Das würde geschehen, wenn wir kein Fleisch mehr äßen

Fleisch zu essen schadet nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch der Umwelt. Das geht auch anders. Ein Essay

Was passiert, wenn sich alle vegetarisch ernähren?

Wir würden nicht nur Tiere schützen, sondern auch dem Klimawandel aktiv entgegenwirken. Foto: Adam Morse / Unsplash | CC0

Du bist, was du isst. Dieser Spruch ist so alt wie die Grundsatzdiskussion zwischen Vegetarier*innen und Fleischesser*innen. Wenn man denn möchte, dann lassen sich sicher nahezu genauso viele Gründe finden, Fleisch zu essen, wie darauf zu verzichten. Manche Menschen ernähren sich ihrer Gesundheit zuliebe vegetarisch. Andere essen kein Fleisch, weil sie das Töten von Tieren nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Wieder andere verzichten wegen der ökologischen Folgen der Massentierhaltung. Und Fleischesser*innen schmeckt es vielleicht einfach gut oder es wirkt sich als Eisenlieferant positiv auf das Wohlbefinden aus. Welche Argumente die besseren sind, muss jede*r für sich selbst entscheiden. Aber was würde eigentlich passieren, wenn niemand auf der Welt mehr Fleisch äße?

Preispolitik auf Kosten von Tieren, Klima und Umwelt

Während ich mal wieder durch den Supermarkt spaziere, entdecke ich Frischfleisch zu Tiefpreisen: 2,59 Euro für das Pfund Rinderhack, Cordon Bleu jetzt 20 Prozent billiger, Wurst und Aufschnitt für wenige Cents. Seit einigen Jahren scheinen sich deutsche Lebensmittelketten einen Preiskrieg zu liefern und geben Verbraucher*innen somit kaum Anlass, über ihre Kaufentscheidung, die Produktionsbedingungen und den eigentlichen Wert von Fleisch nachzudenken. Diese Preispolitik geht in meinen Augen leider in die vollkommen falsche Richtung, denn wer sieht sich schon diese Produkte an und denkt im gleichen Moment daran, dass dieser Wahnsinn eigentlich auf Kosten von Tieren, Klima und unserer Umwelt geht? Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, habe ich meistens nicht das Gefühl, dass sich besonders viele Menschen mit diesen Fragen ernsthaft auseinandersetzen. Im Gegenteil: Der Fleischkonsum wird, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, nicht weiter hinterfragt und niedrige Preise begünstigen dieses Verhalten natürlich.

Und plötzlich stehe ich dann mit meiner angeblich speziellen Ernährungsform im Mittelpunkt, weil ich damit eben noch immer zu einer Minderheit gehöre – aber ganz sicher nicht, weil ich missionieren wollte.

Seit ich 15 Jahre alt bin, ernähre ich mich vegetarisch. Das wird zwar von den meisten Menschen akzeptiert und gelegentlich sogar bewundert, trotzdem werde ich noch oft genug als Ausnahme betrachtet: „Was isst du denn, wenn wir unsere Bratwürstchen grillen?“; „Fehlen dir bei deiner fleischlosen Ernährung nicht wichtige Nährstoffe?“; „So gar kein Fleisch, also nein, das könnte ich beim besten Willen nicht!“. Diese Sätze nerven nicht nur, sie zwingen mich auch immer wieder zu einer gesundheitspolitischen Diskussion.

Und plötzlich steh ich dann mit meiner angeblich speziellen Ernährungsform im Mittelpunkt, weil ich damit eben noch immer zu einer Minderheit gehöre – aber ganz sicher nicht, weil ich missionieren wollte. Auch wenn wir immer mehr über eine vegetarische oder vegane Ernährung sprechen, es immer neue Produkte dafür in den Supermärkten gibt und auch immer mehr vegetarische Restaurants eröffnen, haben tierische Produkte nach wie vor einen großen Stellenwert in unserer Ernährung. Sie gehören für die meisten Menschen einfach dazu.

Auf Fleisch verzichten bedeutet auch, dem Klimawandel entgegenzuwirken

Der Fleischatlas 2018 bestätigt mich in dieser Erkenntnis: 59 Kilogramm Fleisch verspeist jede*r Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Obwohl der Fleischkonsum in Deutschland rückläufig ist, sind das eindeutig zu viele Tiere, die ihr kurzes Leben zusammengepfercht in Massentierhaltung verbringen, so meine Meinung. Insgesamt 56 Milliarden Nutztiere züchten, mästen und töten wir jedes Jahr, der Großteil davon wird natürlich nicht artgerecht gehalten. Aber nicht nur die Tiere leiden darunter. Dieses System hat weitreichende ökologische Folgen und ist laut dem Institut für Welternährung für 18 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Es verbraucht demzufolge ein Drittel des Trinkwassers, belegt 45 Prozent der gesamten Erdoberfläche, hat 70 Prozent des Amazonas-Regenwaldes zerstört und ist zur größten Bedrohung für die Artenvielfalt geworden.

Eigentlich muss man doch nur eins und eins zusammenzählen, um zu erahnen, was passieren würde, wenn die Produktion und der Konsum von Fleisch zurückginge. Wir würden nicht nur Tiere schützen, sondern auch dem Klimawandel aktiv entgegenwirken. Genau das beweist ein Forscher*innenteam um Marco Springmann von der Universität Oxford. Der Studie zufolge würden über zwei Drittel weniger Treibhausgase aus der Nahrungsmittelproduktion in unsere Atmosphäre gelangen. Und auch für unsere Gesundheit hätte eine weltweit vegetarische Ernährung einen positiven Einfluss. So könnte es gut sieben Millionen weniger Tote jährlich bis 2050 geben. Denn wer kein Fleisch, dafür aber mehr Obst und Gemüse isst, wird seltener herzkrank.

Israelische Wissenschaftler*innen haben herausgefunden, dass mit einer veganen Lebensweise in Zukunft doppelt so viele Menschen ernährt werden könnten.

Beide Effekte zusammen wären auch volkswirtschaftlich viel wert. Der Studie zufolge könnte man so knapp 1,5 Billiarden US-Dollar einsparen, bei der Krankenversorgung und den Kosten für Klimafolgeschäden. Allein die eingesparten Gesundheitskosten wären drei Prozent des erwarteten weltweiten Bruttoinlandsprodukts für 2050. Außerdem würde eine vegetarische Erährungsumstellung für ein bisschen mehr Gerechtigkeit in der Welt sorgen. Es ist bekannt, dass tierische Produkte wie Fleisch und Milch nur einen kleinen Kalorienbedarf der Menschheit abdecken, nur etwa 18 Prozent. Für ihre Produktion werden allerdings 77 Prozent der globalen Agrarflächen verwendet. Durch dieses Ungleichgewicht haben viele Menschen nicht genügend zu essen und eben nicht das Privileg, sich aussuchen zu können, was auf ihrem Teller landet. Israelische Wissenschaftler*innen vom Weizmann Institute of Science in Rehovot haben herausgefunden, dass mit einer veganen Lebensweise in Zukunft doppelt so viele Menschen ernährt werden könnten. In der Theorie ist diese Erkenntnis keineswegs neu, aber in der Praxis scheint sie nicht ankommen zu können.

Beim Thema Fleisch darf es nicht nur um vermeintlichen Genuss gehen

Ich frage mich, warum das so ist, muss aber selbst in Gesprächen mit Freund*innen, Kolleg*innen oder meiner Familie immer wieder resigniert feststellen, dass viele Menschen, aus ganz unterschiedlichen Gründen, die Fakten, Studien und Berichte weiterhin ignorieren und keine wirkliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zulassen. Dann heißt es zum Beispiel: „Fleisch schmeckt mir eben. Der Mensch ist doch Fleischfresser. Nur weil ich jetzt Vegetarier*in werde, ändert sich doch nichts an diesem Zustand.“ Diese Argumente machen mich müde, und abgesehen davon sind sie auch nicht zielführend. Schließlich muss doch wohl irgendjemand anfangen, Verantwortung zu übernehmen, ganz egal, wie unbedeutend dieser Einfluss sein mag, oder?

Klar ist, dass ein Umstieg von heute auf morgen vollkommen unrealistisch ist. Denn an diesem System hängt so viel mehr, was auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist. Viele Probleme haben ein globales Ausmaß erreicht, das ein Zusammenwirken verschiedener Nationen und Regionen voraussetzt. Um die Kosten möglichst gering zu halten, kaufen viele Produzent*innen das Kraftfutter, welches hauptsächlich aus Soja besteht, in Südamerika ein. Das hat zur Folge, dass der Regenwald für die riesigen Anbauflächen weichen muss und die Umwelt nach und nach zerstört wird.

Ein langsamer Übergang zu einer weltweit vegetarischen Ernährung ist denkbar.

Es ist eine Bedrohung, die für uns, zumindest räumlich, weit entfernt scheint –  was sicherlich auch dazu führt, dass wir uns über die Folgen unseres Essverhaltens nicht so viele Gedanken machen. Traurig genug, und doch kommen wir früher oder später nicht darum herum. Oder viel mehr noch: Dürfen wir nicht länger darum herum kommen, weil es bei diesem Thema eben mitnichten nur um vermeintlichen Genuss geht. Ein langsamer Übergang zu einer weltweit vegetarischen Ernährung ist denkbar – und löst auch ein weiteres Problem: Denn aktuell sind etwa eine halbe Milliarde Menschen, so die Forscher*innen des Teams um Springmann, in der Fleischproduktion beschäftigt, sie wären von einer schnellen Umstellung betroffen. Auf lange Sicht wäre das Szenario aber die bessere Lösung für alle: Klima, Umwelt, Menschen, Tiere würden davon profitieren.


Von Alina Hoppe auf EDITION F.

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