Das Unwohlsein der modernen Mutter

Versorgerin, Businesswoman, MILF – Mütter sollen heute alles sein. Dass darunter ihr Wohlbefinden leidet, ist kein Wunder. Ein Essay

Alle Mutterideale vereint in einer Person: Beyoncé. Illustration: Elif Kücük

Dieser Text entsteht als Sprachnachricht auf dem Fahrrad, ich fahre vom Büro zur Kita. Zehn Minuten habe ich noch, bevor die Kita schließt. Wenn ich schnell fahre, brauche ich eine Viertelstunde. Während ich auf meinem Fahrrad in mein Smartphone spreche, fahre ich über zwei rote Ampeln und das ist mehr als eine Metapher. Ich bin spät dran, wie immer. Gern hätte ich heute noch länger gearbeitet. Mein Kind mag es nicht, wenn es pünktlich abgeholt wird. Pünktlich bedeutet hier 16 Uhr, Schließzeit der Kita. Um 16 Uhr bin ich fast immer die Mutter, die später kommt als alle anderen Eltern. Ich habe keine Ahnung, wie die anderen Familien das machen.

Ich bin also genau um 16 Uhr an der Kita-Tür und schließe mit Schweiß auf der Stirn und außer Atem die Tür auf. „Dein Kind wartet schon sehnsüchtig“, begrüßt mich ein Vater. Zack, das sitzt. Schlechte Mutter, warum kommst du so spät? Mein Kind begrüßt mich mit trauriger Miene und der Frage „Warum bist du so spät?“ Mir fällt keine pädagogischere Antwort ein als das ehrliche: „Erstens bin ich pünktlich und zweitens muss ich arbeiten, um unsere Miete zahlen zu können.“ Meine Genervtheit landet hier definitiv bei der falschen Person.

Aus „sofort“ wird „später“

Vor der Kita-Tür schreibe ich einem Kollegen eine kurze Nachricht, der gerade einen Text von mir redigiert. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, auf seine Kommentare zu reagieren. Währenddessen jammert mein Kind neben mir nach Eis. „Wann gehen wir endlich los?“ „Gleich“, sage ich. Ich kann nicht zählen, wie oft am Tag ich „gleich“ oder „sofort“ zu meinem Kind sage – und in den seltensten Fällen bin ich ehrlich damit. Meistens wird aus gleich oder sofort ein später. Ich finde mich dabei selbst sehr ätzend. Neben uns steht eine andere Kita-Mutter mit Kind an ihrem Fahrrad und bekommt das Schloss nicht auf.

Wir versuchen seit Anfang des Sommers, uns zu verabreden. Jetzt verfärben sich langsam die Blätter an den Bäumen. Ich mag diese Frau wirklich gern, es ist mir unangenehm, dass wir es bis jetzt nicht geschafft haben. Ich überlege kurz wegzuschauen, schaue dann aber doch hin. „Es tut mir leid, ich schaffe gerade gar nichts, außer überleben“, sage ich. Sie schaut zurück, lächelt müde und antwortet: „Ich weiß genau, was du meinst. Ich könnte jetzt sofort heulen.“ Wir lächeln uns solidarisch zu, heulen beide nicht und fahren mit unseren Kindern los. Ich mit einem Kloß im Hals, sie vielleicht auch.

Es tut mir leid, ich schaffe gerade gar nichts, außer überleben.“

Es wundert mich nicht, dass eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nun belegt: In den sieben Jahren nach der Geburt eines Kindes verschlechtert sich das mentale Wohlbefinden von einem Drittel aller Mütter deutlich. Es handelt sich um eine „substanzielle Verschlechterung“, so heißt es in der Studie. Das Unwohlsein der befragten Mütter äußert sich in drei Dimensionen: mentaler Stress, stressbedingter und sozialer Rückzug, depressive Verstimmungen und Angstgefühle.

Verabredungen als Running Gag

Ja, ja, und ja. Ich kenne all das und die meisten meiner Freundinnen, die Mütter sind, ebenfalls. Zwischen einer Freundin und mir ist unser seit Monaten geplantes Treffen mittlerweile ein Running Gag geworden. Ich möchte seit einem Jahr wieder regelmäßig tanzen und habe bisher nur die Google-Recherche nach Jazzdance-Kursen in meiner Gegend hinbekommen. Eine glückliche Beziehung führen, das schaffe ich nur mit meinem Vibrator. Für das letzte Buch, das ich gelesen habe, brauchte ich mehrere Wochen. Und ich bin eine schnelle Leserin und das Buch ist sehr gut.

Das Buch hat Antonia Baum geschrieben, es heißt Stillleben und dreht sich um die Frage, wie man Mutterschaft und ein eigenes Leben verbindet und warum es Mütter eigentlich niemandem recht machen können. Oft vor allem nicht mal sich selbst. Woran das liegt?

Baby belastet Mamas Psyche titelte die ÄrzteZeitung zur Studie. Das ist in den meisten Fällen Quatsch und viel zu kurz gedacht. Natürlich ist das Leben mit einem Baby oder einem (Klein-)Kind oft anstrengender, vor allem fremdbestimmter, als ohne. Es ist aber nicht das Kind, das die Psyche belastet, sondern die Bedingungen, zu denen Mutterschaft in Deutschland möglich ist. Und die Leitbilder und Ideale, die Mütter betreffen.

Versorgerin, Businesswoman, MILF

Da gibt es das Leitbild der das Kind versorgenden Mutter mit starken sozialen Erwartungen. Das Leitbild der erwerbstätigen Mutter, die zu funktionieren hat, weil sie ja heutzutage schließlich genau die gleichen Chancen hat wie ihre Kollegen. (Ich lache an dieser Stelle leise und augenrollend.) Das Leitbild der Mutter als Vorbild für ihr Kind. Vor allem bei getrennten Eltern dann noch das Leitbild der MILF, der Mom I’d Like to Fuck.

So viele Bilder, und alle sollen sich in einer Person wiederfinden. Wer soll das schaffen? Außer Beyoncé fällt mir niemand ein. Wobei bei ihr natürlich ein Thema keine Rolle spielt. Beyoncé kann sich acht Nannys für ihre Kinder leisten. Die meisten Mütter, die ich kenne, können das nicht. Kinder sind teuer, heißt es immer wieder. Das stimmt so nicht, finde ich. Ja, natürlich bezahlt man mehr für Kleidung und Essen. Das geht aber auch günstig, wenn es sein muss. Was teuer ist, ist ein gutes Leben mit Kindern.

Mutterschaft als Polarisierung

„Hinter den Ergebnissen unserer Studie liegt ein soziales Problem“, sagt Marco Gießelmann vom DIW. 19 Prozent der befragten Mütter beschreiben eine Verbesserung ihres Wohlbefindens. Mutterschaft ist eine Entlarvung, eine Polarisierung. Lebt eine Frau in sozialer Sicherheit, besteht eine hohe Chance, dass es ihr auch nach der Geburt eines Kindes gut gehen wird. Lebt eine Frau prekär, polarisiert Mutterschaft die Herausforderungen ihres Lebens. Gut zu sehen ist das am Beispiel von Ein-Eltern-Familien.

Rund ein Drittel aller Alleinerziehenden sind von Armut bedroht. Das Familienleben ist häufig ein wackliges Konstrukt – sobald eine Säule ins Wanken gerät, bricht das Konstrukt zusammen. Wenn das alleinerziehende Elternteil krank wird – zu rund 90 Prozent sind das Frauen –, ein Kind krank ist oder wenn die Waschmaschine kaputt geht. Zu wissen, dass das Konstrukt jederzeit auseinanderfallen könnte, macht Stress. Zu wissen, dass da niemand ist, um Sorgen und Belastungen zu teilen, macht Stress. An alles allein denken zu müssen und alles allein machen zu müssen, macht Stress.

Stress, den auch viele Mütter in heterosexuellen Partnerschaften kennen. Der Begriff Mental Load beschreibt die sichtbaren und unsichtbaren Aufgaben im Alltagsleben, ohne die kein Haushalt und keine Familie funktionieren kann. Wer macht die Einkaufsliste? Wer näht kaputte Kleidungsstücke? Wer kümmert sich um die Geburtstagsgeschenke? Wer schneidet dem Kind die Fingernägel? Wer denkt daran, dem Kind neue Schuhe für die nächste Jahreszeit zu kaufen? Fragen, die sich nach wie vor meistens zuerst die Mütter stellen.

Verantwortung kostet Energie

Ja, es gibt sie, die Väter, die gleichberechtigte Elternschaft leben wollen. Die Familienstrippen halten jedoch weiterhin noch viel zu oft die Mütter in den Händen. Und auch Aufgaben zu delegieren ist Arbeit. Immer an alles denken zu müssen ist Arbeit und nimmt einen Teil der vorhandenen Energie. An Sachen denken kostet Energie, Verantwortung kostet Energie.

„Es ist ganz einfach, dachte ich (…), ich will ein Mann sein. (…) Ich will ein Mann sein, aber ich will nicht aussehen wie einer. (…) Aber die Möglichkeit aufzustehen, sich nicht zuständig zu fühlen und weiterzugehen, diese Möglichkeit wollte ich besitzen, für immer.“ (aus: Stillleben)

Die Lösung kann natürlich nicht sein, dass Mütter nun Väter werden. Die Lösung kann aber sein, dass Mütter und Väter Eltern werden. Die Bemühung darum, keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern zu machen. Im Denken und im Handeln. Und nein, dass nur Mütter stillen können, ist für mich kein relevantes Argument. Wenn man gleichberechtigte Elternschaft leben will, geht das sehr wohl auch mit einem Kind, das stillt. Es müssen bloß alle wirklich wollen.

Die Lösung kann sein, dass Mütter und Väter Eltern werden.“

Die Verantwortung für die gesellschaftliche Veränderung liegt bei der Politik. Sie muss Bedingungen schaffen, in denen gleichberechtigte Elternschaft gelebt werden kann – und in denen auch Ein-Eltern-Familien gut leben können; immerhin die am stärksten wachsende Familienform. „Eine hochqualifizierte Betreuungssituation steigert das Wohlbefinden“, sagt Marco Gießelmann vom DIW. Nur über eine veränderte Politik kann es zu einer veränderten Norm der Gesellschaft kommen. Nur so können die starren Mutterideale aufgeweicht werden.

Manchmal treffen all diese überhöhten Mutterideale und alle Rufe nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Realität. In Thüringen musste gerade eine Abgeordnete den Landtag verlassen, weil sie ihr Baby dabei hatte. Mütter sollen alles sein – aber nur, wenn es auch allen passt. Eine Mutter im Wochenbett im Landtag, gern – das Baby soll sie aber bitte zu Hause, oder wo auch immer, lassen. Eine Mutter, die gern Sex hat, prima – aber laut und öffentlich darüber sprechen, das schickt sich nicht. MILF bleibt währenddessen das beliebteste Porno-Genre. Eine Mutter soll selbstverständlich berufstätig sein – aber bitte nicht karrieregeil. Was Mütter wollen, scheint nicht relevant zu sein.

Dass es vielen Müttern in den ersten Jahren nach der Geburt ihrer Kinder mental und emotional schlechter geht als vorher, liegt nicht an ihren Kindern. Es liegt an den gesellschaftlichen Strukturen, die nicht für Frauen und erst recht nicht für Frauen mit Kindern gemacht wurden. Sondern von Männern für Männer. Strukturen, die für die Leistungsgesellschaft gemacht wurden. Für Menschen ohne familiäre Verpflichtungen rund um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Familiäre Fürsorgearbeiten haben in diesen Strukturen bisher keinen Platz – das bekommen vor allem Mütter zu spüren, tagtäglich.

Ich möchte mal an einer Ampel stehen und warten, bis es grün wird. Bis die Ampel wieder rot wird. Und dann wieder grün. Einfach da stehen und warten. Und irgendwann bei grün losgehen, wenn ich Lust darauf habe. Am liebsten gemeinsam mit meinem Kind.

Dieser Text ist in der Kategorie „Essay“ für den Deutschen Reporterpreis nominiert


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