Das sind eure Erfahrungen mit Rassismus an Schulen

Die Frage „Woher kommst du wirklich?“, unfaire Benotungen und Ausgrenzung – ze.tt-Leser*innen berichten von Rassismus an Schulen.

Grundschule

"Woher kommst du wirklich?", unfaire Benotungen und Ausgrenzung – ze.tt-Leser*innen berichten von Rassismus in Schulen. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/ZB

Unter dem Hashtag #metwo berichten seit vergangenem Jahr Menschen auf Twitter von alltäglichem Rassismus. Dazu gehören verbale Attacken, Mobbing, Stigmatisierungen, körperliche Angriffe. Alltagsrassismus zeichnet sich dadurch aus, dass er im Alltag passiert: im Job, auf der Straße, in der Schule. In einer kürzlich erschienenen Reportage sind wir der Frage nachgegangen, welche Rolle Rassismus bei der Schulwahl spielt. Darin erklärt die Ungleichheitsforscherin Aylin Karabulut: „So wie Schule aktuell funktioniert, ist sie überhaupt nicht darauf ausgerichtet, als Schule in der Migrationsgesellschaft zu funktionieren.“

Wir haben unsere Leser*innen gefragt, welche Erfahrungen sie mit Rassismus an Schulen gemacht haben. Hier kommt eine Sammlung der Erlebnisse:

Schönheitsnorm

„Mir wurde ständig in meine Haare gefasst. Und wenn ich sie geglättet trug, sagten viele Mädchen, dass sie so schöner waren. Ich hatte lange das Gefühl als junges Mädchen, nicht der weißen Norm der Schönheit zu entsprechen. In der Grundschule wurde ich mit Tieren verglichen und mein Afro als Topffrisur beschimpft.“

Deutschnoten

„Ich habe einen italienischen Nachnamen. Beim Elterngespräch aufgrund schlechter Noten im Deutschunterricht am Gymnasium wurde meiner Mutter subtil vermittelt, man könne einem Kind mit ausländischem Namen nicht bessere Noten im Aufsatz geben als den deutschen Kindern. Mir wurde die Realschule empfohlen. Ich habe dann die Schule gewechselt. Ein anderes Gymnasium. Dort waren die Deutschnoten auf einmal wieder gut.“

Von 14 Punkten zu sieben Punkten

„Die krasseste Erfahrung war im Gymnasium. Neue Klasse – anderer Deutschlehrer. Ein älterer Lehrer gab mir schlechtere Noten in Deutsch und nahm meine Wortmeldungen nicht dran oder ließ mich nicht ausreden. Meine hellblonde, blauäugige Sitznachbarin hatte das Problem nicht. (Es war auch bekannt, dass dieser Lehrer rassistisch war.) Mich hat das damals unheimlich fertig gemacht, da ich im vorherigen Jahr 14 Punkte hatte und nun seltsamerweise nur noch sieben bis acht Punkte, dabei war Deutsch eines meiner stärksten Fächer.“

Ausländerförderunterricht

„Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft und auch einen deutsch klingenden Vor- und Nachnamen. Als ich in der zweiten Klasse nach einem Umzug an eine neue Grundschule kam, wurde ich trotzdem – ohne dass meine Eltern darüber informiert oder ich auf meine Sprachkenntnisse getestet wurde – in den sogenannten Ausländerförderunterricht gesteckt, um Deutsch zu lernen. Ich spreche kein Wort Arabisch, ich wurde (leider) nur einsprachig erzogen. Das einzige, was mich von anderen Kindern abhob, war meine Hautfarbe, die etwas dunkler als der Durchschnitt ist. Auch ein anderes Kind aus meiner Klasse – er hat ebenfalls einen arabischen Vater – wurde in diesen Unterricht gesteckt, obwohl er wie ich einsprachig Deutsch erzogen wurde.“

Prügel an der Tischtennisplatte

„Als ich mit H. auf dem Pausenhof Tischtennis spielte, kam ein Oberschüler zu unserer Tischtennisplatte. Er war uns direkt suspekt, denn er hatte eine Glatze und so eine lächerliche Bomberjacke. Mein Freund (er ist ein Sinti aus Rumänien) wusste direkt, was los war und hat schneller die Situation verstanden als ich. Er rief sofort „Nazis raus“. Der Nazi hat dann auf H. eingeprügelt. Als ich einen Lehrer suchte und ihn um Hilfe bat, meinte er nur, dass wir uns nicht so anstellen sollten, das wäre doch normal und der H. hätte es sicherlich verdient. Erst als drei Mädchen aus der Oberstufe vorbeikamen und dazwischengingen, hat der Nazi von H. abgelassen und ist davon gelaufen.“

Diskriminierender Lehrer

„Wir waren drei Schüler mit Migrationshintergrund in der Klasse. Auf der Schule waren wir deutlich in der Minderheit. Herr Otto hat uns von Tag eins an versucht einzutrichtern, dass wir auf einem Gymnasium nichts verloren hätten. Wir sollten die Schule verlassen und auf eine Gesamtschule wechseln und anschließend eine Lehre im Handwerk machen. Bis zur neunten Klasse hat er das durchgezogen. In jedem Zeugnis hatte ich in Mathe und Physik die Note fünf. Die schwierigsten Fragen habe immer ich gestellt bekommen. Eines Tages hat irgendjemand ein Hakenkreuz an einen Schrank gekritzelt. Herr Otto wollte uns das in die Schuhe schieben. Es gab diverse Gespräche. Ich habe dann die Schule gewechselt. Die anderen beiden sind wegen Herrn Otto sitzen geblieben. Ich habe später mein Abitur gemacht und hatte Mathe als Leistungskurs. Herr Otto hat zu keinem Zeitpunkt eine Funktion ausgeübt, die man von einem Lehrer erwartet hätte. Er ist eine Schande für diesen Beruf.“

„Woher kommst du wirklich?“

„Die Herkunftsfrage gehörte in Nürnberg, wo ich aufwuchs, obligatorisch zum Kennenlernen dazu. ‚Woher kommst du? Nein, ich meine wo du ‚wirklich‘ herkommst?‘ Ich wurde in Nürnberg geboren und kannte auch nichts anderes, aber sobald klar wurde, dass meine Eltern ursprünglich aus der Türkei stammten, war ich ‚der Türke‘. Sie, die Deutschen, die Einheimischen, und ich der Ausländer, der Gast. Dies kam von Schüler*innen genauso wie von Lehrkräften. Ich habe damals Theater gespielt (‚deutscher‘ geht es zwar wohl kaum, aber man konnte sich eben ein Bein ausreißen, man bekam nie ein ‚Upgrade‘, um zur elitären Gruppe der Deutschen dazuzuzählen) und ich erinnere mich, wie eine Mutter nach dem Stück zu der anderen Schauspielerin mit Migrationshintergrund und mir kam und uns ein Kompliment machen wollte: ‚Dafür, dass ihr Türken seid, ist euer Deutsch schon wirklich sehr gut, das muss man schon sagen.‘
Meine Freundin und ich sind hier geboren und aufgewachsen, geht diese Frau jetzt davon aus, dass wir von Natur aus minderbemittelter sind als biodeutsche Kinder und es deswegen eine große Leistung wäre, die Sprache auf einem muttersprachlichen Niveau zu sprechen? Sie verstand natürlich nicht, warum wir so beleidigt waren, aus ihrer Perspektive hatte sie uns ja schließlich ein Kompliment gemacht. Die Lehrkräfte waren teilweise nicht anders, ich kann mich erinnern, wie eine Lehrerin über die türkischen Gastarbeiter in einem Kontext sprach, in dem sie diese mit anderen Eindringlingen aus einer anderen geschichtlichen Epoche verglich. Ich meldete mich und sagte ihr, dass der Unterschied darin liege, dass wir nicht ungewollt eingedrungen, sondern auf Einladung gekommen seien, woraufhin sie nur entgegnete, die Einladung hätte nicht miteingeschlossen, dass wir blieben.
Mein Biolehrer sprach über Deutsche und über Ausländer, also quasi Menschen wie mich, und meinte, dass – in Bezug auf nationale Identitäten – ‚ein Schwein, das in einem Pferdestall geboren wurde, bleibt immer noch ein Schwein.‘ Nicht nur, dass wieder deutlich gemacht wurde, dass man Deutsche und Ausländer genauso wenig miteinander vermischen könnte, wie man Wasser und Öl miteinander vermischen kann, nein, es wurde auch noch ziemlich deutlich, dass wir wohl anscheinend die dreckigen Schweine waren und sie die galanten Pferde. Und das alles an einer ‚Schule ohne Rassismus‘. Eine bedeutungslose Plakette, leere Worte und nichts dahinter.
Mittlerweile lebe ich in Mainz, niemanden hier juckt meine Herkunftsgeschichte – und statt Exklusion erlebe ich Inklusion. Einmal habe ich an der Uni über meine türkische Identität gewitzelt und meinte: ‚Das ist halt bei uns Türken so‘, und mein Kommilitone meinte: ‚Was für ein Türke, jetzt laber doch keinen Sch**ß, du bist doch genauso deutsch wie ich.‘ Ich war perplex, nach all den Jahren hatte ich doch das ‚Upgrade‘ bekommen und was hat es dazu gebraucht? Menschen, die ihr Deutschsein nicht als Prestige verstehen.“