Das solltest du bei deiner Hochzeit beachten, wenn du introvertiert bist

Eine Hochzeit soll angeblich der glücklichste Tag im Leben sein. Doch im Mittelpunkt zu stehen ist introvertierten Menschen eher unangenehm. Wie lässt sich das miteinander vereinen?

Ja, ich will (wenn sonst niemand dabei ist). Quelle: David Thomaz/Unsplash | CC-Lizenz

Es ist meine absolute Horrorvorstellung. Ich betrete im Brautkleid die Kirche, hundert Augenpaare sind auf mich gerichtet und blicken mir erwartungsvoll entgegen. Bei jedem Schritt nach vorne würde ich am liebsten fünf zurück machen. Ich stehe im Mittelpunkt des Geschehens – und das noch die ganze Zeremonie hindurch. Mein Freund neben mir findet das mindestens genauso unangenehm, doch leider können wir keine Doubles zu unserer eigenen Hochzeit schicken. Schließlich sollen wir uns auch noch vor allen Anwesenden küssen. Der Höhepunkt der Unannehmlichkeiten ist erreicht.

Das, was für viele den angeblich glücklichsten Tag im Leben darstellt, stresst mich schon in Gedanken. Mal abgesehen davon, dass ich der Ehe kontrovers gegenüberstehe (aber das ist ein anderes Thema) und als Atheistin niemals kirchlich heiraten würde, frage ich mich als introvertierte Person: Wer will sich dieses ganze Theater wirklich freiwillig antun?

Bei allen Trauungen, die ich bisher miterlebt habe, strahlten die Ehepaare, lachten und waren voll in ihrem Element. Bei all diesen Trauungen flüsterten mein Freund und ich uns gegenseitig zu: „So machen wir das nicht.“ Das Ja-Sagen ist das eine, aber damit ist eine Hochzeit ja für gewöhnlich nicht gegessen. Stattdessen geht es mit Veranstaltungspunkten wie Hochzeitstanz und Tortenanschnitt weiter. Für mich klingt das nach reiner Tortur, Aufmerksamkeit hoch zehn. Wie kann sich Heiraten auch für Introvertierte entspannt anfühlen?

Intros haben andere Bedürfnisse als Extros

Dr. Sylvia Löhken ist Expertin in Sachen Intros und Extros, wie sie intro- und extrovertierte Menschen bezeichnet, ist selbst introvertiert, hat bereits mehrere Bücher über die beiden Persönlichkeitspole verfasst, gibt dazu Coachings und hält Vorträge. Sie sieht drei grundlegende Ursachen, weshalb die eigene Hochzeit für Introvertierte emotional belastend sein kann. „Auf dem Tag lastet ein enormer Druck“, erklärt sie. „Das war früher vielleicht mal entspannter, aber heute muss es ja das Event schlechthin sein. Man steht den ganzen Tag auf dem Präsentierteller, es gucken einen alle an, was für Introvertierte sehr viel Stress bedeutet.“

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Introvertiert heißt wörtlich „nach innen gewandt“. Die Energie von Introvertierten geht nach innen, nicht nach außen. Anders als Extrovertierte, die ihre Energie aus dem Austausch mit der Außenwelt ziehen, holen sich Introvertierte ihre Energie im Alleinsein und in Ruhe. Introvertierte Menschen, so Löhken, seien außerdem sehr sicherheitsorientiert. „Introvertierte haben die Dinge gern berechenbar. Auf eine Hochzeit kommen viele Menschen, es passieren Zeremonien, die wir nicht kennen, neue Situationen.“

Um die Tatsache, dass man im Mittelpunkt steht, kommt man nicht drumherum.“ – Sylvia Löhken

Zudem ereigneten sich so viele Dinge gleichzeitig, die Introvertierte überstimulieren könnten: „Wenn Introvertierte zu viele Sinneseindrücke bekommen, fühlen die sich leicht überfordert, während Extrovertierte in ihrem Gehirn einen riesigen Parkplatz dafür haben.“ Auf einer Hochzeit ist ständig etwas los, jemand übergibt ein Geschenk, der Fotograf will etwas, die Musik läuft, man muss daran denken, ständig zu lächeln. Alles fordert Aufmerksamkeit. „Um die Tatsache, dass man im Mittelpunkt steht, kommt man nicht drumherum. Aber man kann Weichen stellen, damit der Tag angenehmer wird“, meint sie.

Eine positive innere Haltung einnehmen

Löhken rät dazu, bereits im Vorfeld eine entspannte innere Haltung einzunehmen. „Wenn man sich sagt: ,Heute muss alles perfekt sein und alle müssen glücklich sein‘, dann ist der Stress vorprogrammiert. Darauf reagiert dann auch der Körper.“ Stattdessen solle man sich selbst den Druck nehmen und sich bewusst machen: „Das ist mein Tag und wir machen ein fröhliches Fest mit Menschen und mal gucken, was passiert.“

Vorher aktiv Wünsche äußern

Wer heiratet, dem helfen häufig ein paar Leute bei der Organisation. Um auszuschließen, dass sie peinliche Spiele, die die anderen amüsieren und man selbst unangenehm findet, einplanen, sollte man mit den entsprechenden Personen sprechen – und nicht einfach still darauf hoffen, dass es schon glimpflich ausgeht. „Ich freue mich riesig auf den Tag, könntet ihr bitte darauf achten …“, ist laut Löhken ein guter Gesprächseinstieg. „So weiß man, es wird nichts passieren, wo man dann als Spaßbremse dastehen könnte, wenn man das nicht machen möchte. Das kann Introvertierten extrem Druck rausnehmen, wenn sie auf das, was kommt, vorbereitet sind. Alles, was vorher planbar oder abstimmbar ist, das tut uns Intros gut.“

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Hochzeitsplanung mit Partner*in absprechen

Eine Hochzeit könne man klein halten: Standesamt, Essen, ab nach Hause. Generell sei das für Introvertierte angenehmer, meint Löhken. Aber es sei auch wichtig zu schauen, was der*die Partner*in will, der*die vielleicht eher extrovertiert ist. „Da muss man sich gegenseitig fragen: Was wünschst du dir denn? Es ist ja ein gemeinsamer Tag.“

… und mit der Familie

Wie eine Hochzeit aussehe, sei aber nicht nur vom Paar selbst, sondern auch vom sozialen Umfeld abhängig, findet Löhken: „Stellen Sie sich mal vor, Sie sind introvertiert, aber in einer fröhlichen Großfamilie groß geworden. Wenn Sie dann sagen: Wir essen zu Mittag und dann sind wir weg, wäre das ein Bruch mit den Traditionen, wenn sonst immer noch die Cousinen und Tanten, Onkel dazukommen.“ Um die eigenen Bedürfnisse mit denen der Eltern, Geschwister oder Trauzeug*innen zu vereinen, sodass es immer noch das eigene Fest ist, helfe es nur, miteinander zu sprechen: „Das Problem ist ja: Zwei Menschen heiraten, aber eigentlich heiraten ja auch zwei Familien. Eine Hochzeit ist ein Tanz auf verschiedenen Hochzeiten, weil ganz verschiedene Interessen in dem Projekt stecken.“

Für Auszeiten sorgen

Um der Überstimulation vorzubeugen, rät Löhken dazu, genügend Auszeiten einzuplanen: „Ich hatte bei meiner eigenen Hochzeit eine Mittagsruhe und da habe ich mich allein zurückgezogen. Bei der Planung hatte ich diese Auszeit schon mit eingeplant und habe das auch kommuniziert. Diese Zeit mit wenig Stimulation kann unheimlich helfen.“

Nicht die Opferrolle einnehmen

Damit die eigenen Wünsche auch richtig bei den anderen ankommen, soll man laut Löhken nicht in die Opferrolle à la „Ich bin introvertiert, lassen Sie mich durch“ fallen. „Statt zu sagen: ,Nee, das geht nicht, ich bin introvertiert, ich will das nicht, das stresst mich voll‘, lieber kommunizieren: ,Ich möchte einfach frisch sein an dem großen Tag und wünsche mir eine Auszeit zwischendurch‘, dann bin ich auch sicher, dass das klappt. Das hört sich dann ganz anders an.“

Kleidung wählen, in der man sich wohlfühlt

„Es gibt Bräute, die staffieren sich aus wie Zirkuspferde“, urteilt Löhken. Man solle etwas tragen, was schön ist, aber worin man sich wohlfühlt. „Also am besten keine neuen Schuhe oder ein Kleid, das nur schön aussieht, aber die Hölle auf Erden bringt und mit dem man nicht mal alleine auf Toilette kann.“

Sich klarmachen, wer kommt und auf wen man sich freut

Auch, wenn es eigentlich offensichtlich ist: Zu der Hochzeit sind bestenfalls nur Leute eingeladen, die man kennt und gerne mag. Auch wenn man im Mittelpunkt steht, sind die Anwesenden keine Unbekannten. „Das nimmt enorm Druck raus, wenn wir uns vorher schon überlegen, wer kommt und auf wen wir uns besonders freuen“, meint Löhken.