mehr gibt. Das ging so weit, dass ich alle meine Zeugnisse vorlegen musste, um zu beweisen, dass ich nicht in Wirklichkeit in Großbritannien lebe und hier nur Geld schnorre. Ich war noch nie in England und hatte zu dem Zeitpunkt sogar eine 4 in Englisch …“

Kein Raum für Einzelfälle

„Ich wusste nicht, dass mein dementer Opa auf einem Konto 10.000 Euro für mich angelegt hatte. Als ich davon erfuhr, war ich so ehrlich, dem BAföG-Amt davon zu erzählen. Man versicherte mir in einem persönlichen Gespräch, dass dies kein Problem sei, vorausgesetzt das Geld sei bis zum Folgeantrag nicht mehr über meinen Namen registriert. So zog ich bei meinem Eltern aus, kaufte die Ersteinrichtung von dem Geld und ließ mein defektes Auto reparieren. Das übrig gebliebene Geld lag unter dem zugelassenen Satz, den man für den Antrag haben darf. Ich stellte den Folgeantrag, aber bekam nie einen Bescheid und auch kein Geld mehr. Auf Nachfrage hieß es, ich habe ja genug Geld. Als ich sagte, dass ich davon ausgezogen bin, trudelte ein Schreiben vom Anwalt ein, laut dem ich wegen Betrugs verklagt wurde und alles bereits erhaltene BAföG auf einen Schlag zurückzahlen sollte. Nach ein paar Monaten Papierkrieg unserer Anwälte wurde diese Klage fallengelassen. Das restliche Geld war nun aufgebraucht, da ich in dieser Zeit kein BAföG bekommen habe. Das Ende vom Lied war, dass ich als Tochter eines Klempners und Alleinverdieners einer vierköpfigen Familie keinen Cent BAföG mehr erhalten habe und bereits im dritten Semester einen Studienkredit aufnehmen musste, um mir das Studium überhaupt weiterhin leisten zu können.“

„Die Beantragung war aufgrund meiner persönlichen Lebenskonstruktion – arbeitssuchend, teilselbständig, unverheiratet in Partnerschaft mit Kind – am Ende so kompliziert, dass ich mich gegen eine Weiterbildung entschieden habe und mich lieber noch einen Moment vom Arbeitsamt habe tragen lassen, bis mir eine Weiterbildung vom Arbeitsamt bezahlt wurde.“