„Warum bist du noch single?“ – was du auf diese Frage sagen solltest

Mit Singles stimmt was nicht, oder? Könnte man zumindest meinen, wenn man die ganzen vermeintlich besorgten Nachfragen hört. Ist allerdings ziemlicher Unsinn.

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Um Singles wird sich viel gesorgt. Völlig unnötig. Foto: Caique Silva / Unsplash | CC0

Wer single ist, kennt diesen Satz. Und wenn nicht diesen Satz, dann vergleichbare: „Willst du denn keine*n Partner*in?“ „Du hast zu hohe Ansprüche!“ „Und was ist beim letzten Mal schiefgelaufen? Der*die war doch ganz nett!“ Diese Sätze kommen von Freund*innen, Familienangehörigen, Kolleg*innen, vielleicht auch von wildfremden Menschen, die sich bemüßigt fühlen, den Beziehungsstatus anderer zu kommentieren: „Willst du denn keine Kinder?“

Solche Sätze kann man als harmlose, interessierte Nachfragen verbuchen, aber wenn sie zu oft gestellt werden, dann steckt man irgendwann in der defensiven Dauerschleife und fragt sich fast unweigerlich folgende Fragen: Bin ich vielleicht nicht offen genug? Hätte ich es mal länger probieren sollen? Brauche ich eine neue Frisur? Eine neue Lebenseinstellung? Ein Coaching? Oder vielleicht neue Freund*innen?

„Warum bist Du denn noch single?“ – dieser Satz soll gut tun, dabei ist er ein Standardsatz des Single Shamings. Denn es schwingt auf jeden Fall der leise Verdacht mit, dass der*diejenige nicht zufällig single ist. Sondern weil irgendetwas nicht stimmt. Die Frage ist nur, was?

Nun könnte man natürlich anfangen, sich Antworten auf diese Frage zurechtzulegen. Sowas wie: Weil man irgendwie kein Online-Dating mag und es so schwer ist, anders Leute kennenzulernen. Weil man noch nicht über XY hinweg ist. Weil man irgendwie immer auf die Falschen hereinfällt.

Aber man könnte sich das auch alles sparen und stattdessen anfangen, diese latente Stigmatisierung von Singles auszuhebeln.

Leicht wird das nicht, denn das schlechte Image von Alleinstehenden ist historisch gewachsen und ziemlich stabil. Und das obwohl gerade die Singlefrau in Serien und Filmen wie Sex and the City und How to be single mittlerweile schon mit fast beneidenswertem Lifestyle dargestellt wird. Viele Schuhe, viele Partys, wenig Verantwortung. Doch am Ende bleibt ein fader Beigeschmack. Denn so wirklich komplett ist sie dann eben doch nur mit Mann*. Hallo, Mr. Big. So will es die immer gleiche Dramaturgie der Single-Tragödie. Dass es auch Singlefrauen gibt, die gar nicht an Männern interessiert sind, wird dabei meist ausgespart.

Viele Schuhe, großer Kater

Ohne Mann sind diese Frauen dann zwar unabhängig und leidenschaftlich, aber eben auch verzweifelt und latent neurotisch. „Warum bist du noch single?“ Die Antwort gibt ihr überquellender Schuhschrank und der viele Rosé am Vorabend. Die damit verbundenen negativen Stereotype rund um Singles – kapriziös, beziehungsunfähig, kompliziert – haben sich recht hartnäckig im kollektiven Stereotyp-Reservoir eingenistet. So sehr, dass Singles sich unweigerlich im Fragekarussell rund um die eigene Unzulänglichkeit wiederfinden: Sie sind die, denen was fehlt. Sie sind die, mit denen was nicht stimmt: „Bist du denn nicht alleine?“

Es ist lieb gemeint, aber es ist bevormundend.

Diese ganzen Fragen sind daher auch leider nicht so nett und harmlos, wie sie auf den ersten Blick scheinen. „Wir sind nicht nur das, was wir sein wollen. Wir sind auch das, was andere aus uns machen“, schreibt Carolin Emcke in ihrem Buch über das Begehren. Wir sind nicht nur das, was wir selber sehen. Wir sind auch das, wie andere uns sehen. Und wer sich zu lange als Mängelwesen wahrgenommen sieht, der*die wird die vordefinierte Lücke irgendwann schon selbst spüren. „Warum bist du noch single, du bist doch so toll!“ Es ist lieb gemeint, aber es ist bevormundend. Und überhaupt, seit wann sind denn nur tolle Menschen in Beziehungen? Rhetorische Frage.

Hinzukommt, dass es vor allem Frauen sind, die als Singles als eher so halbgar wahrgenommen werden. Die Wahrnehmung von Singles ist je nach deren Gender sehr verschieden. Auch das hat historische Gründe: Denn für Frauen ist in der klassischen Rollenverteilung bei heterosexuellen Beziehungen die Figur der fürsorgenden, liebenden, für das Private zuständigen Partnerin vorgesehen. Sie kümmern sich um Haushalt und Kinder. Unbezahlt. So war es zumindest mal vorgesehen. Singlefrauen weisen ganz unweigerlich auf diese überholte Geschlechterrollenverteilung hin.

Für Frauen ist der Beziehungsstatus von öffentlichem Interesse

Der Soziologe Jean-Claude Kaufmann beschreibt es so: „Männliche Einsamkeit mag hart und schwer zu ertragen sein, aber sie stellt im wesentlichen eine Privatangelegenheit dar. Hier liegt der große Unterschied zu den Frauen, für die das Alleinleben zugleich eine private und eine öffentliche Angelegenheit ist, die für die Gesamtheit der Gesellschaft von Interesse ist.“ Für Frauen ist der Beziehungsstatus von öffentlichem Interesse. Denn Frauen leisten mehr in Beziehungen, mehr für andere. Der sogenannte Gender Care Gap beträgt gut 52 Prozent. In dem Zusammenhang wird auch deutlich, dass die Eigenschaften, die man Frauen gerne zuschreibt – also zum Beispiel fürsorglich und aufopferungsvoll zu sein – ganz zufällig genau die Eigenschaften sind, die sie für ihre Mehrarbeit in Beziehungen prädestinieren. Eine alleinstehende Frau schleppt nach diesem Rollenbild also einen Überschuss an Fürsorge mit sich rum. Wohin nur damit? Die Frau braucht ein Ventil. „Probier doch mal Bumble.“

„Warum bist du denn noch single?“ – der Bogen von einer kleinen Frage zu einem großen Problem ist weit gespannt, aber er zeigt, wie selbst vermeintlich harmloser Small Talk über unser Datingverhalten auf so zäh-stabile Rollenbilder verweist. Deshalb sollten Singles sich wirklich nicht länger einreden lassen, mit ihnen stimme etwas nicht. Denn eigentlich stimmt doch vor allem mit denjenigen etwas nicht, die Frauen nicht zutrauen, auch alleine ganze Menschen zu sein. Die Antwort auf die Frage ist also eigentlich eine Gegenfrage. Oder aber eine knappe Antwort: „Weil ich mir reiche.“